Auf Schicht mit den Üstra-Kontrolleuren

Die Fahrausweise, bitte!

Adel Amor kontrolliert nicht nur, er unterhält sich auch gern. Sein sonniges Gemüt hilft dem ehemaligen Polizisten aus Tunesien dabei, auch unfreundliche Kommentare auszuhalten.

Adel Amor kontrolliert nicht nur, er unterhält sich auch gern. Sein sonniges Gemüt hilft dem ehemaligen Polizisten aus Tunesien dabei, auch unfreundliche Kommentare auszuhalten.

Hannover. Im Fahrgastfernsehen der Üstra lautet der Spruch des Tages „Ein freundliches Wort findet immer guten Boden“, als Adel Amor und sein Team um 15.05 Uhr ihren Dienst antreten. Und obwohl freundliche Worte gegenüber Fahrkartenkontrolleuren selten sind, freuen sich die vier Üstra-Mitarbeiter auf ihren Tag im sogenannten Prüfdienst. „Man hat mit Menschen zu tun und erlebt jeden Tag etwas Neues“, sagt Amor, der seit 15 Jahren als Kontrolleur arbeitet.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Von der Zentrale über dem Üstra-Kundencenter geht es zu den Linien 3, 7 und 9 Richtung Fasanenkrug und Isernhagen-Altwarmbüchen; fast neun Stunden wird die Schicht heute dauern. Amor ist mit seinen Kollegen Ali, Aki und Nico unterwegs. Auf dem Weg zum Kröpcke erklärt Amor die Taktik: Das Team steigt ein, und sobald die Türen geschlossen sind, geht es los. „Ich stehe vorn“, sagt Amor, „und empfange diejenigen, die meine Kollegen sehen und aus der Bahn stürmen. So kriege ich sie alle“, sagt der 47-Jährige. Der 1,95-Meter-Mann ist stadtbekannt und begrüßt viele Fahrgäste mit Handschlag. „Wer mich nicht kennt, ist kein Hannoveraner“, sagt Amor und strahlt.

Die Fahrt von der Station am Kröpcke endet schnell. Am Hauptbahnhof ertappt Amor eine junge Frau, die noch eine Fahrkarte für unter 21-Jährige benutzt, obwohl sie älter ist. Ein falsches Alter anzugeben ist Betrug und führt zu einer Anzeige. Ihre Papiere will die Frau nicht zeigen, deshalb muss die Polizei ihre Identität feststellen – wie so oft. Denn jeder, der sich nicht ausweisen kann oder will, muss zu den Beamten. „Die Polizei kennen wir besser als die Haltestellen“, sagt Ali stöhnend. Auf die Drohung der Beamten hin, sie auf dem Revier zu durchsuchen, holt die Frau ihren Ausweis aus der Tasche.

„Ich wollte die Bahn nur besichtigen“

Am Lister Platz greift das Team eine Schwarzfahrerin auf, deren Fahrkarte nicht für die gewählte Richtung gilt. „Ich dachte, ich hab’s richtig gemacht“, sagt die Frau, doch Amor bleibt kalt. „Ich glaube ihr nicht.“ Die Ausreden sind immer dieselben: Man wusste es angeblich nicht besser. Sein Favorit: „Ich wollte die Bahn nur besichtigen. Aber als ich eingestiegen bin, hat der Fahrer einfach die Tür zugemacht und ist losgefahren“, trägt Amor ironisch vor.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Das Team der Fahrscheinprüfer, wie sie offiziell heißen, braucht Menschenkenntnis. „Schwarzfahrer erkennt man. Wenn ich komme, zucken sie mit den Beinen“, sagt Amor, der in Tunesien elf Jahre lang als Polizist arbeitete. Sobald das Team einen Vorsatz erkennt, ist es vorbei mit möglicher Kulanz. Üstra-Sprecher Udo Iwannek betont, man sei „generell sehr kulant“. Welchen Kundengruppen gegenüber mag er aus Sorge vor Signalwirkung zwar nicht sagen, doch bei Kindern und sehr alten Menschen herrscht etwas größere Toleranz.

Die Prüfer arbeiten fünf Tage lang in unterschiedlichen Schichten und haben zwei Tage frei. Keiner der insgesamt 52 Kontrolleure spürt nur Schwarzfahrer auf – alle zählen auch Fahrgäste, helfen im Kundencenter und bei Streckensperrungen aus. Für viele ist diese Arbeit ein Auffangbecken, einige der frühereren Bus- oder Stadtbahnfahrer sind aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr im Fahrdienst. Ali hatte einen Herzinfarkt und wäre bei einem weiteren eine Gefahr im Straßenverkehr. Aki gefiel sein Job als Stadtbahnfahrer sehr gut; als Kontrolleur musste er sich umgewöhnen. „Als Fahrer hilfst du den Menschen, als Kontrolleur willst du was von ihnen. Daran hatte ich anfangs zu kauen“, sagt der 46-Jährige.

Kontrolleure bekommen keine „Kopfprämie“

Fahrkartenkontrolleure sind nicht gerade beliebt. Sie helfen zwar auch Älteren beim Einstieg und verbannen Raucher aus den Stationen, doch Dank bekommen sie nur selten. „Na, habt ihr schon alle verhaftet?“, fragt ein Fußgänger provozierend. Und bei den „Stresslinien“ haben die Prüfer noch mehr Polizeihilfe nötig als sonst. „Da gibt es Diskussionen und Schlägereien, das ist sehr anstrengend“, sagt Amor. Die Linie 2 nach Vahrenheide und Sahlkamp, die Linien 3, 7 und 9 Richtung Mühlenberg und Empelde und die Linie 4 zum Roderbruch gehören dazu. „Aber die Linie 10 zwischen Hauptbahnhof und Küchengarten ist am schlimmsten“, sagt Nico. „Und dann die Gerichtstermine, bei denen wir aussagen. Wenn’s drei pro Woche sind, ist das wenig“, sagt Amor.

Am Schluss der Schicht wird Amor von einem Drogensüchtigen geschubst und beleidigt. Der wehrt sich verbal. Um sich zu schützen, werden die Prüfer einmal im Jahr geschult. „Kontrolleur ist kein Job, den jeder machen kann“, erklärt Iwannek. „Viele sind dieser besonderen Stressbelastung nicht gewachsen.“

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Pro Schicht fasst jeder Kontrolleur im Schnitt etwa zehn Schwarzfahrer, früher waren es wesentlich mehr. Im Jahr 2012 wurden 55.220 Schwarzfahrer ohne gültiges Ticket erwischt; in früheren Jahren waren es schon mal knapp 90  000. Gegen 6400 Wiederholungstäter erstattete die Üstra im vergangenen Jahr Anzeige.

Wegen ihrer intensiven Kontrollen wird die Üstra immer wieder kritisiert, doch Sprecher Iwannek verteidigt das Vorgehen. „Unsere Strategie ist, einen Abschreckungseffekt zu erzielen.“ Nur zwei Prozent der Kontrollierten fahren schwarz. Dafür, dass Hannover wegen der Anzeigepraxis einen vorderen Platz in der bundesweiten Kriminalstatistik belegt, hat Iwannek wenig Verständnis. „Man sollte nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Schwarzfahrer bedrohen niemanden, und wir liefern den Täter gleich mit.“ Unter Fahrgästen hält sich hartnäckig der Glaube, die Kontrolleure erhielten keinen regulären Lohn, sondern eine Art Kopfgeld. „Das stimmt nicht. Sie werden nach Tarif bezahlt; es gibt keine Prämien“, sagt Iwannek.

Trotzdem kritisiert der Verband der Deutschen Verkehrsunternehmen (VDV) das erhöhte Beförderungsentgelt, wie es offiziell heißt, in seiner derzeitigen Höhe von 40 Euro als zu niedrig. Es gebe keinen Abschreckungseffekt mehr. In diesem Jahr entschieden die Verkehrsminister der Länder deshalb, eine Erhöhung auf 60 Euro zu fordern – darüber entscheidet nun der Bundesrat. Deutschland belegt im europaweiten Vergleich den vorletzten Platz – nur in Tschechien zahlen Schwarzfahrer weniger.

Von Sabrina Mazzola

Mehr aus Hannover

 
 
 
 
 
Anzeige
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Verwandte Themen

Letzte Meldungen

 
 
 
 
 
 
 
 
 

Spiele entdecken