Wrestling am Schützenplatz

Die Rückkehr der bösen Buben

Voller Körpereinsatz: Wrestler Fit Finlay (oben) und sein Kontrahent Tony St. Clair (Bild vom 26.10.1993)

Voller Körpereinsatz: Wrestler Fit Finlay (oben) und sein Kontrahent Tony St. Clair (Bild vom 26.10.1993)

Hannover. Der Anblick seines Gegners ist furchterregend. Pat Roach, auch genannt „Der Bomber“, zwei Meter groß, 140 Kilogramm, türbreite Schultern, vernarbte Haut, grimmiges Gesicht. Bis zur dritten Runde kann der 90-Kilo-Mann Tony St. Clair dem Hünen entfliehen, dann packt der ihn an Hals und Beinen, hebt ihn über den Kopf - und lässt ihn bäuchlings fallen. St. Clair kracht auf den Holzboden. „Meine Luft war weg. Der Ringrichter hätte auch bis 100 zählen können, und ich wäre trotzdem liegengeblieben“, erinnert er sich. Heute lacht er darüber, damals mussten ihn Helfer des Roten Kreuzes aus dem Ring tragen.

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40 Jahre ist sein Kampf gegen Pat Roach auf dem Schützenplatz Hannover her. Für Tony St. Clair aus Manchester war es das erste Mal, dass er an einem Catch-Turnier in Deutschland teilnahm. Zu dieser Zeit hieß Wrestling (zu Deutsch: Ringen) hierzulande auch noch Catchen, bevor man zu dem englischen Begriff überging. „Von Hannover hatte ich damals viel gehört. Die Stadt galt als Hochburg des Catchens“, sagt der heute 65-Jährige, der seit Mitte der Neunziger in Hannover lebt.

Als der Jungringer 1973 das erste Mal das riesige Catch-Zelt auf dem Schützenplatz betritt, stößt er auf 2000 dicht gedrängte Menschen, auf Luft voll Zigaretten- und Zigarrenqualm, auf Kellner, die sich mit Bollerwagen durch die Menge kämpfen und Lindener Spezial in Flaschen verkaufen. „Ich war erstaunt. In England durfte man keinen Alkohol im Zelt trinken. In Hannover wurden an einem Abend 3000 Flaschen Bier verkauft.“ Immer wieder stand er in den folgenden Jahrzehnten in Hannover im Ring. St. Clair erinnert sich an eine „bombastische Stimmung“, wie er sie später auch vor 90 000 Zuschauern in Asien oder den USA nicht mehr erlebt haben will. Mit bis zu 100 Tagen Wettkampfdauer wurden in Hannover die längsten Turniere der Welt ausgetragen. Damals ging das.

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Ende der neunziger Jahre ging es mit dem Catch-Geschäft auf dem Schützenplatz bergab, die Zuschauer blieben weg, es gab finanzielle K. o.s. Letztmalig wurde dort vor neun Jahren gekämpft.

An diesem Wochenende unternehmen Tony St. Clair und der hannoversche Unternehmer Jörg Vespermann einen letzten großen Versuch, das Wrestling zurück auf den Schützenplatz zu holen - und sie sind froh, wenn sich an den zwei Abenden das Zelt mit Platz für bis zu 1000 Zuschauer füllt. Gelingt dies, soll ihre Veranstaltung unter dem Namen „P.O.W - Power of Wrestling“ in die nächsten Runden gehen. Vespermann, der in Hannover unter anderem die Fahrschule Driving School betreibt, trägt als alleiniger Sponsor das finanzielle Risiko.

Mit ihrem früheren Kompagnon, dem hannoverschen Ringer Christian „Ecki“ Eckstein gab es bereits mehrere Anläufe, das Ringen in Hannover wieder auf die Beine zu stellen. Mal richteten sie ein Turnier in der Stadionsporthalle aus, mal ersteigerten sie auf E-Bay ein Zirkuszelt für die Kämpfe. Nach Flops und Querelen trennten sich die Geschäftspartner, Eckstein veranstaltet heute kleinere Catch-Turniere im Hangar No. 5 in Wülfel.

Auch St. Clair will das Handtuch nicht werfen: „Wrestling und Schützenplatz gehören zusammen. Ich habe hier die besten Matches und die größten Siege meiner Karriere errungen.“ Dreimal konnte er das Turnier für sich entscheiden. Unter seinen Erinnerungen sind wahrlich schmerzhafte. Etwa die an einen Kampf gegen Antonio Inoki - genannt „Der Pelikan“. Ein Fußtritt des Japaners traf St. Clair im Gesicht. „Plötzlich hatte ich den Mund voller Zähne“, sagt der. Nach dem Kampf sei Inoki in seine Garderobe gekommen und habe ihm angeboten, die Rechnung für den Zahnarzt zu übernehmen - „egal, was es kostet“. St. Clair sagt, kein Wrestler wolle seinen Gegner verletzen. Allerdings zeugen eine Menge Knochenbrüche, Gehirnerschütterungen und innere Quetschungen in seiner Laufbahn davon, dass der Vorsatz nicht immer durchzuhalten ist. „Abgesprochen war da nichts zwischen den Kämpfern“, widerspricht St. Clair der gängigen Meinung. In Übersee ist das anders: Dort spielt das Entertainment die Hauptrolle, die Kämpfe zwischen „Gut“ und „Böse“ sind vielfach bis zum Sieg durchinszeniert, um Emotionen zu schüren. Wenn sich in Hannover am kommenden Wochenende „Bad Bones“, „Demolotion Davies“, „Murat Bosporus“ und die anderen zehn Ringer aufs Kreuz legen, soll auch die sportliche Leistung im Vordergrund stehen, versichert der Turnierleiter.

Tony St. Clair, der eigentlich Anthony Gregory heißt, beginnt als Jugendlicher mit dem Catchen - auch sein Vater und Bruder sind Profis in dem Showsport. Schnell ist klar, dass der Junior nicht zu den Bösewichten im Ring gehört. Die Frauen stehen auf den blonden Sunnyboy, der - trotz baldigem Zahnersatz - gern lacht. Sein Spitzname: „Simply the Best“. In Hannover sitzt stets Zahnarzthelferin Christine in der ersten Reihe, wenn der Athlet aus Manchester im Ring steht. Dreiviertel der Zuschauer sind Frauen, die sich an den Kämpfen der durchtrainierten Gladiatoren erfreuen. „Wir haben damals das ganze Jahr gespart, um möglichst oft im Zelt sein zu können“, sagt Christine Gregory. Wenn der „Gentleman im Ring“, St. Clair, kämpft, ist sie außer sich. Und wenn der Ire Fit Finley ihren Helden durch die Luft schleudert, wirft sie mit einem Mülleimer nach dem Angreifer. St. Clair imponiert das („Sie war die Lauteste von allen“). Bald darauf heiraten der Wrestler und sein größter Fan, St. Clair zieht zu seiner Frau. Nach 11 000 Kämpfen steigt er im Jahr 2001 ein letztes Mal in Hannover in den Ring. Und beendet seine Karriere dort, wo er sie begonnen hatte.

Am Freitag und Sonnabend stehen beim „P.O.W Power of Wrestling“ 13 internationale Stars und deutsche Newcomer im Ring in der Festhalle Ahrend auf dem Schützenplatz. Ab 18 Uhr ist Einlass, um 20 Uhr beginnen die Kämpfe mit dem Einzug der Gladiatoren. Der Eintritt kostet 15 bis 25 Euro.

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