Vielfältige Arbeit

Ein Blick in den Berufsalltag eines Bestatters

"Man kommt Menschen sehr nahe": Bestatter Malte Lautenbach.

"Man kommt Menschen sehr nahe": Bestatter Malte Lautenbach.

Hannover. Beerdigungswetter. Der Novemberwind treibt nasses Herbstlaub über die Zufahrt zur Friedhofskapelle. Vor deren Nebeneingang, am silbernen Leichenwagen, stehen Männer in schwarzen Mänteln. Sie rauchen, warten und horchen auf das heimliche Signal, das drinnen in der Kapelle nicht zu hören sein wird. „Wenn der Organist zum ersten Mal klingelt, bereiten sich die Träger vor“, sagt der Bestatter Malte Lautenbach. „Beim zweiten Mal ist die Trauerfeier drinnen zu Ende, dann sind wir dran.“

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Das zweite Klingeln löst hinter den Kulissen routinierte Betriebsamkeit aus. Es ist wie bei einer Choreografie, in der jedes Detail der Inszenierung genau festgelegt ist. Die Träger setzen ihre Zylinder auf und ziehen die weißen Handschuhe an, während drinnen noch das Schlusslied erklingt – „Hallelujah“ von Leonard Cohen. Dann gehen sie hinein, verneigen sich beinahe unmerklich, fassen den Sarg mit geübten Griffen und tragen ihn hinaus, in den Leichenwagen.

Kaum ist die Trauergemeinde fort, geht es weiter. Die Intervalle sind eng getaktet heute. Im Stundenrhythmus stehen Trauerfeiern an auf dem Stadtfriedhof in Hannover-Ricklingen, für jede sind genau 30 Minuten eingeplant. Helfer räumen die Kränze ab und bringen neue in die Kapelle. Die Kerzen bleiben gleich brennen. „Das Kreuz muss wieder rein“, sagt jemand. Die nächste Beerdigung ist eine christliche, mit Pastor. Da räumt die stählerne Flammenplastik auf dem Altar ihren Platz für ein eisernes Kruzifix. Die Abläufe sind jedem Helfer hier vertraut. Große Trauer und große Routine sind in dieser Friedhofskapelle eng beieinander.

Der neue Sarg kommt herein, und Malte Lautenbach legt am Eingang die Kondolenzliste aus. Als die ersten Besucher kommen, nimmt er ihnen aufmerksam Blumen und Briefumschläge ab und bedeutet unsicheren Trauergästen mit Blicken, wo sie Platz nehmen dürfen. „Trauerfeiern machen Menschen scheu“, sagt der Bestatter. „Auch viele Angehörige möchten unbedingt alles richtig machen. Sie fragen, was denn üblich sei – welche Lieder, welche Blumen, was für ein Redner.“ Lautenbach macht eine Pause. „Dabei ist eigentlich das genau richtig, was für sie selbst richtig ist.“

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Lautenbach ist mit 27 Jahren einer der jüngsten Bestatter der Stadt. Ein gut aussehender Mann, der oft lacht und gerne Techno-Musik hört. Wenn er nicht auf dem Friedhof ist. Mit seinem geschlossenen Mantel, mit der zurückgekämmten Haartolle und dem Zylinder würde er auch als Revuestar durchgehen. Er ist der fleischgewordene Gegenentwurf zum Bestatterklischee vom blassen, geiergesichtigen Frackträger, der sich mit pastoralem Lächeln heimlich die Hände reibt, wenn der Sensenmann beim Nachbarn klopft. Natürlich, der Tod ist sein Geschäft: „Ich lebe vom Sterben“, sagt Lautenbach freimütig. „Aber Ärzte leben ja auch von Krankheiten.“

"Ich achte darauf, psychisch nichts mit nach Hause zu nehmen“

Handfest wirkt Lautenbach, aber nicht burschikos, wenn er in der Kapelle Kranzschleifen richtet und mit Angehörigen spricht. Einfühlsam, aber nicht salbungsvoll. Und auf natürliche Weise souverän. Inmitten all der Trauernden ist der Bestatter ja derjenige, welcher der Majestät des Todes mit der größten Gelassenheit entgegentreten kann. „Ich fühle mit jedem Trauernden, aber ich trauere nicht selbst – und ich achte darauf, psychisch nichts mit nach Hause zu nehmen“, sagt er. Fragt man ihn nach den Schattenseiten seines Berufs, muss er erst einmal nachdenken. Dann fallen ihm Nachteinsätze und Bereitschaftsdienste am Wochenende ein.

Malte Lautenbach wuchs in der Branche auf. Sein Großvater hatte den 1896 gegründeten Betrieb in Hannover-Linden schon von seinem Großvater übernommen. Bestattungsunternehmen sind in Deutschland immer noch meist alte Familienunternehmen. „In der Schule erzählten die anderen Kinder, wir hätten zu Hause keine Lampen, sondern Friedhofskerzen, und wir würden in Särgen schlafen.“ Lautenbach lächelt. „Eigentlich fand ich das gar nicht so schlimm, denn ich kannte Särge ja.“ Als Kind spielte er Verstecken in der Sargausstellung, und am Esstisch wurde daheim über Bestattungen gesprochen wie in Bäckerfamilien über den Brötchenpreis. Vor einigen Jahren entschied er sich dann, ins Familiengeschäft einzusteigen. „Aus Traditionsbewusstsein“, sagt er. „Und aus Leidenschaft.“

Seither steht er an jedem Arbeitstag neu vor der Aufgabe, einen praktischen Umgang mit dem vielleicht größten, nie zu bewältigenden Thema der Menschheit zu finden: „Man weiß nie, was kommt – jeder Tod ist anders“, sagt er. Inzwischen hat er gelernt, die Kunden, die in sein Geschäft kommen, binnen Sekunden einzuschätzen. Und er kennt die sensiblen Punkte in Trauergesprächen: „Viele fangen dann an zu weinen, wenn es um Texte für Traueranzeigen oder Kranzschleifen geht“, sagt er. „Wenn die Person vor ihren Augen wieder lebendig wird.“

Lautenbach kann von Leuten erzählen, die auf der Straße verlegen zu Boden schauen, wenn sie ihn sehen. „Für die bin ich eine negative Erinnerung“, sagt er. Andererseits kann er sich vor Fragen kaum retten, wenn er im Urlaub oder auf Partys seinen Beruf erwähnt. „Die Leute hängen an meinen Lippen – Tod und Sex fesseln die Menschen wie nichts anderes“, sagt er, und es klingt nicht pietätlos.

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Das Berufsprofil des Bestatters liegt ungefähr an der Schnittstelle von Psychologie und Tischlerei. Büroarbeit und Seelsorge, Handwerk und Behördengänge, Personenstandsgesetze und Betriebswirtschaft: „Der Beruf ist unglaublich vielschichtig“, schwärmt Simon Fabian. Der 19-Jährige kam als Schulpraktikant in Lautenbachs Firma. Jetzt macht er eine Ausbildung zur „Bestattungsfachkraft“. Nachwuchsmangel kennt die Branche nicht: Nach Angaben des Bundesverbandes Deutscher Bestatter kommen auf eine Ausbildungsstelle zehn bis 15 Bewerber, ein Geselle verdiene um 3000 Euro brutto.

Wettbewerb und Preisdruck prägen die Branche

Diesen Lehrberuf gibt es erst seit 2003,  der Meistertitel wurde erst vor wenigen Jahren eingeführt. An Malte Lautenbachs Wand hängen Zertifikate von der Handwerkskammer und dem Bestatterverband. Eine Urkunde weist ihn als „Funeral Master (Bestattermeister)“ aus. Das  Wortkonstrukt ist ein Kompromiss: Altgediente Handwerksmeister  wollten den deutschen Begriff „Meister“ eigentlich nicht verwendet wissen, und „Master“ allein hätte an einen Studienabschluss denken lassen.

Mit Zertifikaten und Ausbildungsqualifikationen, mit Abzeichen und Urkunden versuchen die etablierten Unternehmen, sich von den Billigheimern abzugrenzen, die derzeit massiv auf den Markt drängen. Denn die Branche ist in einem dramatischen Umbruch. Es ist schon bemerkenswert: Im vergangenen Jahr gab es 850.000 Todesfälle in Deutschland, jeder Mensch braucht früher oder später einen Bestatter. „Doch zugleich kann jeder selbst Bestatter werden, der sich einen Gewerbeschein besorgt“, sagt Rolf Lichtner, Geschäftsführer des Bundesverbandes Deutscher Bestatter in Düsseldorf.

Wettbewerb und Preisdruck prägen die Branche. „Wir haben es mit einem klassischen Verteilungsmarkt zu tun – wir können ja nicht mehr Sterbefälle generieren, als wir haben“, sagt Lichtner nüchtern. Der Kampf um diesen Markt wird zunehmend härter. Gestorben wird immer, doch neuerdings wird auch gerechnet dabei. Die Geiz-ist-geil-Mentalität scheint auf dem Friedhof angekommen. Mit Grauen berichten die Alteingesessenen der Zunft von Hinterbliebenen, die direkt  am Sterbebett eines Verwandten aus Rundmails mit Preisanfragen an die Bestattungsinstitute schicken: „Der Billigste kriegt den Zuschlag“, sagt einer von ihnen. Inzwischen bieten „Discountbestatter“ eine Beisetzung für 990 Euro an.

Von „Leichentourismus“ sprechen Traditionsunternehmer abfällig, wenn Särge in Sammeltransporten zum Einäschern nach Osteuropa gekarrt werden. Jeder in der Branche kennt Storys von Angehörigen, die Urnen dann auf eigene Kosten aus tschechischen Krematorien zurückholen mussten, weil das im Preis nicht inbegriffen war. Oder von Hinterbliebenen, die sich Sterbeurkunden im Standesamt selber besorgen oder zusätzliche Überführungskosten berappen mussten – und am Ende preislich klar über den vereinbarten 990 Euro lagen.

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„Es gibt Angebote, die gar nicht halten können, was sie versprechen“, sagt Lichtner. Eine Bestattung koste samt Blumenschmuck und Trauercafé im Schnitt 2800 bis 3500 Euro, dazu kämen dann noch die deutlich höheren Folgekosten, etwa für  Friedhofsgebühren und Grabstein. Viele wollen oder können sich das nicht mehr leisten. „Der Umgang mit den Toten ist Ausweis für den Kulturstand eines Volkes“, sagt Lichtner beschwörend. Viele seiner Kollegen halten den Verfall der Begräbniskultur für ein einziges Trauerspiel.  Doch der Trend geht zum preiswerten „Feuer ohne Feier“, wie es im Branchenjargon heißt.

Erschütterte Menschen feilschen nicht

Freilich haben Bestatter lange davon profitiert, dass Angehörige aus Pietät jede Preisverhandlung scheuten. Erschütterte Menschen, die sich auf unsicherem Terrain bewegen, feilschen nicht – obwohl Verbraucherschützer durchaus dazu raten. Das Internetportal Bestattungen.de hat jüngst ausgerechnet, dass Hinterbliebene durch Preisvergleiche und -verhandlungen im Schnitt 1200 Euro pro Bestattung sparen könnten.

Über eigene Gewinnmargen schweigen Bestatter meist eisern. An Überführung, Organisation und Beratung verdienen sie vergleichsweise wenig. Einträglicher ist schon der Verkauf von Sterbewäsche und Sarg. „Der Trend geht zur Hausdachform“, sagt Malte Lautenbach und zeigt in der Sargausstellung seines Instituts auf ein Modell aus schlesischer Eiche für 1399 Euro. Ein dünnwandiger Kiefernsarg ist schon für 1000 Euro zu haben, Urnen schon ab etwa 160 Euro. Vielleicht auch deshalb gab es 2011 in Deutschland erstmals mehr Feuer- als Erdbestattungen.

Zwei gegenläufige Entwicklungen prägen gegenwärtig die Bestattungskultur: Einerseits werden Todesanzeigen, Grabinschriften und selbst das Sargdesign immer individueller und aufwendiger. Der Markt der Möglichkeiten erobert die vorletzten Dinge; es gibt neue Moden, und alte Rituale verlieren ihre Selbstverständlichkeit. Längst kann man die Asche geliebter Angehöriger zu Diamanten pressen lassen oder sie in Friedwäldern beisetzen. Kirchen werden – wie in Hannover-Misburg – zu „Kolumbarien“ umgewidmet, in denen Urnen in gläsernen Regalen sichtbar verwahrt werden.

Andererseits sorgen wachsende gesellschaftliche Mobilität und die Auflösung von Familienverbänden dafür, dass Trauergemeinden immer kleiner werden – und immer mehr Menschen anonym unter die Erde kommen. Oft, weil sie selbst das so entschieden haben.

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„Heute wird geradezu erwartet, dass man sich Gedanken um die eigene Beisetzung macht“, sagt Reiner Sörries, Direktor des Kasseler Museums für Sepulkralkultur. Seit die Bundesregierung 2004 das Sterbegeld abgeschafft hat, werben Bestatter verstärkt für Vorsorgeverträge: Ihre Kunden können dabei nicht nur die eigene Beerdigung im Voraus bezahlen, sondern auch deren Details regeln – von den Liedern bis zur Wahl des Trauerredners. Keiner will ja anderen zur Last fallen, auch posthum nicht. Also wählt man das billige, anonyme Urnengrab, das niemand mit Blumen schmücken muss.

„Manche witzeln, wenn sie über die eigene Beerdigung sprechen – und sind danach erleichtert, weil alles geregelt ist“, sagt Bestatter Lautenbach. Von anonymen Beisetzungen, zu denen nicht einmal Trauergäste zugelassen sind, rät er den Kunden in solchen Gesprächen allerdings ab: „Oft wünschen die Angehörigen einen Ort, an dem sie trauern können.“

„Ich will das Unschöne gestalten, so gut es geht“

Die Palette der Möglichkeiten ist da groß: Es gibt Wahlgräber (die oft über Generationen in Familienbesitz bleiben) und Reihengräber (die meist nur auf 20 Jahre vergeben werden), es gibt „Einsteller“ (für eine Person), „Tiefengräber“ (beliebt bei Ehepartnern, die übereinander beigesetzt werden wollen) und „Doppelgräber“ (wie Tiefengräber, nur nebeneinander). „Eine Alternative zur anonymen Beisetzung ist für viele das ,pflegearme Urnenrasenreihengrab’“, sagt Lautenbach. Bei diesem sind schlichte, flache Steinplatten mit Namen und Lebensdaten des Toten ebenerdig in eine Rasenfläche eingelassen.

Es ist spät geworden, und Malte Lautenbach schaut noch einmal auf dem Hof nach dem Rechten, in der Werkstatt, im Sarglager. Ein Mitarbeiter füllt einen Sarg mit geschreddertem Papier und Holzwolle, dann tackert er feinen, weißen Stoff am Sargrand fest. Nicht weit davon ist der Klimaraum des Instituts. Dort herrscht permanent eine Temperatur von fünf Grad, und heute ist er mit mehreren Särgen belegt. Das Einsargen und Waschen der Toten, das Anziehen des Sterbehemdes und das Schminken – all das gehört ebenso zu seinem Beruf wie die fast intimen Gespräche mit Trauernden: „Man kommt Menschen sehr nahe“, sagt er, als er im Klimaraum steht. Man weiß nicht genau, ob er die Lebenden oder die Toten damit meint. Vermutlich beides. „Ich kann jedenfalls kaum verstehen, wie jemand vor Verstorbenen Angst haben kann“, sagt er. Vielleicht hilft Routine, die Scheu vor dem Tod abzulegen. Vielleicht hilft es, Verstorbenen mit dem gleichen Respekt zu begegnen wie lebendigen Menschen.

Einige Tage nach dem Tod sehen Menschen oft merkwürdig verjüngt aus: „Der Körper trocknet aus, die Haut zieht sich zurück“, sagt Lautenbach. Daher komme auch das Schauermärchen, Haare und Nägel würden nach dem Tod noch weiterwachsen. „Bei Verstorbenen können sie fast jede Falte aus dem Gesicht streichen“, sagt er. Er lächelt.

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Das Beste draus machen. Aus dem Tod, der Trauer, dem Abschied und der Erinnerung. Das ist es vielleicht das, was Bestatter können müssen. Das ist ihre eigentliche Dienstleistung, die sich schwer an einzelnen Posten wie Kranztransporten und Aufbahrungen festmachen lässt. Lautenbach sagt es so: „Ich will das Unschöne gestalten, so gut es geht.“

Hier finden Sie das Trauerportal der HAZ.

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