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Filmaufnahmen vom Ohnesorg-Trauermarsch gefunden

Unter Polizeischutz: Beamte sicherten den Trauerzug

Unter Polizeischutz: Beamte sicherten den Trauerzug

Hannover. Er zögert einen Moment. Als würde er überlegen, ob ein Superlativ wirklich angemessen ist. Dann sagt er: "Der für mein Leben wohl entscheidendste Moment war vielleicht der 2. Juni 1967." An jenem Tag, morgen vor genau 50 Jahren, fuhr Gerd Weiberg von Munster, wo er (nicht ganz freiwillig) bei der Bundeswehr war, zurück nach Hannover. Und im Radio hörte er, dass der Student Benno Ohnesorg in Berlin bei einer Demo gegen den Schah-Besuch erschossen worden war. Von einem Polizisten.

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„Sein Tod war ein Zeichen für all das, was ich nicht mochte an dem, was mich umgab“, sagt der heute 73-jährige Weiberg, der bald zu den Köpfen der Studentenbewegung in Hannover zählte. Viele seiner Generation, die längst ein inneres Unbehagen über die Verhältnisse verspürt hatten, empfanden Ohnesorgs Tod als eine Art Erweckungserlebnis: So ging der Staat also mit seinen Kritikern um!

Ein Generationskonflikt brach auf. Der Protest gegen die Nazi-Väter und den Muff von tausend Jahren, Revolution, APO (Außerparlamentarische Opposition), später die terroristische „Bewegung 2. Juni“ – das alles nahm nun seinen Anfang. Die Trauerfeier für den aus Hannover stammenden Ohnesorg empfanden viele als eigentlichen Auftakt jener großen Zeitenwende, die schließlich unter dem Rubrum „’68“ in die Geschichte eingehen sollte.

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Trauerzug von 7000 Menschen

Jetzt ist überraschend ein bislang unbekanntes Filmdokument aufgetaucht, das zeigt, wie fremd jene Zeit nach 50 Jahren anmutet. Vor einigen Monaten erhielt Peter Stettner, Direktor des Filminstituts der Hochschule Hannover, einen Anruf: Ein Langzeitstudent war mit 53 Jahren gestorben. Nahe Angehörige hatte er nicht, und in seiner Garage in der List stapelten sich zwischen Gerümpel auch Hunderte von rostigen Filmrollen. „Das meiste waren Trailer alter Kinofilme“, sagt Stettner. Wertloses Zeug also. Doch dann entdeckte er beim Reinigen einiger Rollen einen regelrechten Schatz.

In Hannover werden die jetzt entdeckten Filmaufnahmen am 2. Juni, 18 Uhr, im Historischen Museum präsentiert. Bei der Veranstaltung „Vor 50 Jahren: Der Todesschuss auf Benno Ohnesorg“ sprechen neben Filmforscher Peter Stettner und Historiker Wolf-Dieter auch die Zeitzeugen Alfred Krovoza und Gerd Weiberg.

Ein 16-Millimeter-Stummfilm, gedreht mit zwei Kameras: 21 Minuten Zeitgeschichte. „Wir wissen nicht, wer diese Aufnahmen gemacht hat – womöglich eine Film-AG der damaligen Technischen Hochschule“, sagt Stettner. Der Film zeigt den Trauerzug für Benno Ohnesorg vom 9. Juni 1967, jenem Tag, an dem der Student im Familienkreis auf dem Bothfelder Friedhof beigesetzt wurde.

Alles war politisch damals, auch die Trauer. Rund 7000 Besucher, meist Studenten, waren aus ganz Deutschland nach Hannover gekommen. Die verwackelten Filmaufnahmen zeigen, wie sie Kränze im Lichthof der heutigen Leibniz-Uni niederlegen.

Trauermarsch für erschossenen Benno Ohnesorg

Nach dem Tod von Benno Ohnesorg gab es einen Trauermarsch in Hannover für den aus Herrenhausen stammenden Studenten. Historische Filmaufnahmen, die gerade erst entdeckt wurden, zeigen dies. Video: Filminstitut Hannover

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Das Filmteam hatte tags zuvor schon am DDR-Grenzübergang Marienborn gedreht. Die DDR hatte einen Trauerkonvoi aus 120 Autos von Westberlin aus ohne größere Kontrollen passieren lassen. Als Ausweis genügte ein Trauerflor am Wagen, die FDJ stand Spalier – ein singulärer Vorgang in der Geschichte der deutschen Teilung. Der Leichenwagen, ein schwarzer Cadillac, kam später auch bei den Beerdigungen von Marlene Dietrich und Hildegard Knef zum Einsatz.

Dutschke in Stadionsporthalle

Vom Königsworther Platz aus setzte sich der Schweigemarsch der Studenten am 9. Juni Richtung Steintor und Georgstraße in Bewegung. Der Film zeigt schmuck gekleidete Frauen und junge Krawattenträger mit akkuraten Kurzhaarfrisuren. Gegen diese Ansammlung adretter Demonstranten wirkt ein Landesdelegiertentreffen der Jungen Union heute wie eine Zusammenrottung von Krawallbrüdern.

„Man war übereingekommen, keine Transparente zu zeigen“, sagt der Historiker Wolf-Dieter Mechler, der an einer Ausstellung über die Studentenrevolte in Hannover arbeitet. Im Film halten einige Demonstranten schwarze Fahnen in den Händen. Auf dem Schützenplatz parken die Autos der Angereisten; Käfer mit Trauerflor und ein Pkw mit dem ungelenken Slogan: „Wo man jubelt, muß man auch protestieren dürfen, ohne erschossen zu werden!“ Der schier endlose Zug führt an der ­U-Bahn-Baustelle am Waterlooplatz vorbei. Der Theologe Helmut Gollwitzer, der auch eine Trauerrede für Ohnesorg hielt, schmaucht unterwegs ein Pfeifchen.

In der Stadionsporthalle stand ein rasch anberaumter Kongress auf dem Programm. Auf der Rednerliste fand sich alles, was in der linken Szene Rang und Namen hatte: Die Politologen Wolfgang Abendroth und Klaus Meschkat waren ebenso dabei wie der Sozialpsychologe Peter Brückner und der Schriftsteller Erich Kuby.

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Bis tief in die Nacht zogen sich die Diskussionen hin.Der Wehrpflichtige Gerd Wei­berg kam erst spät aus Munster vor der Stadionsporthalle an. „Auf dem Parkplatz sah ich einen nachdenklich wirkenden Mann, der die Halle verließ, dann langsamer wurde, sich auf einmal umdrehte und wieder zurückging“, erinnert er sich. Bald darauf stand dieser Mann am Rednerpult: Der Philosoph Jürgen Habermas warf Rudi Dutschke „linken Faschismus“ vor, weil der Studentenführer Protestformen propagiere, die auf eine gewaltsame Konfrontation mit dem Staat hinausliefen.

Auftrieb für die APO

Die Debatte um Gewalt und Regelverletzungen war unter Studenten bald allgegenwärtig. Die Bewegung radikalisierte sich. „Noch im Juni gründete sich die Ortsgruppe Hannover des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes“, sagt Weiberg.

„Die Trauerfeier für Benno Ohnesorg war die erste große Selbstverständigung der APO“, sagt Historiker Mechler: „Dadurch wurde Hannover zu einem Kristallisationspunkt der Studentenbewegung.“

Benno Ohnesorg starb durch eine Polizeikugel

Das Bild fand sich später in Geschichtsbüchern: Der von einer Polizeikugel tödlich getroffene Benno Ohnesorg in den Armen einer Passantin. Der aus Herrenhausen stammende 26-jährige Student hatte in Berlin gegen den iranischen Schah demonstriert. Der Polizist Karl-Heinz Kurras wurde vor Gericht freigesprochen. Im Jahr 2009 wurde bekannt, dass Kurras auch für die Stasi der DDR tätig war. Allerdings hatte er nicht in ihrem Auftrag geschossen. Kurras starb 2014. Ohnesorgs Sohn Lukas, der fünf Monate nach dem Tod seines Vaters zur Welt kam, kritisierte jetzt im „Spiegel“, dass Polizei und Senat den Fall nie angemessen aufgearbeitet hätten. In Hannover wurde 1992 eine Brücke am Schwarzen Bären nach Ohnesorg benannt.

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