Garbsen

Für jeden ein Plätzchen am Blauen See

Der Blaue See hat im Sommer große Anziehungskraft.

Der Blaue See hat im Sommer große Anziehungskraft.

Garbsen. Mittendrin im Trubel schlendert ein Mann ruhig durch den Sand. Er mag etwa 75 Jahre alt sein. Von Kindern, Badelaken und Picknickkörben nimmt er kaum Notiz. Er setzt sich auf die Mauer und vertieft sich in sein Buch. Ein Gespräch? "Ach bitte nicht, ich möchte hier nur lesen." Der Senior ist der einzige, der allein zu sehen ist. Andere Omas und Opas sind mit ihren Enkelkindern oder der ganzen Familie hier und genießen das gute Wetter. Er will nur lesen. Und dafür ist ein Plätzchen am Blauen See offenbar gut geeignet.

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Blauer See, das war in den 1960-er Jahren "Lido Blauer See". Damen im Strandkleid, Männer im Sonntagsanzug, manchmal Musik auf der Terrasse des Restaurants. Eine weit bekannte Ausflugsadresse, direkt neben der Autobahn Berlin-Dortmund, Anlaufstation für Reisebusse und Kegelclubs. Ohne die Autobahn gäbe es den See nicht. Der Kies unter der hoch gelegenen Trasse stammt von dort. Grund- und Regenwasser haben danach das Loch am Rand der Garbsener Schweiz erobert.

Heute gehört das Gelände Peter Amend. Seine Großeltern und Eltern hatten es über Jahrzehnte von der Bundesrepublik Deutschland gepachtet und betrieben. Nach der Wende griff Amend zu und kaufte. Seit 31 Jahren genießt er jetzt die Routine seiner Arbeit, führt Mitarbeiter, kümmert sich ums Kaufmännische. Aber am liebsten ist er unter seinen Gästen.

Heute kennt kaum noch jemand das Wort Lido. Aber es ist ein Ausflugsziel, eine Erholungsinsel, ein Freizeitareal geblieben – nur anders, jünger, immer noch auf der Grenze zwischen Natur und dem Lärm der Autobahn, der über den Wald und das Ufer hinwegzufliegen scheint. Unten stört die Rauschkulisse kaum beim Lesen eines Buches, und beim Baden schon gar nicht.

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Das Thermometer zeigt an diesem Dienstagvormittag schnell über 20 Grad Celsius. Vielversprechend für Amend und seine Leute nach dem bisher eher verregneten Sommer. Die Wasserskianlage am Ostufer hat den Betrieb schon aufgenommen. Am Strand ist das leise Klicken der Zugleinen zu hören, wenn sie sich in den Zuglift einhaken. Amend steht am Tresen in der Verleihstation und verkauft Tickets. Der Chef packt selbst mit an, wenn die Schlange zu lang wird.

Die ersten Wasserski-Fahrer stehen in Montur auf dem Steg. Trainer erteilen Anweisungen. Das Schwierigste ist der Start, wenn sich die Zugschnur spannt und die Wakeboarder aus dem Sitzen aufs Wasser zieht. Die meist jugendlichen Sportler surfen über den See, Fortgeschrittene gleiten elegant über die Sprungschanzen. Wer Anfänger und wer Fortgeschrittener ist, ist bald unschwer zu erkennen. Es sind die Anfänger, die ihr Brett den ganzen Strand entlang zurückschleppen zum Lift, wieder aufsteigen, wieder stürzen und schleppen - solange, bis sie ihre Runde schaffen. Ein Schauspiel für das Strandpublikum.

Seit dem Bau der Anlage ist der See zweigeteilt: Ein Drittel steht dem Badebetrieb zur Verfügung. Diese Fläche wird auch für das Stand up paddling genutzt. Mittendrin ist eine Badeinsel verankert. Die anderen zwei Drittel sind Wasserskifläche – durchschwimmen der Bojenkette streng verboten. Den Rettungsschwimmern steht ein Motorboot zur Verfügung. Hinweisschilder machen Badegäste auf die ohnehin unübersehbare Anlage aufmerksam. Etwa alle halbe Stunde ertönt eine Durchsage, die die Badegäste auf das steil abfallende Nordufer hinweist.

Sicherheit, sagt Peter Amend, sei ihm wichtig. Er muss für Badesicherheit und Rettung im Notfall sorgen. Zu sehen ist im Moment allerdings niemand. Die Hütte der Wasserretter im Kiefernwald ist geschlossen, der Sitz der Badeaufsicht am Strand ist verwaist. "Eine Momentaufnahme", sagt Amend entschuldigend. Seine Mitarbeiter, darunter Rettungsschwimmer, seien an einem blauen T-Shirts mit Blauer-See-Aufdruck zu erkennen.

Die Wasserqualität wird vom Gesundheitsamt der Region alle vier Wochen kontrolliert, sagt Amend. Kategorie: ausgezeichnet. Der ADAC lobt den See als einen der besten in ganz Niedersachsen. Der 600 Meter lange Sandstrand zieht sich am Nord- und Ostufer entlang. Kinder baden meist am flachen Ostufer und bauen ihre Sandburgen. Erwachsene und Jugendliche chillen, lassen sich auf luftgefüllten Badeinseln treiben, paddeln auf Bords über das Wasser. Ein Volleyballfeld lädt zum Spielen ein. Unter den Kiefern schlängelt sich eine 65 Meter lange Wasserrutsche.

Aus der Strandbar am Nordufer ertönt Salsa-Musik. Sascha Jahnke sitzt auf seinem Handtuch und schlürft lässig ein Bier. Der 42-jährige Elektroniker aus Osterwald kennt den Blauen See seit seiner Kindheit. Früher war er Dauercamper. Er kommt immer noch gern an seinen angestammten Platz. "Samstag ist wieder Techno-Party", sagt er, "ein echter Geheim-Tipp. Hier geht voll die Post ab. Ein Mal gab's sogar eine Lärmbeschwerde aus Horst. Das ist ganz schön weit weg."

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Auf der Westseite liegt der Campingplatz. Dauercamperplätze, Wohnmobilfläche, Zeltplätze für Durchreisende, ein Ferienhaus, vier Blockhütten. Es ist Mittagszeit. In Antonio Cahuas Bistro läuft gerade das Geschäft an. Cahua eilt zwischen Küche und Terrasse hin und her, serviert Currywurst mit Fritten, Pizza und Spaghetti. Seit April betreibt er den Gastronomie-Betrieb. Auf der Karte stehen deutsche, italienische und spanische Gerichte. In seinem kleinen Kiosk decken sich Camper mit Brötchen, Eis, aber auch mit Sonnenmilch ein.

Familie Laut sitzt an einem schattigen Tisch. Jutta (64) und Friedel (70) sind Dauercamper und wohnen im Sommer am Blauen See. Sohn Stefan (40) ist zu Besuch. Er hilft ihnen, den Wagen in Schuss zu halten. "Wir sind seit Ewigkeiten hier. Schon als Stefan noch klein war", sagt Jutta Laut. "Aber mit dem Alter wird es problematisch. Die sollten hier mal bessere Toiletten für Behinderte und Ältere einrichten. Mein Mann hat einen Rollator. Er kommt damit nicht in die Kabine."

Lauts denken dennoch nicht daran, ihren geliebten Stammplatz aufzugeben. Dafür sind sie mit dem Umfeld zu stark verbunden. "In den Achtzigern waren wir hier Weihnachten mal eingeschneit. Der Schnee lag fast einen Meter hoch", sagt Friedel Laut, "da haben wir alle die letzten Vorräte zusammengeschmissen und eine Grillparty gemacht." Ruhig sei es hier, aber nicht langweilig. Neulich habe auf dem Campingplatz ein Wohnwagen gebrannt. Da sei ordentlich Trubel gewesen.

Vom Campingplatz aus führt ein Weg an einem kleinen Kinderspielplatz vorbei zur Südseite des Sees. Dort ist der Ruhepol. Vom Schilf-Ufer können Angler ihre Ruten auswerfen. Das Schilf ist die Kläranlage und der Kindergarten der Fische. Wasservögel dagegen sind sehr selten. Das Südufer ist Schutzgebiet. Dort gibt es für gestürzte Surfer nur wenige Plätze zum Anlanden. Der Weg führt weiter durch ein kleines Gehölz und lädt mit Sitzbänken ein zum Verweilen. Auch ein gutes Plätzchen zum Lesen.

Lea und Karsten Witte stehen auf der Adventuregolf-Anlage an der Einfahrt. Der 50-jährige Bauschlosser aus Neustadt macht mit seiner 16-jährigen Tochter eine Fahrradtour. Vor zehn Jahren haben sie den Blauen See entdeckt. Die Anlage hat es ihnen angetan. "Lea fährt am liebsten Wasserski", sagt Witte. Er selbst chille sehr gern im Bistro.

Stand up paddling, das ist zwar nichts mehr für die 61-jährige Elisabeth N. aus Altgarbsen. Aber sie verbringt solche Sommertage gerne mit ihrem Enkel am See. Auch Menschen, die von weiter herkommen, suchen das Areal auf. Christian (27) reist mit Großeltern, Freundin und Kind extra aus Bückeburg an. "Uns gefällt das hier sehr gut, es ist schön sauber. Der Sandstrand ist für Kinder zum Spielen ideal", sagte er. Die zusätzlichen Angebote werden er und seine Familie nicht nutzen, Strand und Wasser reichen völlig. Einem einzelnen Herrn ist selbst das zu viel; er kommt mit Sonne, Ruhe und Buch aus.

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Von Tobias Forrester, Lea Kneller und Talisa Moser

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