Viel Zeit und wenig Druck

Glockseeschule unterrichtet auf alternative Weise

Foto: In der Glockseeschule lernen die Schüler seit 40 Jahren auf alternative Art und Weise.

In der Glockseeschule lernen die Schüler seit 40 Jahren auf alternative Art und Weise.

Hannover. Die Tür zum Klassenzimmer steht offen, Kinder flitzen hinein und hinaus. Einige Jungen tauschen Sammelbilder, einer setzt sich mit einem Comic in eine Ecke. Zwei Mädchen haben sich Stifte geholt und malen Mandalas aus. Lehrerin Dana Hildebrandt erkundigt sich bei einem müde und traurig dreinblickenden Mädchen, wie es ihm geht. Jeder Schultag beginnt in der Döhrener Glockseeschule mit diesem „offenen Anfang“ von halb neun bis neun Uhr, und das zeigt, worum es in der Alternativschule auch heute noch geht: Kinder bekommen hier das Gefühl, viel Zeit und wenig Druck zu haben.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Doch pünktlich um neun Uhr streben plötzlich alle Kinder in die gepolsterte Sitzecke. Ohne Gong oder Ansage der Lehrerin. Zwei kleine Jungen stürmen noch schnell in die Klasse und auf ihre Plätze. „Tschuldigung, dass wir zu spät gekommen sind“, ruft Ahmet. Bei der täglichen Klassenversammlung soll keiner fehlen. Hildebrandt spricht mit ihren Schülern den Tagesablauf durch, den sie an die Tafel geschrieben hat. Dann erzählen die Kinder, was sie gerade besonders beschäftigt. Ahmet bedauert, dass er sich heute nicht mit Emil treffen kann. Smilla berichtet, wie sie sich ärgert, wenn sie schief auf ihrer Geige spielt.

Als die Glockseeschule vor 40 Jahren als antiautoritäres Reformprojekt startete, wollten die Gründer alles radikal anders machen. Fritz Schulze-Wischeler, heute 41, hat als Kind vor 35 Jahren die Anfänge miterlebt. In der Klassenversammlung diskutierten Schüler und Lehrer damals aus, was den Tag über passieren sollte. „Wenn alle schrien Fußball, haben wir den ganzen Tag Fußball gespielt.“ Die Lehrer machten „Angebote“, die Kinder entschieden, ob sie dazu wirklich Lust hatten. Lesen und Schreiben standen bei vielen Schülern lange Zeit nicht auf der Prioritätenliste. Dafür gab es auf dem Gelände des ehemaligen städtischen Fuhramtes an der Glocksee, dem ersten Standort der Schule, zu viel zu entdecken. Schulze-Wischeler erinnert sich, mit seinen Mitschülern oft bei den Autowerkstätten auf dem Gelände vorbeigeguckt zu haben.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Statt Zensuren gab es damals wie heute Berichte. „Darin stand dann zehn Jahre lang jedes Mal, das Lesen und Schreiben werde immer besser.“ Schulze-Wischeler gehörte zum ersten Jahrgang, der die Glockseeschule zehn Jahre lang besuchte. Gegen Ende stieg das Lernpensum dann doch deutlich, damit der Wechsel in die Oberstufe einer anderen Schule klappte. Er studierte Physik und arbeitet heute als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni.

Der ehemalige Glockseeschüler schätzt es vor allem, dass er in seiner Schulzeit Dinge lernte, die im „wahren Leben“, wie er es formuliert, wichtig sind: mit anderen zusammenarbeiten, argumentieren, gemeinsam Projekte planen. Vieles, was Reformschulen wie die Glocksee damals entwickelten, wie Projektunterricht oder Leseecken, ist inzwischen Allgemeingut.

Manches andere wurde auch von den Lehrern in dem Schulexperiment schnell wieder verworfen. Die Erwachsenen mischten sich zunächst bei Streitigkeiten der Schüler nicht ein. So wie sie den Kindern zutrauten, durch eigene Neugier zu lernen, sollten die Schüler auch Konflikte selbst lösen. „Aber es setzte sich einfach der Größere und Stärkere durch“, erinnert sich Schulze-Wischeler. Manche Schüler der Anfangsjahre litten beträchtlich daran.

Dana Hildebrandt greift heutzutage in ihrer altersgemischten „Delphin“-Klasse viel stärker steuernd ein, erinnert zwei Mädchen ans Aufräumen oder macht einem Jungen deutlich, dass sie sein Gesicht ohne Kapuze sehen will. In ihre Klasse gehen Erst-, Zwei- und Drittklässler gemeinsam. Besonders wegen der Kleinen gibt es jetzt in den ersten Wochen jeden Tag Phasen mit Mathe und Deutsch. Im Verlauf des Schuljahrs werden die Kinder aber auch in offenen Arbeitszeiten auswählen, ob sie gerade Englisch oder lieber Sachkunde machen wollen. „Die Kinder bestimmen auch die Themen mit. Es kann passieren, dass wir uns dann Tage oder Wochen mit Feuer beschäftigen und es in der Klasse knallt.“

Heute schickt Dana Hildebrandt ihre Schüler nach der Klassenkonferenz auf eine Runde in schnellem Schritt durch die Schule. Als sie erhitzt und fröhlich wieder eintrudeln, erklärt Hildebrandt jedem Kind einzeln, woran es arbeiten sollte. Erst um 9.40 Uhr beginnt das, was man landläufig unter Unterricht versteht. In einer normalen Grundschule hätten die Kinder jetzt ihren Schultag fast schon zur Hälfte rum. In der „Arbeitszeit“ Deutsch übt die sechsjährige Siri das große und kleine „A“, die siebenjährige Mina schreibt Wörter, der zwei Jahre ältere Per probiert sich an Sätzen.

Daniel Kuhn beobachtet mit anderen Eltern den Tagesablauf, denn er will seine Tochter womöglich auf die Glockseeschule schicken. „Es ist doch schlimm, wenn Kinder heutzutage manchmal schon in der ersten Klasse sitzenbleiben. Das hilft keinem“, sagt der selbstständige Gärtner. Dennoch brauchen Eltern an der Glockseeschule starke Nerven. „An anderen Schulen lernen manche Kinder schneller lesen und häufen mehr Wissen an, alles im vorgegebenen Takt“, sagt Eva Zschimmer. Ihre eigenen Söhne kamen mit dem selbstbestimmten Lernen gut zurecht. „Für Kinder, die mehr Vorgaben brauchen, eignet sich das vielleicht nicht.“

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Es gibt weiterhin an der Schule keine strikte Vorgabe, was ein Kind wann lernen sollte, betont Schulleiter Holger Braun. Die Lehrer sind auf der Langstrecke unterwegs – und nehmen es auch wichtig, ob Kinder einen Platz in der Gruppe und Spielpartner finden.

Fast noch am meisten an die Anfangsjahre erinnert die Stabberia, ein offen stehender Raum voller spannender Dinge. Meist wartet dort ein Erwachsener, der Schüler dann beim Ukulelespielen unterstützt, oder was sie sonst gerade interessiert. Manchmal nehmen Kinder dort alte Elektrogeräte auseinander. Oder sie mischen Kräutertees und spielen „Teezeremonie“.

Mehr aus Hannover

 
 
 
 
 
Anzeige
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Verwandte Themen

Letzte Meldungen

 
 
 
 
 
 
 
 
 

Spiele entdecken