Rockerclubs

Hells Angels und Bandidos geben sich als dicke Freunde

Die Männer in dunklen Anzügen, solariumgebräunt und muskelbepackt, fallen sofort ins Auge. Zu einem Friedensgipfel haben die Rocker der Hells Angels und der Bandidos an diesem Mittwochnachmittag in die Kanzlei des Rechtsanwalts Götz von Fromberg geladen. Doch dieser Frieden steht offenbar auf so wackeligen Beinen, dass die düster dreinblickenden Sicherheitsleute, viele von ihnen selbst Mitglieder bei den Höllenengeln, benötigt werden – und sei es nur, um die angereisten Journalisten ein wenig einzuschüchtern.

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In von Frombergs Büro gibt es bereits vor Beginn der offiziellen Verlautbarungen kaum noch Sauerstoff, dafür aber umso mehr Schweißperlen. Dicht gedrängt stehen Fernsehteams, Radioreporter und Zeitungsjournalisten in dem vielleicht 30 Quadratmeter großem Büro. Einige sind gezwungen, das Geschehen im Anwaltsbüro vom Vorzimmer aus in Bruchstücken zu verfolgen. Sieben Personen haben auf dem Podium vor dem Fenster Platz genommen. Zur Rechten des Götz von Fromberg drei Vertreter der Hells Angels, angeführt von Hannover-Boss Frank Hanebuth, zu seiner Linken die Fraktion der Bandidos. Der Rechtsanwalt erklärt, er sei der Moderator der Veranstaltung, verliest dann aber lediglich die Waffenstillstandserklärung der Klubs.

Zwei Monate lang haben die langjährigen Todfeinde benötigt, um sich auf die vier Punkte umfassende Erklärung zu einigen: Keiner betritt die Gebiete des jeweils anderen, kein Klub nimmt Mitglieder oder ehemalige Mitglieder des anderen Klubs auf, ein Jahr lang verzichten Hells Angels und Bandidos auf die Gründung neuer Ableger, danach muss bei jeder Klubneugründung Rücksprache gehalten werden. Besiegelt wird der Pakt der Erzrivalen mit zwei Signaturen und einem kräftigen Händedruck.

Für Mitglieder der Klubs, die sich nicht an die seit Dienstag bundesweit geltende Vereinbarung halten, gibt es im Reich der Rocker klare Regeln: „Der wird plattgemacht oder entsorgt – ganz einfach“, so beschreibt Peter Maczollek die Konsequenzen. Er gibt sich nicht einfach als Sprecher der Bandidos in Deutschland zu erkennen. Er sei, so stellt er sich offiziell vor, der „Vice-President Europe“ des Rockerklubs. Die beiden Kollegen, die ihren Boss aus dem Ruhrgebiet nach Hannover begleitet haben, verzichten auf die Nennung ihrer Nachnamen. So auch die Adjutanten von Hannovers Hells-Angels-Chef Frank Hanebuth, „Ich bin Lobo“, erklärt einer der Höllenengel auf Nachfrage, „schreibt einfach: Vorname Lo, Nachname Bo.“ Die Männer auf dem Podium brechen sofort in lautes Gelächter aus.

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Mit ähnlich flapsigen Sprüchen reagieren die Rocker auf die übrigen Fragen. Wie denn die einzelnen Städte aufgeteilt seien, will einer wissen. „Das steht alles im Internet“, bekommt er zu hören. Worum es bei den Auseinandersetzungen denn gegangen sei, fragt ein anderer. „Das wissen wir auch nicht mehr, deswegen machen wir damit ja auch Schluss“, lautet der Kommentar. Und Götz von Fromberg grinst dazu. Nur wenn es um die Vorwürfe der Polizei geht, um Drogen-, Waffen und Menschenhandel, werden die Rocker plötzlich sehr ernst: „Illegale Geschäfte im größeren Umfang finden bei uns nicht statt und haben auch nie stattgefunden“, berichtet Rudolf Triller, der sich als Hells Angel gerne Django nennt und die Funktion des deutschlandweiten Pressesprechers innehat. „Wir üben als Klubs keine Gewalt gegen andere Personen aus, was aber einzelne Mitglieder machen, können wir nicht kontrollieren“, ergänzt Bandido Peter Maczollek. Über Angriffe mit Messern und Macheten, über Handgranatenwürfe, schwer verletzte oder getötete Rocker und Polizisten sagt er nichts.

Nach etwa zwanzig Minuten erklärt Moderator von Fromberg die Show für beendet. Noch schnell ein paar Posen für die Fotografen, die nur in den hinteren Reihen Platz gefunden hatten, dann treten die Rocker und der Rechtsanwalt hinaus auf den Balkon der Villa an der Adenauerallee. Viele Autofahrer verlangsamen die Fahrt. Die Rocker präsentieren sich der Öffentlichkeit, den Polizisten in den Streifenwagen auf der gegenüberliegenden Straßenseite soll signalisiert werden: Seht her, wir meinen es diesmal ernst. Götz von Fromberg lächelt zufrieden und steckt sich eine Zigarre an. Die Bandidos ziehen bereits an ihren Zigarillos, Hanebuth und seine Hells Angels stoßen mit Bier ihrer eigenen Marke an. Sie finden, ihnen sei ein geglückter Auftritt gelungen. Und das darf jetzt gefeiert werden.

Doch darf bezweifelt werden, dass der öffentlich zur Schau gestellte Friedenspakt langfristig Bestand haben wird – da können die Rocker noch so oft auf das Nachbarland Dänemark verweisen, wo es seit einem Abkommen zwischen Engeln und Banditen vor 14 Jahren vergleichsweise ruhig zugeht. „Gewalt ist Teil der menschlichen Natur“, so erklärte es Höllenengel Triller einmal in einem HAZ-Gespräch. Nach diesem Credo funktionieren die Männerbünde, in denen jeder seinen „Bruder“ bedingungslos verteidigt und auf keinen Fall mit den Behörden kooperiert.

Nicht nur deshalb fiel das Urteil von Rainer Langer, Vizepräsident der Polizeidirektion Hannover, am MIttwoch vorsichtig aus: „Wir nehmen das Treffen kritisch zur Kenntnis und sind verwundert darüber, dass zwei Parteien einen Vertrag schließen müssen, in dem sie öffentlich beteuern, gegenseitig keine Straftaten mehr zu begehen.“ Auch Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann (CDU) gab sich skeptisch: „Das Treffen ist ein reines Medienspektakel und beeindruckt die Innenministerkonferenz in keiner Weise“, sagte er dieser Zeitung. Heute und morgen kommt Schünemann mit seinen Kollegen aus den anderen Bundesländern in Hamburg zusammen. Auf dem Programm der Minister steht auch ein mögliches bundesweites Verbot der beiden Rockergruppierungen.

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