Vorfall bei Schulfahrt

Lehrerin legte Schüler Leine um

Plötzlich im Fokus: Der Vorfall, der sich im Herbst bei einer Jahrgangsfahrt von Schülern der Sophie-Scholl-Gesamtschule  zugetragen haben soll, ist erst jetzt öffentlich bekannt geworden.

Plötzlich im Fokus: Der Vorfall, der sich im Herbst bei einer Jahrgangsfahrt von Schülern der Sophie-Scholl-Gesamtschule zugetragen haben soll, ist erst jetzt öffentlich bekannt geworden.

Hannover. Für eine Gruppe von Kindern der Sophie-Scholl-Gesamtschule in Wennigsen entwickelte sich ihre Jahrgangsfahrt im vergangenen Herbst zu einem einschneidenden Erlebnis. Die begleitende Lehrerin legte einem Schüler einen Strick um den Leib - so viel bestätigt die Landesschulbehörde. Die Lehrerin soll den Jungen auch an der Leine geführt haben. Auf die jungen Zeugen der Demütigung wirkt das Erlebnis weiter nach, wie eine Mutter jetzt berichtete.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Für die erst 13 oder sogar zwölf Jahre alten Schüler war das achte Schuljahr gerade erst angelaufen. Und sie freuten sich, in einer Gruppe von Hauptschülern, Realschülern und Gymnasiasten der Kooperativen Gesamtschule Ende September eine Woche im Landschulheim bei Duderstadt zu verbringen. Doch schon zu Beginn gab es einen Dämpfer. Die Lehrerin soll klargestellt haben, die Fahrt sei eine Schulveranstaltung, da gebe es keinen Spaß.

Vom autoritären Auftreten der Pädagogin berichtete ein Mädchen seinen Eltern bereits am ersten Abend per Telefon. Zwei Tage später habe sich die Situation verschärft. „Unsere Tochter hat am Telefon sehr geweint und wollte nach Hause. Sie hat nur angedeutet, dass die Lehrerin einen Jungen seltsam behandeln würde“, sagt die Mutter einer Achtklässlerin. Die Eltern waren noch nicht ernsthaft beunruhigt. Erst nach der Rückkehr der Kinder vom Gut Herbigshagen der Heinz-Sielmann-Stiftung erfuhren sie Details. Die Schüler berichteten zu Hause übereinstimmende Erlebnisse. Die Achtklässler durften bei einer Aktion Führstricke für Tiere basteln. Später soll die Hauswirtschaftslehrerin dem Jungen eine der Leinen um den Bauch gebunden haben. Nach den Berichten der Schüler gab es offenbar zwei unterschiedliche Situationen mit dem Strick.

Auch für die Kinder, die das miterleben mussten, sei die Situation schwer erträglich gewesen, sagt die Mutter. „Sie fühlten sich hilflos. Und der Junge stand der Lehrerin schutzlos gegenüber.“ Einige Eltern drängten nach der Fahrt schnell auf ein Gespräch mit Schulleitung und Lehrerin. Die Landesschulbehörde wurde eingeschaltet und ermittelt seitdem. Seit das in der Schule bekannt wurde, fanden sich weitere Schüler, die von negativen Erfahrungen mit der Lehrerin berichteten. „Manche Schüler hatten sich geschämt, dass sie beleidigt worden sind und trauen sich, jetzt zu reden.“ Kinder, die den Vorfall im Landschulheim bezeugten, fiel das offenbar zunächst nicht leicht, weil sie Angst hatten.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

„Es gibt eine Reihe von Beschwerden, die Zweifel an der pädagogischen Fähigkeit der Mitarbeiterin zum Ausdruck bringen“, sagt Susanne Strätz, Sprecherin der Landesschulbehörde. Die Lehrerin hat sich jetzt krankgemeldet. Anfang der Woche unterrichtete sie noch, allerdings nicht mehr im achten Jahrgang. „Auch der Junge ist zu seinem eigenen Schutz nicht in der Schule“, sagt Strätz. Grund ist das große bundesweite Medieninteresse, das der Fall hervorrief. Mittwoch zogen Kamerateams mehrerer Sender durch Wennigsen, Reporter passten Kinder vor der Schule oder an der Bushaltestelle ab. Minderjährige Schüler wurden offenbar ohne Zustimmung, möglicherweise auch gegen das ausdrückliche Verbot ihrer Eltern, gefilmt. Ein Reporter soll am Haus der Lehrerin lange Zeit Sturm geklingelt haben. Die Frau ist den Nachstellungen jetzt wohl ausgewichen und hält sich an einem anderen Ort auf.

Die Sophie-Scholl-Gesamtschule hat unter den Eltern in der Gegend einen ausgesprochen guten Ruf. „Dieser Medienrummel ist für uns alle ganz furchtbar und für die Kinder sehr belastend“, sagt eine Mutter. Schulleiterin Annette Harnitz ist seit Herbst mit den Vorwürfen beschäftigt. Damals wurde bereits die Polizei eingeschaltet. „Die Ermittlungen der Landesschulbehörde müssen komplett abgearbeitet werden, auch wenn es für viele Menschen schwer auszuhalten ist“, sagt Harnitz. Das beschriebene Verhalten entspreche nicht der Pädagogik der Schule. Harnitz wendet sich jedoch gegen eine Vorverurteilung, ihre Fürsorgepflicht gelte auch ihrer Mitarbeiterin. Die Zeugenaussagen müssten sorgfältig geprüft werden.

Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft Göttingen, in deren Zuständigkeitsgebiet das Gut liegt. Sie hatte aus Medienberichten von dem Vorfall erfahren. „Es könnte Nötigung vorliegen, wenn jemand einen anderen mit einem Strick hinter sich herzieht“, sagt Oberstaatsanwalt Andreas Buick.

Hilfe für Schüler und Lehrer

Wenn Lehrer sich unangemessen verhalten, können Kinder und Eltern sich in der Regel an den Klassenlehrer oder einen Beratungslehrer wenden. Falls das nicht weiterhilft, sind der Schulleiter oder als nächste Stufe die Landesschulbehörde zuständig. Die Behörde prüft die Vorwürfe und leitet, wenn sie plausibel erscheinen, ein Disziplinarverfahren gegen den Lehrer ein. Der Betroffene wird angehört. Ein Jurist der Landesschulbehörde entscheidet über den Ausgang des Verfahrens, das zum Beispiel in eine Abmahnung, eine Versetzung oder im Extremfall in den Verlust des Beamtenstatus münden kann. Betroffene können dagegen klagen. „Wir brauchen in so einem Fall stichfeste Argumente. Die Richter verpflichten uns sonst, den Lehrer weiterzubeschäftigen“, sagt Susanne Strätz, Sprecherin der Landesschulbehörde. Christoph Walther, Leiter der Integrierten Gesamtschule Linden, hat mehrfach erlebt, dass Lehrer ihren Dienst quittieren mussten – aber auch, dass ungerechtfertigte Vorwürfe erhoben wurden. „Wenn Lehrer Belastungssituationen nicht mehr aushalten, gibt es verschiedene Hilfsangebote.“ Das geht von Beratung zum Unterricht bis zu Gesprächen mit Psychologen.

Telefonberatung I: Im Kultusministerium bietet eine Telefonberatung Opfern von Missbrauch, Diskriminierung und Mobbing in niedersächsischen Schulen und Kitas – auch anonym – Unterstützung an. Die Anlaufstelle „Augenblick“ ist montags bis donnerstags von 8 bis 16 Uhr und freitags von 8 bis 12 Uhr unter Telefon (0511) 1207120 sowie per E-Mail unter anlaufstelle@mk.niedersachsen.de erreichbar. Ansonsten läuft ein Anrufbeantworter.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

TelefonberatungII: Das Kinder- und Jugendtelefon des Vereins „Nummer gegen Kummer“ ist anonym und kostenlos montags bis sonnabends von?14 bis 20 Uhr unter (0800) 1110333 erreichbar.bil

Anzeige
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Verwandte Themen

Letzte Meldungen

 
 
 
 
 
 
 
 
 

Spiele entdecken