Hannovers Karaokebars

Mit „Howie“ auf der Bühne

Die Bühne, die Leinwand, der Saal mit den Tischgruppen – das „Downtown“ inszeniert seine Sänger. Das erfordert gerade von Neulingen viel Mut.

Die Bühne, die Leinwand, der Saal mit den Tischgruppen – das „Downtown“ inszeniert seine Sänger. Das erfordert gerade von Neulingen viel Mut.

Hannover. Karaoke erfordert Mut. Viel Mut. Und vielleicht ein paar Bier. Auf jeden Fall aber den richtigen Song. Wer in der Karaokebar „Downtown“ zum ersten Mal auf der Bühne steht, erspart sich viel Angstschweiß, wenn er sich an ein Phänomen erinnert: Schlager gehen immer. Ob Howard Carpendale, Matthias Reim oder Henry Valentino, deutsche Schunkelhits vom Ballermann oder aus dem Musikantenstadl werden ungeachtet von schiefen Tönen genauso bejubelt wie ein fast perfektes Adele-Double. Zumindest an Freitagabenden.

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Die Szene hat etwas Klischeehaftes. Vor der Bühne tanzt ein Pärchen Diskofox. Beide könnten problemlos in der Achtziger-Jahre-Kultserie „Miami Vice“ mitspielen. Am Nachbartisch sitzt ein Junggesellenabschied mit Strohhüten auf dem Kopf und schlürft Bier aus Halblitergläsern. Und auf der Bühne steht ein Laiensänger und intoniert mit Hingabe Howard Carpendales „Hello Again“.

Die Karaokebar als Spielplatz für verkappte Sternchen und gaudisüchtige Junggesellen – an dem Vorurteil ist durchaus etwas dran. Aber es greift auch zu kurz. Denn Hannovers Karaokegemeinschaft eint nicht der Wunsch nach Ruhm, sondern das Hobby, vor Publikum zu singen.

„Singen hat etwas Befreiendes“

„Zu uns kommen die Leute, weil sie sich amüsieren wollen. Musik entspannt, Singen baut Stress ab“, sagt Jackie Handojo. Vor fast sechs Jahren eröffnete er das „Downtown“ in der Prinzenstraße – seitdem ein beliebter Anlaufpunkt für Hobbysänger und die, die sich dreieinhalb Minuten lang wie ein Star fühlen wollen. Etwa 200 Stammgäste hat Handojo. Manche kommen sogar dreimal in der Woche zum Singen. Cliquenbildung ist da quasi programmiert. „Man kennt sich untereinander. Wenn ich zum Karaokesingen gehe, treffe ich eigentlich immer bekannte Gesichter“, sagt Gerrit Kirchberg. Der 34-Jährige ist Musiklehrer und bezeichnet Karaoke als sein Hobby. Etwa zweimal in der Woche steht er im „Downtown“ oder im „Bel Air“, der zweiten Karaokebar in Hannover, auf der Bühne.

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An diesem Abend hat er sich für einen Countrysong entschieden. Kirchbergs Performance hat etwas von Musikantenstadl. Lässig schlendert er zwischen den Stehtischen entlang, verfolgt nur aus dem Augenwinkel den Text auf der Leinwand. Seine Stimme klingt fest und sicher. Doch wenn man ihn nach Ambitionen fragt, lacht er nur. „Ich glaube, die meisten Karaokesänger wollen Singen gar nicht zum Beruf machen. Es ist ein schwieriges Geschäft mit harter Konkurrenz, das in den meisten Fällen kaum Geld bringt. Deshalb halten sie es wie ich und singen nur in ihrer Freizeit.“

Ausnahmen gibt es jedoch auch. Obwohl Handojo noch nie einen Talent-scout in seiner Bar gesehen hat. Lena Meyer-Landruth etwa hat im „Downtown“ gesungen, bevor es sie auf die Bühne von Oslo zog. Und so mancher Stammgast versucht sein Glück bei Castingshows wie „Deutschland sucht den Superstar“ oder „The Voice of Germany“. „Meine Bühne ist für die eher der Probenraum“, sagt Handojo.

Karaoke-Veranstaltungen

■  Bel Air (Roscherstraße 7). Freitags und sonnabends ab 20 Uhr geöffnet.
■   Downtown (Prinzenstraße 8). Außer montags jeden Tag geöffnet. Sonntags bis donnerstags von 20 bis 1 Uhr, freitags und sonnabends bis 3 Uhr.
■  Bar Romantis (Lavesstraße 64). Jeden 1. und 3. Sonnabend ab 18 Uhr mit Sängerwettbewerb.
■  Dublin Inn (Am Markte 13). Montags und freitags ab 17 Uhr.

Zum Beispiel, um das Lampenfieber in den Griff zu kriegen. Das begleitet auch Carsten Alexander jedes Mal noch die zwei Stufen zur Bühne hoch. Heute hat er sich für „Flood“ von Take That entschieden. Ein Klassiker mit Ansprüchen an den Sänger. Seit fünf Jahren singt der Projektmanager regelmäßig Karaoke. „Das ist mein Ausgleich zum Alltag. Singen hat etwas Befreiendes.“

Die Bühne, die Leinwand, der Saal mit den Tischgruppen – das „Downtown“ inszeniert seine Sänger. Das erfordert gerade von Neulingen viel Mut. Leichter fällt der Griff zum Mikro im „Bel Air“ in der Roscherstraße. Die Bar ist kleiner, kuscheliger und intimer. Da darf man auch mal beim Singen sitzen bleiben. Applaus gibt’s trotzdem. Selbst wenn die Töne nicht stimmen. Das ist eine Regel im Karaoke: Das Publikum bedankt sich immer beim Sänger. Buhrufe sind tabu. Schließlich geht es um den Spaß an der Sache und nicht um den Recall bei Dieter Bohlen.

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Rund 28 000 Lieder stehen im „Bel Air“ zur Auswahl, die Hitliste führen aber Evergreens an. „In der Wahl der Songs spiegelt sich das Hörverhalten der Gäste“, sagt Inhaber Alan Nabli. „Junge Sänger entscheiden sich eher für Charts, während die 30- bis 40-Jährigen gern Achtziger und Neunziger singen.“

Maria Schulze ist zum ersten Mal in einer Karaokebar. Mit dem Abend verabschiedet sich die Sachbearbeiterin von ihren bisherigen Kollegen. „Los komm, wir singen ein Duett“, sagt ihr Kollege Michael Schepper plötzlich und zieht sie vom Stuhl. Etwas schief, aber gut gelaunt trällern die beiden Henry Valentinos Hit „Im Wagen vor mir“ – und der Junggesellenabschied, das „Miami Vice“-Pärchen und die Stammgäste jubeln ihnen zu. Schlager gehen eben immer.

Schlager bestimmen die Top Five

Die Top Five im Downtown:

1. „Atemlos“ – Helene Fischer
2. „Wonderwall“ – Oasis
3. „Someone Like You“ – Adele
4. „My Way“ – Frank Sinatra
5. „Er gehört zu mir“ – M. Rosenberg

Im Bel Air:

1. „Ich war noch niemals in New York“ (Udo Jürgens)
2. „Hello Again“ – Howard Carpendale
3. „My Way“ – Frank Sinatra
4. „Time of My Life“ – Bill Medley und Jennifer Warnes)
5. „Take me Home, Country Roads“ – John Denver

Isabel Christian

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