Kleiner Kerl mit großer Wirkung

Mohren-Fan zeigt Sarotti-Sammlung

Im Zeichen des Mohren: Carl-Werner Möller, Chef des Küchenmuseums, und Sammler Thomas von Grünhagen sind fasziniert von der Geschichte der Schokoladenfirma Sarotti.

Im Zeichen des Mohren: Carl-Werner Möller, Chef des Küchenmuseums, und Sammler Thomas von Grünhagen sind fasziniert von der Geschichte der Schokoladenfirma Sarotti.

Hannover. Mit seinem gestreiften Turban, der roten Pluderhose und dem blauen Jäckchen mit wehendem Rockschoß verbreitet er seinen ganz eigenen Charme: Der Sarotti-Mohr hat eine lange Laufbahn als liebenswerter Sympathieträger hinter sich, seit er 1922 als Markenzeichen der „Berliner Sarotti Chocoladen & Cacao Industrie AG“ eingetragen wurde. Kondensmilch-Bär, Fischstäbchen-Kapitän oder Fruchtzwerg können weder eine so weit zurückreichende Geschichte noch die gleiche Bekanntheit und Beliebtheit für sich reklamieren wie der Mohr auf der Schokoladentafel. Und der stilisierte Bienenkorb der ehemals hannoverschen Schokoladenmarke Sprengel kann zwar ebenfalls eine lange Historie vorweisen - ist aber eben auch nur ein Bienenkorb.

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Für Schokoladenliebhaber Thomas von Grünhagen war es daher keine Frage, auf welches Objekt und welches Unternehmen er seine Aufmerksamkeit richten sollte, als ihn 2004 die Sammelleidenschaft überkam. Sprengel-Schokolade habe ihn nicht weiter interessiert, sagt der 44-Jährige aus Lehrte-Aligse. „Aber den Sarotti-Mohren habe ich schon immer gemocht.“ Schließlich war er als Kind praktisch mit ihm aufgewachsen. „Meine Oma hatte in den fünfziger Jahren einen Bekannten, der Sarotti-Vertreter war. Da stand bei uns zu Hause allerlei herum.“ Doch es sollten noch Jahre vergehen, ehe von Grünhagen als Erwachsener gezielt im Internet und bei Händlern recherchierte, die sich auf historische Werbemittel spezialisiert haben. „Ich war fasziniert davon, was es zum Thema Sarotti alles gibt.“ Dass er trotz allem am liebsten Lindt-Schokolade mag, ist eine andere Geschichte.

Rund 500 Stücke aus der Firmengeschichte, die bereits 1852 begonnen hatte, hat der Lehrter zusammengetragen. Vom Schokoladenpapier und der Pralinenschachtel über Werbeschilder und Musterbücher bis - natürlich - zu Mohrenfiguren in unterschiedlichsten Variationen reicht das Spektrum. Zu sehen war das alles bisher lediglich in von Grünhagens Haus in Aligse. Jetzt hat er seine Sarotti-Sammlung dem Küchenmuseum „World of Kitchen“ (WOK) in der Spichernstraße für eine Sonderausstellung zur Verfügung gestellt - und dessen Chef Carl-Werner Möller richtig glücklich gemacht.

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„Die Sammlung ist einzigartig, weil sie auch viele sehr alte Exponate aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert umfasst“, sagt Möller. So sind etwa Pralinenschachteln aus den Jahren zwischen 1870 und 1880 zu sehen, auf denen der Mohr als Markenzeichen noch fehlt. Sie zeigen Kinderfotos im Stil der Zeit und erinnern an Seiten in einem alten Poesiealbum. Später kam ein von Bienen umschwärmter goldener Bär als eine Art erstes Logo hinzu. Doch er wurde schließlich vom Mohren verdrängt - zunächst noch in dreifacher Ausführung. Denn im August 1918 brachte Sarotti die legendäre „Drei Mohren Mischung“ heraus. Auf dieser Pralinenpackung waren erstmals Figuren zu sehen, die als Vorbilder für das spätere Sarotti-Logo dienten, das selbst der Rassenideologie der Nazis trotzte. Der Sympathieträger lebte auch in der Zeit des NS-Terrors fort.

Erfunden wurde der kleine Kerl mit der großen Fangemeinde in der Abteilung des Grafikers Julius Gipkens. Er war engagiert worden, um dem Schokoladenunternehmen einen einheitlichen Marketingauftritt zu verpassen, wie man heute sagen würde. „Für damalige Verhältnisse war das sehr fortschrittlich gedacht“, sagt Möller. Überhaupt habe Sarotti in Sachen Marketing früh Maßstäbe gesetzt. In den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts gab es bereits umfangreiche Anzeigenkampagnen, es wurden Firmenpräsente wie Feuerzeuge, Aschenbecher und Notizbücher mit dem Mohren herausgebracht. Zudem gab es für die Mitarbeiter Mohrenfiguren aus Porzellan oder Bronze - je nach Dauer der Betriebszugehörigkeit und der Leistung.

Außerdem warb Sarotti schon 1910 für die „S-i-Packung“, eine mit Cellophan umwickelte Pralinenschachtel, in deren Hülle als bahnbrechende Neuerung ein schmaler Faden zum Aufreißen eingearbeitet war. „S-i“ stand für den ersten und letzten Buchstaben des Firmennamens. „Dieses Prinzip haben wir heute bei jeder Zigarettenschachtel“, sagt Möller. Das Werbeplakat mit einem gelben Kakadu, der mit seinem Schnabel an dem Faden zieht, ist eines der liebsten Stücke des Sammlers von Grünhagen. In diese Kategorie gehört für ihn aber auch die etwa 80 Zentimeter große, elektrisch zu bewegende Mohrenfigur aus den frühen Fünfzigern, die sogar mit den Augen rollt, wenn man den Stecker in die Dose steckt.

Doch auch die heutige Sarotti-Zeit hat ihren Platz im WOK-Museum, das dafür bekannt ist, seine Objekte auf besondere Art zu inszenieren: Möller hat eine historische Apothekeneinrichtung zum Schokoladengeschäft umfunktioniert und verkauft dort mitten in der Ausstellung Pralinen, Schokoladentafeln und Kakao aus dem aktuellen Sarotti-Sortiment.

Die Ausstellung läuft vom 31. August bis zum 30. November und ist im Rahmen der Führungen im WOK-Küchenmuseum, Spichernstraße 22, zu sehen. Anmeldungen unter Telefon (0511) 54300858.

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