Nach Snowboardunfall

Schritte zurück ins Leben

Foto: Chirurg Ulrich Bosch vom INI und Snowboarderin Anna Babanina aus Sotschi, kurz vor dem Rückflug der Patientin nach Russland.

Chirurg Ulrich Bosch vom INI und Snowboarderin Anna Babanina aus Sotschi, kurz vor dem Rückflug der Patientin nach Russland.

Hannover. Vielleicht ist Spaziergängern am Maschsee dieser Tage eine schmale junge Frau aufgefallen, die langsam einen Fuß vor den anderen setzt. Vorsichtig tritt sie auf, doch schon mit der Zuversicht im Blick, dass jeder Schritt bald wieder selbstverständlich sein wird und keine mühsam trainierte Fähigkeit, die sie fast fünf Monate nach dem verheerenden Sturz in Sotschi wieder lernen musste. Anna Babanina, 21 Jahre alt, fliegt morgen zurück nach Russland, fast fünf Monate lang war sie dann im International Neuroscience Institute (INI) in Behandlung. Sie überstand ungezählte Operationen, einen lebensbedrohlichen Keim, und niemand glaubt noch, der Sportlerin ein Bein amputieren zu müssen.

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Die Leidensgeschichte von Anna Babanina begann Ende Dezember in Sotschi, dem Ort der Olympischen Winterspiele. Sie fuhr mit ein paar Freundinnen Snowboard, bis sie auf der Piste auf eine vereiste Stelle geriet. Sie stürzte in hohem Tempo, fiel nach vorn und blieb schwer verletzt im Schnee liegen. Die Diagnose: Offener Bruch des rechten Unterschenkels, Schäden im linken Knie, Gehirnerschütterung.

Es war der Tag, an dem auch Michael Schumacher verunglückte. Im Krankenhaus in Sotschi, und später nach einer Verlegung mit dem Hubschrauber nach Krasnodar, verschlechterte sich die Lage zusehends. Anna Babanina spürte ihren linken Fuß nicht mehr. Gewebe verfärbte sich und starb ab, eine Kniearterie war verschlossen, das linke Bein schwoll an. Die russischen Ärzte erwogen bereits eine Amputation. Annas Eltern waren entsetzt. Sie fragten nach anderen Möglichkeiten, bis sich im Krankenhaus in Sotschi Ärzte an eine frühere Verbindung zum INI in Hannover erinnerten.

Ulrich Bosch vom Zentrum für Orthopädische Chirurgie und Sporttraumatologie bekam eine Patientin ins Haus, die neben allen Komplikationen zusätzlich eine schwere Infektion im Körper trug, die die russischen Kollegen offenbar übersehen hatten. Acinetobacter baumannii, ein Keim, gegen den nur noch ein einziges Antibiotikum helfen konnte. Totes Gewebe überschwemmte den Körper mit Giftstoffen.

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Anna Babanina wurde nun mehrmals in der Woche operiert. Es gibt Fotos vom versehrten Unterschenkel der jungen Frau, die man besser nicht ansieht. Bosch legte Vakuumverbände an, damit sich neues Gewebe bildet, und wendete ein Ultraschallverfahren an, das gesundes von totem Gewebe trennt. Es gelang, Haut über den Wunden zu schließen, am Schluss mit einer Transplantation. Dann kam die Reha. Gehwagen, Krücken, Treppensteigen und Wege in die Stadt.

Die Russin hat kaum eine Erinnerung an ihren Sturz. An Silvester, das weiß sie noch, trank sie im Krankenhaus in Sotschi eine Cola. Erst auf der Station im INI kam sie langsam wieder zu Bewusstsein. Ein Pfleger habe ihr gesagt, dass sie wieder gehen können wird. „Und da habe auch ich stark daran geglaubt.“

Jetzt endet ihre Behandlung, mit ihren dankbaren Eltern fliegt sie morgen zurück. Manchmal, bei ihren Wegen auf dem Flur, fasst sie ihren Arzt bei der Hand. „Sie kann ohne Stock gehen“, sagt Ulrich Bosch. Der Chirurg vermutet, dass eine gewisse Behinderung zurückbleiben wird, aber Anna Babanina hat das Glück, auf ihren eigenen zwei Beinen zu stehen.

Dass ihr eine Amputation erspart geblieben ist, liegt nach Einschätzung von Bosch am technischen Vorsprung und dem „enormen zeitlichen Aufwand“, der für diese Behandlung notwendig war. Er verzichtete auf weite Teile seines Honorars, aber die Zeit am INI forderte dennoch ihren Preis. Therapie und Aufenthalt kosteten knapp 140 000 Euro, 100 000 Euro zahlte die Familie aus eigener Tasche und aus Spenden, die sie zu Hause sammelte.

Anna Babanina will wieder zu Hause im Betrieb der Eltern arbeiten. Sie führte dort die Buchhaltung und leitete einen Schönheitssalon. Englisch will sie lernen und Deutsch. Und Sport? Auf dem Maschsee sah sie Leute Wasserski fahren, „das fand ich interessant“.

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