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So funktioniert urbanes Angeln in Hannover

Foto: Hannover bietet mit seinen Flüssen, Teichen und Kanälen zahlreiche exzellente Angelmöglichkeiten.

Hannover bietet mit seinen Flüssen, Teichen und Kanälen zahlreiche exzellente Angelmöglichkeiten.

Hannover. Schritt für Schritt tastet sich Jörg Loevenich durch das Gewässer unterhalb vom mittelalterlichen Beginenturm. Der Gründungslegende Hannovers zufolge war hier einst eine Furt, weshalb Handelswege im Hochmittelalter den Bau einer Siedlung begünstigten, aus der später Hannover entwuchs. Inzwischen befindet sich ringsumher der Trubel einer Landeshauptstadt. Im Hintergrund rauscht der Verkehr auf dem Leibnizufer. Von den Steinbrüstungen des Hohen Ufers blicken neugierige Passanten hinab. Doch den Angler stört das nicht. „Ich habe diese Stelle vor Jahren für mich wiederentdeckt“, sagt Loevenich. Es ist ein sehr urbanes Angeln, hier im Herzen der Großstadt, und trotzdem im Grünen.

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Wer in Hannover frischen Fisch fangen will und die notwendigen Erlaubniskarten hat, dem stehen viele Kilometer Uferstrecke zur Verfügung. Leine und Ihme sind für das Hobbyfischen freigegeben, der Mittellandkanal, zahlreiche Kiesseen. Ein einsames Hobby ist es aber schon lange nicht mehr. Der Fischereiverein, größter Angelverein der Region, zählt rund 4000 aktive Mitglieder, der Sportanglerverein rund 1100, dazu gibt es Vereine unter anderem in Laatzen, Neustadt, Burgdorf. Kein Wunder, dass man an schönen Tagen zum Beispiel an den Ricklinger Kiesteichen alle paar Meter einen Angler sieht. Auch die wenigen Angelstellen an der Leine, die gut zugänglich sind, sind begehrt und oft belegt.

Das sogenannte Ansitzangeln aber, bei dem der sitzende Angler seine Würmer badet oder Mais oder andere Köder, zählt längst nur noch zu einer Angelart unter vielen. Zunehmend setzt sich aktives Angeln durch. Studenten, junge Väter, Schüler pirschen in ihrer Freizeit die Ufer entlang und gehen mit Spinn- oder Flugrute auf Fischjagd. Manchmal kann man sie schon ganz früh morgens am Ricklinger Siebenmeterteich oder am großen Dreiecksteich beobachten. Auch in der Leinemasch südlich und westlich vom Stadtzentrum und am Mittelland- sowie am Stichkanal befinden sich bevorzugte Reviere.

Anstatt stationär auf einen Fisch zu warten, durchstreift der aktive Angler sein Revier. Wo die Abstände zwischen Büschen und Bäumen groß genug sind, wirft er in weitem Bogen künstliche Köder aus in Form von blinkenden Blechen, rotierenden Spinnblättern oder Fischimitationen aus Gummi oder Kunststoff. Der Köder lockt Raubfische an, seine Reize lassen Hecht, Zander, Barsch und Forelle alle Vorsicht vergessen. Wenn sie zuschnappen, verbeißen sie sich im Haken.

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Auch bei Jörg Loevenich am Innenstadtfluss pfeift jetzt die Angelschnur in großem Bogen über das Wasser. Sanft legt sich der Flugköder an fast unsichtbarer Schnurspitze auf dem Wasserspiegel ab. Es ist ein Gammarus, das fast perfekte Imitat eines Bachflohkrebses. Vorsichtig zieht der 46-Jährige die Hauptschnur ein, Dezimeter für Dezimeter taumelt die Bachflohkrebs-Mimikry durchs Wasser.

Es bleibt beim klassischen Vorführeffekt, es beißt: nichts. Angler kennen das und lassen sich davon nicht aus der Ruhe bringen. Wer Fischen nachstellt, noch dazu in Konkurrenz zu Tausenden anderen Anglern, der ist es gewohnt, ohne Beute nach Hause zu kommen.

Loevenich rüstet um, doch auch mit der Spinnfischrute ist ihm kein Erfolg beschert. Erst als er zur traditionellen Methode greift, ist der Angler-Schutzpatron Petri ihm hold. Mit kleinen Maden zieht er erst eine Plötze, dann einen Döbel aus dem Wasser. Die Fische sind zu klein, sie werden mit nassen Händen vorsichtig gelöst und wieder ins Wasser zurückgelassen. Loevenich weiß, wie das geht: Der Angelcoach bietet in Hannover Kurse im Hechtfischen und Flugangeln an. „Die Fertigkeit, einen zu kleinen Fisch schonend wieder zurückzusetzen, sollte zwingend zum Repertoire jedes Anglers gehören“, sagt er. Schließlich sähen sich Angler zunehmend auch als Bewahrer von Natur, indem sie für intakte Gewässer sorgten. Allein im Bereich der hannoverschen Leine wurden in den vergangenen Jahren Tausende Junglachse eingesetzt, um den in Mitteleuropa nahezu ausgerotteten Fisch wieder heimisch zu machen. Angler müssen Schonzeiten und Mindestmaße achten, jährlich schließen die Vereine Dutzende Mitglieder aus, die sich nicht an Regeln halten.

In erster Linie aber dient das Angeln dazu, Fische aus dem Wasser zu holen - das geht Angelprofis wie Jörg Loevenich nicht anders als den vielen Tausend Freizeitfischern in Hannover. Mehr als 27Tonnen Fisch haben allein die Mitglieder des größten hannoverschen Angelvereins im vergangenen Jahr geangelt, vor allem Karpfen (6,5 Tonnen) und die sogenannten Weißfische (6,3 Tonnen), obwohl sie wegen ihrer vielen Gräten nur nach intensiver Behandlung genießbar sind. Aber auch 4,5 Tonnen Hecht wurde geangelt - der Räuber mit dem torpedoförmigen Körperbau gilt als einer der beliebtesten Angelfische, weil er ziemlich einfach zu fangen ist. Sogar 2,2 Tonnen vom misstrauischen Zander und rund zwei Tonnen Aal sind an die Haken gegangen. Die Vereine lassen sich von den Mitgliedern die Fänge mitteilen und überwachen den Bestand an Fischen. Wenn eine Population zu schrumpfen droht, werden die Schonmaße erhöht, damit die Fischfamilien sich reproduzieren können. Schließlich seien Angler die letzten, die ein Interesse an überfischten Gewässern hätten, sagt Loevenich.

Mit diesen Ködern fängt man Fische

Das Grundangeln: Es gilt als die bequemste Methode, und meist bringt sie auch am schnellsten Erfolg. Dabei wird eine Angelrute stationär am Ufer installiert und ein Köder entweder schwimmend im Wasser unter einer Pose präsentiert, oder der Köder wird mit einem Blei am Gewässergrund festgesetzt. Wenn der Fisch beißt, muss der Angler schnell reagieren, damit sich der Fisch nicht vom Haken befreien kann.

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Das Spinnangeln: Bei dieser Methode ist der Angler nicht an einen Ort gebunden, sondern wandert am Gewässerufer entlang. Der Angelköder ist in der Regel ein künstliches Blech- oder Kunststoffdetail, das entweder naturgetreu ein Beutetier imitiert oder besonders auffällige Reize aussendet. Der Köder wird durch ständiges Auswerfen und Einholen in Bewegung gehalten. Der Begriff Spinnangeln kommt aus dem Englischen (to spin = sich drehen, herumwirbeln). Das Flugangeln: Auch dieser Begriff stammt aus dem Englischen (flyfishing, oft auch als Fliegenfischen übersetzt). Bei dieser aktivsten Angelmethode wird der Köder mit einer speziellen Wurftechnik über große Distanzen befördert, obwohl er eigentlich kein Eigengewicht hat. Ähnlich wie beim Lassowerfen kommt dabei eine relativ schwere Hauptschnur zum Einsatz. Die Köder beim Flugangeln sind meist filigran gebundene Kunstwerke.

Welche Papiere brauchen Angler?

Wer in Hannover angeln will, muss zunächst eine Fischereiprüfung ablegen. Dazu bieten alle Fischereivereine mehrwöchige Vorbereitungskurse an, immer wieder gibt es auch Crashkurse. Die bestandene Prüfung ist Voraussetzung dafür, einen Erlaubnisschein zum Angeln an bestimmten Gewässern zu erhalten. Dieses Fischereirecht kann über den Gewässereigentümer ausgestellt werden. So gibt es beispielsweise spezielle Fischereirechte an der Herrenhäuser Graft oder den Misburger Mergelgruben. Die meisten Angler in Hannover aber organisieren sich das Fischereirecht über die Zugehörigkeit zu einem der Vereine. Die Vereine kaufen oder pachten Gewässer, zuweilen teilen sie sich Nutzungsrechte auch etwa mit Tauchern. Nicht zugelassen zum Angeln ist in Hannover etwa der Maschsee, dort liegt das Fischereirecht komplett bei Fischzuchtmeister Hans-Joachim Moeller aus Hemmingen. Auch die Alte Leine bei Laatzen oder bestimmte Teile des Mittellandkanals sind nicht zum Angeln frei gegeben. Dagegen sind die Ricklinger Kiesteiche klassisches Angelgebiet, ebenso wie der Stichkanal oder die Leine. Der Sportanglerverein hat sogar ein eigenes Gewässer in Nordrhein-Westfalen. Bei Vlotho hat der Verein „vor 60 oder 65 Jahren“ einen Kiessee gekauft, „weil ein Vereinsmitglied dorthin Verbindungen hatte und der See billig war“, erinnert sich Präsident Jörg Bühring. Inzwischen ist dort ein beliebtes Angelrevier nicht nur für Vereinsmitglieder entstanden, wo man in Wohnwagen oder Apartments Angelurlaube verbringen kann. Weitere Alternativen sind kommerzielle Angelseen, die es etwa in Burgdorf, bei Fischzüchter Moeller in Hemmingen-Harkenbleck oder am Meitzer See in der Wedemark gibt. Er ist bei Anglern sehr beliebt: Dort darf man sogar vom Boot aus angeln.

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