Unfall bei Radtour

Tod von Künstler Mahler: Treckerfahrer verurteilt

Auf diesem Wirtschaftsweg zwischen Koldingen und Ruthe passierte der entsetzliche Unfall – Hannes Malte Mahler war sofort tot.

Auf diesem Wirtschaftsweg zwischen Koldingen und Ruthe passierte der entsetzliche Unfall – Hannes Malte Mahler war sofort tot.

Hannover. Am 18. Juli 2016, es ist ein schöner, lauer Sommerabend, kommen sich Klaus Hennig (68) und Hannes Malte Mahler (48) auf einem Wirtschaftsweg zwischen Koldingen und dem Sarstedter Ortsteil Ruthe entgegen.

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Erntehelfer Hennig thront auf einem gewaltigen Traktor, der eine ausladende Ballenpresse im Schlepptau hat. Mahler, ein bekannter Künstler aus Hannover, sitzt auf einem schmalen Carbon-Rennrad. Einen Augenblick später ist der 48-Jährige tot. Er ist beim Vorbeifahren gestürzt und mit seinem Kopf zwischen die beiden nur 35 Zentimeter auseinanderstehenden linken Reifen des doppelachsigen Hängers geraten. Am Montag hat das Amtsgericht Hildesheim Klaus Hennig wegen fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe von 80 Tagessätzen à 50 Euro verurteilt. Allerdings wird sein Anwalt Berufung einlegen.

Rennrad auf dem Grünstreifen

Beide Männer waren firm in ihrem Metier. Zwischendurch verdingte sich der gelernte Landmaschinenschlosser Hennig auch als Postzusteller, doch hilft er seit Jahrzehnten als Erntehelfer aus, fährt seit seinem 16. Lebensjahr Trecker. Mahler war ein versierter Radler, gerne im eng anliegenden Rennanzug auf Tour.

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Das Zwölf-Meter-Gespann, das den Wirtschaftsweg in ganzer Breite ausfüllt, rollt Richtung Norden nach Koldingen. Es nähert sich dem Radler an einer Stelle, wo drei Absperrpfosten Autofahrern einen potenziellen Schleichweg versperren. Diese Plastikpfähle sind flexibel, deshalb hält sich Hennig mit seinem Gefährt mittig, um nur den mittleren Pfosten herunterzudrücken. Nach eigener Aussage hält er an, die beiden Männer nicken sich zu, der Radler weicht nach rechts auf den Grünstreifen aus.

Was dann passiert, können die Ermittler später nur unvollständig rekonstruieren. Das Rennrad ist mit sehr schmalen Reifen und Klickpedalen ausgestattet, in die die Schuhe ähnlich wie bei einer Skibindung einrasten. Mahler hat einen niedrigen Gang eingelegt, wahrscheinlich versucht er, an der Landmaschine vorbeizuradeln, vielleicht aber stoppt er auch auf dem huckeligen Randstreifen und kommt dabei ins Straucheln. Sein Helm hängt am Lenker, aber der - so ein Unfallgutachter gestern - hätte ihm in dieser Situation auch nicht geholfen. Von einem „schrecklichen Anblick“ und einer „fürchterlichen Situation“ sprachen vor Gericht zwei erfahrene Polizisten, die als erste Beamte vor Ort waren.

Hannes Malte Mahler lebte und arbeitete in Hannover.

Hannes Malte Mahler lebte und arbeitete in Hannover.

Klaus Hennig sagt aus, er sei wieder angefahren, nachdem der Radler seinen Traktor passiert hatte. Er habe gedacht, der Mann steige ab und warte. Doch dann bemerkt der 68-Jährige ein „Rucken“, stoppt, steigt aus. Da ist der Künstler bereits tot.

"Verkettung unglücklicher Umstände"

Die Staatsanwältin spricht von einer „Verkettung unglücklicher Umstände“. Doch hätte der Erntehelfer überprüfen müssen, ob der Radler den Gefahrenbereich bereits verlassen hat. Sie fordert, Hennig wegen fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu 60 Euro zu verurteilen.

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Auf der Nebenklage-Bank sitzt die 50-jährige Mutter von fünf Kindern, deren Vater Hannes Malte Mahler ist, neben ihr die älteste Tochter, 26 Jahre alt. Für ihren Anwalt Christian Reinicke hat der Erntehelfer schlicht gegen den Paragrafen 1 der Straßenverkehrs­ordnung (StVO) verstoßen: „Wer am Verkehr teilnimmt, hat sich so zu verhalten, dass kein anderer geschädigt wird.“ Laut Anwalt Peter Lükermann, der Mahlers kranken Vater vertritt, hätte der Treckerfahrer seinerseits auf den Grünstreifen zur anderen Seite hin ausweichen können.

Nachruf

"Er hat die ganze Welt umarmt": Zum Tod von Hannes Malte Mahler. 

Verteidiger Matthias Waldraff weist darauf hin, wie bestürzt sein Mandant wegen des Unfalls ist. Bis heute. Dass er der Markuskirchengemeinde, der Mahler eng verbunden war, eine Spende von 500 Euro zukommen und den Verwandten seine Anteilnahme übermitteln ließ. Doch Waldraff sagt auch, dass das Gespann Vorfahrt gehabt habe. Dass sich der Radfahrer „unvernünftig“ und „verkehrswidrig“ verhalten habe und ein hohes Risiko eingegangen sei. Ein Treckerfahrer könne schließlich nicht bei jeder Begegnung mit einem Zweiradfahrer überprüfen, ob ihn dieser sicher passiert habe. Der Verteidiger fordert Freispruch.

Auch Amtsrichter Benjamin Brennenstuhl spricht in seinem Urteil von einer Mitschuld von Mahler, der sich selbst in Gefahr begeben habe. Doch das sei für Hennig kein „Freifahrtschein“ gewesen, die StVO nicht beachten zu müssen. Der Erntehelfer habe über die Schulter oder in den Rückspiegel schauen müssen, ob der Radler in Sicherheit ist, vielleicht sogar aussteigen müssen. Dass der 68-Jährige dies nicht getan habe, sei eine „leichte Fahrlässigkeit“, für die er mit 4000 Euro büßen müsse. Doch das will der Verteidiger nicht hinnehmen - und Berufung einlegen.

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