Barsinghausen

Was geschah vor 2000 Jahren am Stemmer Berg?

Geländetechniker Harald Nagel steht auf dem Feld bei Stemmen und zeigt auf den mit Bäumen umwachsenen Wasserspeicher, in dessen Nähe er die Bronzereste gefunden hat.

Geländetechniker Harald Nagel steht auf dem Feld bei Stemmen und zeigt auf den mit Bäumen umwachsenen Wasserspeicher, in dessen Nähe er die Bronzereste gefunden hat.

Stemmen. Es begann eine Suche mit überraschendem Ausgang Juli 2008. Die Erdbeerernte ist gerade beendet, da nutzt Harald Nagel die Gelegenheit, ein abgeerntetes Feld genauer unter die Lupe zu nehmen. „Die Umgebung meines Dorfs interessiert mich“, erklärt der gelernte Tischler, der 2001 sein Hobby zum Beruf machte, und eine vakante Stelle in der archäologischen Denkmalpflege in der damaligen Bezirksregierung übernahm. Man müsse natürlich ein „einigermaßen geübtes Auge für die Topografie haben“, um bei der archäologischen Suche erfolgreich zu sein, sagt der gebürtige Nordstemmer. Und dieses Auge beweist er auch diesmal. Bereits bei seiner ersten sporadischen Suche auf einem Feld, das direkt an seinen Garten angrenzt, findet er Metallteile aus Bronze – Bruchstücke von Gefäßen und Reste von geschmolzenem Metall, das auf dem Gebiet des Römischen Reichs in der Zeit zwischen 1 bis 375 nach Christus hergestellt wurde.

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Nagel nutzt beim nächsten Mal einen Metalldetektor, weitet die Fläche, die er nun systematisch abschreitet, auf 200 mal 50 Meter aus. Der heute 65-Jährige birgt über 200 Bronzeobjekte: Rand- und Wandungsstücke von Gefäßen, Griffhalterungen, sogenannte Attaschen, in Weinblattform, Fragmente von Henkeln und Lanzenspitzen sowie eine Fibel.

Ein Sensationsfund?

Die große Menge an Gegenständen deutete daraufhin, dass Nagel gerade die Reste eines Friedhofs aus der römischen Kaiserzeit entdeckt haben könnte. „Cool bleibt man bei einem solchen Fund nie. Eine solche Suche ist immer wieder spannend – auch, weil sie ergebnisoffen ist“, beschreibt der Stemmer den Reiz an der Archäologie. Nagel und seine Kollegen intensivieren die Suche mithilfe eines Baggers, der drei etwa 40 Meter lange, vier Meter breite und 40 Zentimeter tiefe Suchschnitte anlegt. Und der Suchtrupp findet: nichts. Keinerlei Hinweise auf germanische Gräber. „Da die Germanen ihre Toten verbrannten und anschließend begruben, hätten wir im Boden Verfärbungen durch die Holzkohle und Knochenreste, den sogenannten Leichenbrand, finden müssen“, erklärt Nagel. Doch nichts dergleichen.

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Es herrscht zunächst Ratlosigkeit, und der Hobbymusiker und seinen Kollegen geraten ins Grübeln: Bei der Bestattung von wohlhabenden Germanen war es lange üblich, vor der Verbrennung der Toten Bronzegefäße zu zerschlagen. „Wahrscheinlich ähnlich unserer Polterabende heutzutage“, vermutet Nagel. Die gefundenen Überreste waren eindeutig Überbleibsel dieser Sitte. Doch wo waren die dazugehörigen Gräber abgeblieben?

Nagel kann nur spekulieren

In der Archäologie liefern Funde häufig keinen eindeutigen Hinweis darauf, wie und warum das Material in den Boden gekommen ist. Den Wissenschaftlern bleibt dann nur, Vermutungen über das Geschehen anzustellen. Die wahrscheinlichste Theorie gilt so lange, bis sie widerlegt ist. So muss Nagel spekulieren, was auf dem Feld bei Stemmen damals passiert ist.

Der Geländetechniker steht am südwestlichen Hang des Stemmer Bergs auf einem Feldweg und schaut hinab auf einen Wasserspeicher, der umgeben ist von Bäumen. Er vermutet, beim Bau des Gebäudes im vergangenen Jahrhundert könnten die Metallteile unentdeckt ausgegraben, später beim Pflügen über dem Feld verteilt worden sein. Doch wie kamen sie zuvor in den Boden? „Funde der letzten Jahre belegen große Siedlungen in Gehrden, bei Groß Munzel und Bantorf. Die werden entsprechend große Friedhöfe gehabt haben“, sagt Nagel. Die Gegend sei bereits vor 2000 Jahren eng besiedelt und von einem großen Handelsweg, dem Hellweg als Vorläufer der heutigen Bundesstraße 65, erschlossen gewesen. Auf diesem Weg kamen die Bronzegefäße wahrscheinlich als Handelsware aus den römisch besetzten Gebieten ins freie Germanien.

Mehrere Szenarien sind denkbar

„Vielleicht war es ein Metallhandwerker, der die Bronzereste aus den Scheiterhaufen klaubte, um das wertvolle Material zu recyceln“, sagt Nagel und zeigt einmal von Osten nach Westen. „Von hier oben kann ich wunderbar die brennenden Scheiterhaufen sehen und weiß, wo sich anschließend die Suche nach Metall lohnt“, versetzt sich Nagel gedanklich in einen frühzeitlichen Schrottsammler. Er fand vor einiger Zeit nur 50 Meter vom Fundort entfernt eine römische Münze, die seinen Angaben nach zeitlich zu den Bronzefunden passt. Hat der Handwerker die Münze auf seinem Weg über den Stemmer Berg in Richtung Deister verloren, bevor er sich gezwungen sah, das Bronzematerial zu verbuddeln? Augenscheinlich liegt der Bronzefund in direkter Linie vom Münzfund durch die Deistermulde zum heutigen Nienstedter Pass.

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Der Geländetechniker liefert mehrere Thesen, was damals nur wenige Meter oberhalb des Orts, wo heute das Stemmer Rittergut steht, passiert sein könnte: „Er kann das Material ganz einfach verloren haben“, sagt der Stemmer. Die Person könne die Bronzereste aber auch vergraben haben. „Vielleicht hat er sich aber auch in einer Gefahrensituation befunden und musste die Wertgegenstände schnell vergraben“, spekuliert Nagel. „Auf jeden Fall hat irgendein Ereignis verhindert, dass der Besitzer das verborgene Material später wieder bergen konnte“, sagt Nagel. Ein Mord am Stemmer Berg? Ein trotteliger oder vergesslicher germanischer Altmetallsammler? Der Fund gibt Raum für Spekulationen. Eine klare Antwort auf die vielen offenen Fragen wird es vermutlich nie geben. Doch spannend ist es trotzdem.

Suchen nur mit Genehmigung

Suche mit Metalldetektor ist genehmigungspflichtigDa archäologische Funde irreversible Puzzlesteine der Geschichte sind und ihre historische Aussage nur in ihrem Fundkontext preisgeben, ist die Suche mit Metallsonden äußerst problematisch. Es besteht die Gefahr, dass Metallgegenstände ohne professionelle Dokumentation ihrem Fundzusammenhang entrissen werden und dann nur noch von antiquarischem Wert sind. Daher ist die Suche nach archäologischen Funden mit technischen Hilfsmitteln, vor allem Metalldetektoren, nach dem Niedersächsischen Denkmalschutzgesetz genehmigungspflichtig. Prinzipiell kann jeder Bürger dafür eine Genehmigung bei der zuständigen unteren Denkmalschutzbehörde beantragen. Wesentliche Voraussetzungen für eine Genehmigung sind die bestätigte Teilnahme an einem speziellen mehrtägigen Lehrgang mit theoretischen und praktischen Elementen.Kontakt: www.denkmalpflege.niedersachsen.de

Von Mirko Haendel

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