Trennungskonflikte

Wenn aus Liebe Krieg wird

Im Fall einer Trennung werden gemeinsame Kinder oft zur Waffe.

Im Fall einer Trennung werden gemeinsame Kinder oft zur Waffe.

Hannover . Karen und Phillip L.* wirken auf den ersten Blick wie ein durch und durch harmonisches Paar. In einem Südstädter Café sitzen sie nebeneinander auf einer Bank, trinken Kaffee, lächeln sich zu und plaudern. Ihre Blicke und Gesten, alles wirkt liebevoll und vertraut. Dabei sind die 40-Jährige und ihr ein Jahr jüngerer Ex-Mann frisch geschieden – nach neun Jahren Ehe und einer schmerzlichen Trennung im Kampf um ihre Kinder. Inzwischen haben sie gelernt, wieder friedlich miteinander umzugehen – auch weil sie auf die Hilfe externer Konfliktschlichter zurückgegriffen haben.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Seit 20 Jahren gibt es in Hannover und dem Umland ein gut ausgebautes Netzwerk von mehr als 20 Beratungsstellen in städtischer, kirchlicher und freier Trägerschaft, das Paaren mit und ohne Kindern im Fall von Trennung oder Scheidung zur Seite steht. Das Winnicott-Institut engagiert sich ebenso im „Arbeitskreis Trennungs- und Scheidungsberatung“ wie das evangelische Beratungszentrum Oskar-Winter-Straße, der Verein Waage oder die Lebensberatungsstellen in Langenhagen und Isernhagen. Viermal im Jahr kommen Vertreter der einzelnen Beratungsstellen zum Erfahrungsaustausch und zur Koordination ihrer Angebote zusammen. „Für uns lautet die zentrale Frage, wie wir den Betroffenen Erleichterung beim Trennen und Scheiden verschaffen können“, sagt Axel Gerland von der Beratungsstelle Oskar-Winter-Straße. Vor allem dann, wenn Kinder davon betroffen seien.

Wachsende Nachfrage

Als der Arbeitskreis Ende 1992 gegründet wurde, reagierten die Einrichtungen auf eine wachsende Nachfrage nach Beratung, vor allem in strittigen Fällen von Sorgerechtsangelegenheiten, Umgangsregelungen und Unterhaltsfragen. Inzwischen gibt es vielfältige Hilfsangebote für Paare, Kinder und Jugendliche, darunter Mediationen, um außergerichtlich zu einvernehmlichen Lösungen zu gelangen, sowie Gruppenangebote für Kinder. Das Winnicott-Institut etwa registriert jährlich rund 300 Anmeldungen in seiner Kinderambulanz. Die wenigsten davon benötigen therapeutische Hilfe, vielmehr bietet das psychosoziale Zentrum am Maschsee moderierte Gruppen für Kinder an, damit sie sich mit Gleichaltrigen austauschen können. „In der Gruppe sollen sie frei darüber sprechen können, was sie bedrückt oder wie sie sich das künftige Zusammenleben mit ihren getrennten Eltern vorstellen“, sagt Familienberater und -mediator Wolfgang Flodmann. Überdies berät das Winnicott-Institut jährlich zwischen 130 und 140 Paare in Trennungsfragen.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Karen und Phillip L. hatten schon ein Jahr „Rosenkrieg“ hinter sich, wie sie sagen, als eine Familienrichterin dem Paar im Streit um das Sorgerecht für ihre heute vier und sieben Jahre alten Kinder eine Mediation beim Verein Waage empfahl. „Das war sehr hilfreich“, bilanziert Phillip L., ehemaliger Projektleiter bei einem international tätigen Unternehmen, wo er auch seine spätere Ehefrau kennengelernt hatte. Sie war dort im Management beschäftigt. Das Paar heiratete wenige Monate später, „und nach drei tollen Jahren“ entschied es sich ganz bewusst für ein Kind. 2006 kam Tabea* zur Welt.

Während ihr Mann beruflich viel unterwegs war, saß die junge Mutter nach einem Umzug in Schleswig-Holstein – und fühlte sich alleingelassen. „Da kam schon der erste Frust auf, in der Krabbelgruppe drehten sich die Gespräche vorwiegend ums Füttern und volle Windeln“, erzählt die 44-Jährige. Sie vermisste ihr altes Leben, ihre Freunde, Hannover. Zwei Jahre später kam Sohn Linus* zur Welt. Phillip L. war inzwischen auf der Karriereleiter weiter aufgestiegen und arbeitete noch mehr als sonst, häufig bis 2 Uhr morgens. Seine Frau hingegen litt unter Schlafstörungen, die sie mit Wein zu bekämpfen versuchte. Immer häufiger kam es zum Streit wegen des Alkoholkonsums. „Wir haben es damals noch mit einer Paarberatung versucht, aber da war es leider schon zu spät für unsere Ehe. Wir hatten uns zu sehr entfremdet“, erzählt Phillip L.

Das endgültige Aus kam Ende 2010, als Phillip L. sich in Karens beste Freundin verliebte, die zwei gleich alte Kinder hat wie Familie L. Nun begann der Kampf um die Kinder, den das Paar zunächst über teure Anwälte austrug – jeder gegen jeden. „Irgendwann habe ich sogar seine Klamotten vom Balkon geworfen, Geschirr und Gläser an der Wand zerdeppert“, sagt Karen L. Ein Ehestreit, der mit einem Polizeieinsatz endete.

Juristisches Tauziehen

Höhepunkt ihrer Auseinandersetzung war eine Mutter-Kind-Kur, die sie beantragt hatte. Er ging mit einer einstweiligen Verfügung dagegen vor, „weil ich dachte, das sei ein Trick, mir die Kinder für immer wegzunehmen“, sagt Phillip L. Nach einigem juristischen Tauziehen fuhr seine Frau mit den Kindern doch zur Kur, kurz danach zog sie aber aus der gemeinsamen Wohnung aus. „Ich wollte nicht mehr kämpfen.“ Die Kinder leben seitdem bei ihrem Vater, der zwischenzeitlich arbeitslos geworden war und sich jetzt beruflich völlig neu orientiert hat. Karen L. holt ihre Kinder einmal pro Woche und jedes zweite Wochenende zu sich nach Hause. „Es hat lange gedauert, bis wir verstanden haben, unsere Kinder nicht als Waffe einzusetzen, um Sorgerechtsansprüche durchzusetzen“, sagt Phillip L. Beide bedauern es heute sehr, ihre Kinder mit ihrem Trennungskonflikt belastet zu haben. Tochter Tabea benötigt seit einiger Zeit therapeutische Hilfe.

Der Arbeitskreis Trennungs- und Scheidungsberatung hatte vor allem Paare wie die L.s im Blick, als er 1999 einen Runden Tisch mit Familienrichtern des hannoverschen Amtsgerichts einführte, um Familienkonflikte schneller zu beenden. 2006 entstand daraus ein interdisziplinärer Arbeitskreis, die „Hannoversche Familien Praxis“, kurz HannFamPraxis. Ihr gehören Vertreter von Beratungsstellen und Jugendämtern, Familienrichter, Anwälte, Gutachter und Verfahrenspfleger an. Ihr zentrales Projekt ist das sogenannte Beschleunigte Verfahren am Amtsgericht Hannover, das auf Kooperation und einvernehmliche Lösungen zwischen den streitenden Elternteilen setzt, anstatt den Konflikt weiter eskalieren zu lassen. Die Kinder werden ihrer Entwicklung gemäß mit in die Gespräche eingebunden, ehe das Gericht letztlich eine Entscheidung über das Sorge- und Umgangsrecht trifft. „Das Beschleunigte Verfahren bringt mehr Sachlichkeit, kürzere Fristen bei Gericht und lenkt den Blick der Eltern weg von ihrem Konflikt auf die Bedürfnisse der Kinder“, beschreibt Axel Garland die Vorteile der HannFamPraxis.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Karen und Phillip L. können betroffenen Paaren heute im Rückblick nur raten, möglichst schnell professionelle Beratung in Anspruch zu nehmen, wenn die Beziehung zu kriseln beginnt. „Es hat keinen Sinn, erst auf den Urknall zu warten“, sagt Phillip L.

* Namen geändert

Hilfe bei Trennungskonflikten

Wenn Paare nicht in der Lage sind, sich im Fall von Trennung oder Scheidung gütlich zu einigen, sind es vor allem die Kinder, die darunter zu leiden haben. Mehr als 20 Beratungsstellen in der Region Hannover geben Hilfestellung. Eine Auswahl:

  • Eltern-Trennungsberatung der Stadt Hannover, Vermittlung über Telefon (05 11) 16 84 63 83 oder www.hannover.de
  • Familien- und Beratungsstelle der Arbeiterwohlfahrt Region Hannover, Telefon (05 11) 2 60 92 10
  • Evangelische Beratungsstelle Oskar-Winter-Straße, Telefon (05 11) 62 50 28.
  • Beratungsstelle Sallstraße, Gesellschaft für pädagogisch-psychologische Beratung, Telefon (05 11) 85 87 77
  • Hannoversche Arbeitsgemeinschaft für Jugend- und Eheberatung, Osterstraße 57, Telefon (05 11) 36 36 58
  • Winnicott-Institut, Beratung in Fragen der Partnerschaft, Trennung und Scheidung sowie Familienmediation mit Kindern, Telefon (05 11) 80 04 97 21
  • Beratungsstelle für Erziehungs-, Ehe- und Lebensfragen, Garbsen, Telefon (051 37) 7 38 57
  • Lebensberatungsstelle Langenhaggen, Ostpassage 11, Telefon (05 11) 72 38 04
  • Waage e. V., Lärchenstraße 3, Telefon (05 11) 3 88 35 58
  • Familien- und Erziehungsberatungsstelle der Region Hannover, Barsinghausen, Telefon (0 51 05) 52 54 63
  • Familien- und Erziehungsberatungsstelle der Region, Burgdorf, Spittaplatz 5, Telefon (0 51 36) 69 78

Weitere Beratungsstellen sind im Internet unter www.hannfampraxis.de aufgelistet. Die Kosten pro Beratung differieren. Angebote von Stadt und Region Hannover sind kostenfrei. Einige Einrichtungen verlangen eine Kostenbeteiligung, die sich am Einkommen orientiert, wobei Ermäßigungen nach Absprache möglich sind. Wieder andere verlangen pro Beratung einen Festpreis, zum Beispiel 30 Euro pro Paar. Deshalb sollten Ratsuchende vor dem Erstgespräch die Kosten erfragen.

Mehr aus Hannover

 
 
 
 
 
Anzeige
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Verwandte Themen

Letzte Meldungen

 
 
 
 
 
 
 
 
 

Spiele entdecken