Hannover nach dem Krieg

Wenn Feinde zu Freunden werden

Foto: Die Briten sorgten bald für die Umbenennung von Straßen, Zeitungen druckten Bilder der britischen Dienstgradabzeichen – und in den Trümmern tauchten englischsprachige Schilder auf.

Die Briten sorgten bald für die Umbenennung von Straßen, Zeitungen druckten Bilder der britischen Dienstgradabzeichen – und in den Trümmern tauchten englischsprachige Schilder auf.

Hannover . Der Anblick beeindruckte den Briten tief: „Hannover sah schrecklich aus“, sagt Ernie Lack: „Als ich ankam, lag alles in Trümmern. Die ganze Stadt war etwa in so einem Zustand wie heute die Aegidienkirche.“ Als junger Offizier der Royal Air Force wurde der heute 91-Jährige nach dem Krieg auf den Fliegerhorst Wunstorf versetzt. Er war einer der „Besatzer“, der „Tommys“, denen viele Deutsche anfangs mit einer seltsamen Mischung aus Feindseligkeit und Unterwürfigkeit begegneten.

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„Well, die Deutschen“, sagt Lack, wenn man ihn fragt, wie das Zusammenleben damals war. Der frühere Pilot sitzt in seiner Wohnung in der Südstadt. Manschettenknöpfe, Krawatte, auf dem Jackett das Wappen seiner alten Schule in Edinburgh. Gäbe es das Wort Gentleman nicht, man müsste es für ihn erfinden. „Den Deutschen war sehr bewusst, dass sie den Krieg verloren hatten“, sagt Lack. Unsicher seien sie gewesen. Viele hatten resigniert. „Und bei einigen setzte sich allmählich das Gefühl durch: ,Der Führer hat uns reingelegt.‘“

"Ihr seid jetzt befreit."

Lothar Redlin war 10 Jahre alt, als die Amerikaner am 10. April 1945 in Hannover einmarschierten. Es ist der Tag, an dem er sich zur Hitler-Jugend hätte melden sollen. Doch es kommt anders.

Die Briten hatten 1945 von den Amerikanern rasch das Regiment in Hannover übernommen. Sie machten die Stadt zu einer Art Hauptsitz ihrer Zone. Schon am 11. April ernannte der englische Major G. H. Lamb den Misburger Sozialdemokraten Gustav Bratke zum Oberbürgermeister. Dabei machte Lamb den Hannoveranern schnell klar, wer bei dieser deutschen Selbstverwaltung unter britischer Oberhoheit die Hosen anhatte: „Wir ordnen an, Sie führen aus!“

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Stadtkommandant Lamb residierte im Neuen Rathaus, die britische Militärverwaltung zog bald im „Stirling-House“ ein: Das ehemalige Generalkommando am Misburger Damm, der heutigen Hans-Böckler-Allee, war kurzerhand nach einem britischen Militär umbenannt worden.

Bald lebten Tausende britischer Soldaten in Hannover. Meist blieben sie unter sich. Sie bildeten eine Parallelgesellschaft mit eigenen Bibliotheken und „Naafi“-Geschäften, in denen Deutsche nicht einkaufen durften. Sie hatten einen eigenen Unteroffiziersclub im Maschsee-Strandbad und eigene Kinos für englische Filme wie das „Globe Cinema“ in der Freundallee. „In Kleefeld gab es in einer Nissenhütte sogar eine Kapelle für englische Gottesdienste“, sagt Lack.

Eine Kindheit im Krieg

Der 2. Weltkrieg prägte die Kindheit von Manfred Rothenbusch. 1943 erlebte er mit, wie große Teile Hannovers zerbomt wurden. Beim letzten Luftangriff auf die Stadt im April 1945 wäre er fast gestorben. Die Ankunft der Amerikaner veschlief er.

Die Briten organisierten das Überleben in der zerstörten Stadt. Bis Ende 1945 richtete die Militärregierung in Hannover 175 Dienststellen ein. Gerne beschlagnahmten die Briten dafür unzerstörte Häuser in den gehobenen Lagen von Kleefeld, Waldhausen oder am Zoo. Deren Bewohner wurden kurzerhand vor die Tür gesetzt. Bald machte in Analogie zu den "Ausgebombten" das Wort von den "Ausgeengländerten" die Runde.
Verglichen mit den darbenden Deutschen waren die Briten reich: "Wir lebten in Saus und Braus", erinnert sich Ernie Lack. Wohl auch deshalb suchten viele Deutsche die Nähe der Sieger: "Es gab viele Kontakte zwischen deutschen Mädchen und englischen Soldaten", sagt Lack diplomatisch. Die Polizei konstatierte schon bald nach dem Einmarsch, dass viele junge Frauen angesichts der Alliierten "sittlich gefährdet" seien. Von "Zigarettenhuren" war die Rede. In einem anonymen Schreiben an den Stadtkommandanten machte ein Deutscher seiner Empörung Luft: "Deutsche Männer – deutsche Treue; Deutsche Frauen – deutsche Säue. Von denen bekommt Ihr die Syphilis!"

Doch auch Jobs bei den Engländern waren begehrt: Die Industriebetriebe lagen in Trümmern. "Viele Deutsche, die Arbeit suchten, fanden sie bei uns Besatzern", sagt Ernie Lack. Ende 1945 arbeiteten schon 20 000 Zivilisten in Hannover für die Briten: Die Besatzungsmacht war der größte Arbeitgeber der Stadt. Deutsche verdingten sich als Fahrer für die Offiziere, als Kellner im Kasino oder als Putzfrauen in Soldatenunterkünften.
Die Besiegten fanden sich dabei oft in der Rolle von Bittstellern und Bediensteten wieder. "Die Verbindungen zwischen Deutschen und Briten waren eher Zweckbündnisse", erinnert sich Lack: "Man brauchte einander, doch man blieb auf Distanz." Dabei bröckelte das anfangs verhängte "Fraternisierungsverbot" schon im Sommer 1945. "Soldaten der britischen Besatzungsarmee", hieß es im Juni in einem Tagesbefehl von Feldmarschall Bernard Montgomery, "dürfen mit sofortiger Wirkung mit kleinen Kindern sprechen und mit ihnen spielen." Auch Kontakte zu Erwachsenen waren bald nicht mehr tabu. Und ranghohe britische Militärs unternahmen im Sommer 1945 gar eine Sightseeing-Tour zu Hannovers Kulturstätten: Von der Fürstengruft im Leineschloss bis Herrenhausen fand alles ihr Interesse, was mit den britischen Welfenkönigen zu tun hatte.

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Je stärker sich die politische Großwetterlage änderte, desto stärker wandelte sich auch das Verhältnis von Briten und Hannoveranern. Als am 26. Oktober 1946 der frei gewählte Rat zusammentrat, gab sich Stadtkommandant Oberst Churchman fast wie ein väterlicher Freund: „Ich werde ihre Arbeit mit Interesse und Sympathie verfolgen“, versprach er. „Meine Offiziere und ich sind hier, um Ihnen zu helfen.“ Sie blieben noch lange: Rund 700 britische Soldaten lebten noch 1991 in Hannover, zwei Jahre darauf räumten die Briten ihre letzten Kasernen. Als sie gingen, waren aus Besatzern längst Verbündete geworden.

Ernie Lack ist bis heute geblieben. Der Brite, Sohn eines farbigen Mediziners aus Trinidad, heiratete 1953 seine Frau Elisabeth. Eine Deutsche aus Wunstorf. „Gegen mancherlei Wiederstände“, wie beide sagen. Eine Andeutung, die viel über die damaligen Verhältnisse aussagt. Aus der Distanz von mehr als 60 Jahren sehen die Lacks darauf mit mildem Lächeln zurück.

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