Juso-Chef entfacht Shitstorm

„Wir füllen unser Schwimmbad mit dem Blut der FDP“

Foto: Wegen eines Schmähliedes auf die FDP in der Kritik: Philip Le Butt.

Wegen eines Schmähliedes auf die FDP in der Kritik: Philip Le Butt.

Hannover. Das Schmählied des Juso-Regionschefs Philip Le Butt hat bundesweit Schlagzeilen gemacht. Der 24-Jährige hat bei der Schwulenparade zum Christopher-Street-Day auf dem Klagesmarkt lautstark in Richtung des FDP-Wagens geschmettert: "Wir füllen unser Schwimmbad mit dem Blut der FDP." Eine Entgleisung mit Folgen. Denn auf die einsetzende Empörung in sozialen Netzwerken wie Facebook und vor allem Twitter reagierte Le Butt so unsensibel ("Ich habe ja nie gesagt, dass das Blut nicht freiwillig abgegeben werden kann ..."), dass inzwischen eine Entschuldigung für die Entschuldigung fällig wurde. Auch in der SPD-Spitze führt man inzwischen ernste Gespräche – ein Rücktritt wird nicht ausgeschlossen.

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„Wir beraten diesen Vorgang in den Gremien, und es muss in irgendeiner Form eine adäquate Reaktion geben“, sagte gestern der SPD-Unterbezirksvorsitzende Matthias Miersch der HAZ. Dass ausgerechnet während einer Toleranzveranstaltung solche Verse von einem Genossenfunktionär geschmettert werden, trifft die Sozialdemokraten hart. Das Thema ist daher hoch angesiedelt. Am ersten Krisengespräch hat außer Miersch der Landesgeneralsekretär Detlef Tanke und der Bezirkschef der Schwulen Sozialisten (Schwuso), Torsten Tegtmeier, teilgenommen. „Eine riesengroße Dummheit“, sei der Vorgang, hieß es danach bei der SPD, die „als Umgangsform zwischen politischen Parteien nicht akzeptiert werden“ könne. 

FDP will von Strafanzeige absehen

Beim Opfer der Verbalattacke, der FDP, will man von einer Strafanzeige absehen. „Ich habe seine schriftliche Entschuldigung zur Kenntnis genommen“, sagt Landesgeneralsekretär Gero Hocker und stichelt: „Dass er einen Fehler begangen hat, ist bei ihm wohl etwas bruchstückhaft angekommen. Zuerst hat er versucht, sein Verhalten mit Ironie zu kommentieren. Wir nehmen seine Entschuldigung jetzt gerne an.“ Der Liberale nutzt die Gelegenheit aber auch für einen Seitenhieb zur SPD. „Für unsere Nachwuchsorganisation, die Jungen Liberalen, lege ich meine Hand ins Feuer, dass bei ihnen solche Entgleisungen nicht vorkommen.“ Bei den Jusos hingegen scheine sich „dergleichen jetzt zu häufen“. Damit spielt er auf eine Bemerkung von Jusos an, die den FDP-Parteichef Philipp Rösler beim Dreikönigstreffen wörtlich als „Arschloch“ bezeichnet hatten.

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Auch Hannovers CDU-Chef legt den Finger in die Wunde. „Die Äußerung ist absolut unsäglich“, sagt Dirk Toepffer: „Dass sie während einer Veranstaltung, bei der es um Toleranz ging, getätigt wurde, zeigt, dass dieser junge Mann von Politik nichts verstanden hat.“ Wichtig sei nun aber, dass der Vorgang auf der politischen Ebene diskutiert werde und nicht „in einem Shitstorm im Internet ende“.

Tatsächlich entfalten sich dort wüste Beschimpfungen – auch der Jugendorganisationen untereinander. „Warum gibt es eigentlich immer wieder solche Idioten (und zwar in allen Parteien)?“, schreibt Twitternutzer JBierwith. Und unter dem Account des Bundestagsabgeordneten Patrick Kurth fragt ein anderer Twitterer: „Was würde die SPD-Empörungsmaschine im umgedrehten Fall machen?“ und bezeichnet die Jusos pauschal als „Nachwuchs-Hetzer“. Ein René Wucherpfennig wiederum spricht auf Twitter den Jusos die Demokratiefähigkeit ab: „Da sieht man es wieder! Teile der Jusos sind von Demokratie weit entfernt.“

PD-Regionschef Miersch warnt, man dürfe nicht gleich den Stab über einem jungen Menschen brechen. Le Butts Äußerungen beim Christopher-Street-Day passten überhaupt nicht zu der bisherigen Arbeit des Juso-Chefs. Er selbst habe mit Le Butt gesprochen, dieser sei „völlig konsterniert“ über das, was er ausgelöst habe. Verbale Entgleisungen, so Miersch, gebe es in der Politik immer wieder. Es sei aber  „alarmierend“, wie sich die Jugendorganisationen der Parteien in Onlineforen wie dem Nachrichtendienst Twitter bekriegten. „Hängt die Grünen“ sei etwa so ein Satz, den man nicht selten finde.

Befeuert wurde die Kritik am Verhalten Le Butts dadurch, dass es während der Parade einen schweren Zwischenfall gegeben hatte. Fünf Feiernde waren von einem Wagen gestürzt und mussten ins Krankenhaus. Le Butt beteuerte später etwas hilflos, ihm sei "zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst gewesen, dass sich ein schwerer Unfall ereignet hatte". Auch darauf erhält er auf Twitter prompt einen Konter. "Ohne den Unfall ist es OK, Demokraten abzuschlachten?", schreibt Tobias Huch skeptisch.

In seiner zweiten Entschuldigung schließlich notiert Le Butt: „Ich wollte zu keinem Zeitpunkt über das sonst übliche Maß des Schmähens des politischen Gegners hinausgehen, insbesondere wollte ich nicht zu Gewalt gegen die FDP und ihren Mitgliedern aufrufen.“ Er schließt mit den Worten: „Ich möchte mich hiermit bei allen Beteiligten und den Menschen, die sich verletzt sehen, entschuldigen.“

Für die FDP-Jugendorganisation Julis reicht das nicht. Landeschef Niklas Drexler fordert: „Ich erwarte von den Jusos eine öffentliche Entschuldigung und entsprechende Konsequenzen. Das Verhalten des Juso-Vorsitzenden ist widerlich und hat mit einem politischen Wettkampf nichts mehr zu tun.“ Für das Wochenende allerdings haben sich Jusos und Julis nun zum gemeinsamen Gespräch verabredet. Es gehe darum, wieder eine Ebene zu finden, auf der man miteinander Politik machen könne, heißt es auf beiden Seiten.

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