Borstel / Ausbildung

Für ein Jahr Teil der Familie

Um einen Einblick in die Milchviehhaltung zu bekommen, kehrt Azubi Marcel Messerschmidt seiner Heimat Salzgitter den Rücken.

Um einen Einblick in die Milchviehhaltung zu bekommen, kehrt Azubi Marcel Messerschmidt seiner Heimat Salzgitter den Rücken.

Von Jessica Rodenbeck. Was für viele junge Menschen unvorstellbar klingt, ist für den 20-Jährigen völlig normal: Er macht eine Ausbildung zum Landwirt, verbringt aktuell sein drittes Lehrjahr auf dem Hof der Familie Bredemeier in Borstel und lebt auch dort. Ein Ausbildungsmodell, das in der Landwirtschaft nicht unüblich ist. Im Gegenteil. Für angehende Landwirte ist es fast schon selbstverständlich, einen Teil ihrer Ausbildung fernab der Heimat zu verbringen. „Mindestens so weit weg, dass man den Kirchturm nicht mehr sehen kann. Wenn es geht, sogar noch weiter“, sagt der Azubi und lacht.

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 Den Kirchturm seiner Heimat kann Messerschmidt in Borstel auf jeden Fall nicht mehr sehen. Aufgewachsen ist er auf dem landwirtschaftlichen Betrieb seiner Eltern in einem Stadtteil Salzgitters, und schon als kleiner Junge wusste er, dass er auch einmal Landwirt werden will. „Man ist in der Lage, seine Lebensmittel selbst zu produzieren, sieht wie die Pflanzen wachsen und wo die Milch herkommt“, beschreibt er heute die Faszination für diesen Beruf. Nach dem Fachabitur Agrarwirtschaft, das ihm als erstes Ausbildungsjahr angerechnet wurde, folgte daher die Berufsausbildung.

 Sein erstes Ausbildungsjahr absolvierte der 20-Jährige auf einem Betrieb nahe seiner Heimat, doch in der Landwirtschaft ist es üblich, dass die Azubis ihren Ausbildungsbetrieb nach einem Jahr wechseln. Und so kam Messerschmidt im Sommer vergangenen Jahres nach Borstel, um auf dem Milchviehbetrieb von Arndt Bredemeier einen Einblick in die Milchviehhaltung zu bekommen.

 Am Anfang sei es schon ungewohnt gewesen, rund 120 Kilometer von Freunden und Verwandten entfernt zu sein, gibt der angehende Landwirt zu. „Aber das habe ich ja vorher gewusst.“ Und viel Zeit, darüber nachzudenken, bleibt während der Woche eh nicht. Der Arbeitstag des Azubis beginnt gegen 6.15 Uhr mit dem Melken der rund 60 Milchkühe. Danach versorgt er gemeinsam mit seinem Chef die Kälber und Kühe, auch der Melkstand muss gereinigt werden. Erst wenn das alles erledigt ist, gibt es gegen halb neun auch für die Menschen Frühstück – und das wird natürlich gemeinsam eingenommen.

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 Anschließend werden weiter die Tiere versorgt, bis es um 13 Uhr Mittagessen gibt, und da kann es schon mal richtig voll werden bei den Bredemeiers. Manchmal kommen mit der Familie und den Angestellten des Bauernlädchens zehn Personen zusammen. Zu Beginn war das ungewohnt für den jungen Mann, der als Einzelkind aufwuchs. „Doch mittlerweile finde ich es ganz schön, wenn so viele mit am Tisch sitzen“, sagt er.

 Nach dem Essen folgt bis halb drei eine Mittagspause – allerdings nur, wenn die Arbeit es zulässt. Im Frühjahr, wenn auf den Feldern viel zu tun ist, oder in der Ernte fällt diese Pause aus – so wie manchmal sogar das ganze Mittagessen. „Da kommt es auch mal vor, dass auf dem Trecker gegessen wird“, sagt der Azubi, der das aber nicht schlimm findet. Im Gegenteil, er mag die Abwechslung.

 „Ich könnte mir nicht vorstellen, den ganzen Tag am Computer zu sitzen oder an einem Fließband zu stehen“, sagt er. Die Landwirtschaft sei da ganz anders. „Wenn man morgens aufsteht, weiß man oft noch nicht, was der Tag bringt.“

 Erst gegen 19.30 Uhr, nachdem die Kühe ein weiteres Mal gemolken und alle Tiere versorgt wurden, geht der Arbeitstag des Azubis schließlich zu Ende. Gegen 20 Uhr trifft sich dann erneut die ganze Familie zum Abendessen. Und zu der fühlt sich der Azubi mittlerweile zugehörig. „Ich bin hier kein Fremder“, sagt er. „Ich fühle mich richtig aufgenommen und integriert.“ Und so kann es schon mal vorkommen, dass er auch nach dem Abendessen noch lange mit Arndt Bredemeier zusammensitzt und sich unterhält. Da beide Jäger sind, gehen sie manchmal auch gemeinsam auf die Jagd. Ansonsten verbringt der Azubi die Abende auf seinem „Lehrlingszimmer“, liest, sieht fern oder führt sein Berichtsheft.

 Marcel Messerschmidt ist froh, dass er sich dazu entschieden hat, die Heimat für einen Teil der Ausbildung verlassen zu haben, und würde das auch anderen Azubis empfehlen. „Man lernt andere Gegenden und Menschen kennen und wird selbstbewusster, da man seine Angelegenheiten selbst regeln muss“, sagt er.

 Auch die Familie Bredemeier, für die Marcel der erste Azubi war, könnte sich vorstellen, erneut einen jungen Menschen aufzunehmen. Anfragen für das kommende Lehrjahr gibt es schon.

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