Landkreis

„Früher war häusliche Gewalt eine Privatangelegenheit“

In Schaumburg gibt es drei große Anlaufstellen, die Beratung und Unterstützung bei Krisen und Konfliktsituationen für Frauen und Mädchen bieten: der Kreisverband Schaumburg der Arbeiterwohlfahrt (Awo) und die dazugehörigen Einrichtungen, die Opferhilfe Schaumburg und die Mädchen- und Frauenberatungsstelle "Basta" in Stadthagen, die zum 1. Juli mit dem Frauenzentrum Stadthagen fusioniert ist.
"Es könnten aber durchaus noch mehr Einrichtungen sein", findet Ingetraud Wehking vom neuen Mädchen- und Frauenberatungszentrum "Basta". Dieses habe vor Kurzem eine dritte Beratungskraft hinzubekommen, weil die Nachfrage nach Konfliktberatung einfach zu groß geworden sei. "Trotzdem ist es beispielsweise für Frauen aus abgelegeneren Gebieten, die möglicherweise auch kein Auto haben, schwer, die Anlaufstellen zu erreichen."
Eine höhere Nachfrage nach Unterstützung verzeichnet auch die Awo, wie Heidemarie Hanauske berichtet. Allein bei "Biss", der Beratungs- und Interventionsstelle bei häuslicher Gewalt, sind die Anfragen von 127 Frauen im Jahr 2007 auf 200 im Jahr 2009 gestiegen. Ob dies allerdings mit einem tatsächlichen Anstieg an Gewalt zusammenhinge, kann Hanauske nicht bestätigen: "Ich denke eher, dass eine stärkere Sensibilisierung zu diesen Themen stattgefunden hat", sagt sie. "Früher war häusliche Gewalt eine reine Privatangelegenheit." Durch das neue Gewaltschutzgesetz (siehe nebenstehenden Artikel) sei dies nun anders geworden.
Auch Wehking hat die Erfahrung gemacht, dass Mädchen aus Familien, in denen Gewalt oder Alkoholprobleme an der Tagesordnung sind, sich inzwischen eher trauen, auf die Beratungsstellen zuzugehen und sich zu öffnen, auch wenn diese Problematik schon lange Thema sei. "Dieses Tabu bricht jetzt langsam auf", sagt Wehking.
Rückschlüsse von mehr hilfesuchenden Frauen zu einer steigenden Gesamtproblematik könne auch sie folglich nicht ziehen. "Im Prinzip ist es aber auch gleich, ob es, gerade beim Thema Gewalt, nun zehn Prozent mehr oder weniger sind", sagt sie. "Häusliche und sexualisierte Gewalt gab es schon immer, und egal wie viel es ist, es ist immer zu viel."
Zugenommen habe aber in der Tat deutschlandweit die sexualisierte Gewalt unter Gleichaltrigen, vor allem unter Jugendlichen, so Wehking. Beunruhigend sei, dass derartige Probleme inzwischen bereits im Kindergarten aufträten, "dass Kinder anderen Kindern etwas aufzwingen wollen". Aus diesem Grund bemühe sich die Beratungsstelle um eine gute Zusammenarbeit mit Schulen und Kindergärten und leiste Präventionsarbeit, die bei diesem und ähnlichen Themen besonders wichtig sei.

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Gesetz gegen häusliche Gewalt
Wer schlägt, muss gehen, das Opfer darf bleiben: Was auf den ersten Blick als selbstverständlich erscheint, ist im Bereich häuslicher Gewalt erst seit 2001 im Gesetz der Bundesrepublik fest verankert. "Frauen, die von ihren Partnern misshandelt wurden, hatten früher nur die Möglichkeit, das eigene Heim zu verlassen", erklärt Heidemarie Hanauske von der Awo. Mit dem sogenannten Gewaltschutzgesetz vom 11. Dezember 2001 hat sich die Situation geändert.
Kernstück dieses Gesetzes ist die "Regelung zur Wohnungsüberlassung", wie es in einer Informationsbroschüre des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend heißt. Die Polizei kann, sofern sie es für nötig hält, "eine Person, von der eine Gefahr für andere ausgeht, sofort aus der Wohnung und der Umgebung der gefährdeten Person verweisen". Die Verweisung kann sogar mehrere Tage andauern, damit das Opfer Zeit genug hat, entsprechende Beratungsstellen aufzusuchen und rechtliche Schritte einzuleiten.

Wer hilft wobei?
Häusliche Gewalt, sexuelle Übergriffe, Essstörungen, Schwangerschaftskonflikte: Die Probleme von Mädchen und Frauen können viele Formen annehmen. In Schaumburg gibt es einige Beratungs- und Anlaufstellen, an die sie sich wenden können und wo sie Hilfe erhalten.
Die Arbeiterwohlfahrt (Awo) Kreisverband Schaumburg in Stadthagen, Rathauspassage 4, Telefon (0 57 21) 93 98 30, bietet rechtliche Beratung unter anderem anderem bei Schwangerschaften und Hilfe bei Schwangerschaftskonflikten, wenn die Mutter einen Abbruch in Erwägung zieht.
Seit 1987 ist die Awo zudem Träger des Frauenhauses, Telefon (0 57 21) 32 12. eine Zufluchtsstätte für Frauen und Kinder, die von Gewalt betroffen oder bedroht sind.
Auch die Mitarbeiter der Beratungs- und Interventionsstelle bei häuslicher Gewalt in Stadthagen (Biss), Telefon (0 57 21) 99 51 21, unterstützen Opfer von Gewalt in der Partnerschaft. Zu ihren Aufgaben gehören rechtliche und soziale Beratung und eine Sicherheitsplanung für die Betroffenen.
Opfer von Gewalttaten können sich außerdem an die Opferhilfe Schaumburg in Bückeburg, Schulstraße 2, wenden, Telefon (0 57 22) 29 02 64. Diese stellt bei Bedarf auch finanzielle Hilfen für die Opfer bereit.
Das "Basta Mädchen- und Frauenberatungszentrum", Am Stadtpark 10 in Stadthagen, Telefon (0 57 21) 9 10 48, bietet Beratung bei Themen wie Trennung und Scheidung, Gewalt in der Partnerschaft, Depressionen und Essstörungen, Entscheidungs- und Krisensituationen sowie sexueller Belästigung und sexualisierter Gewalt. Die "Mädchenzeit", eine offene Beratung für Mädchen, ist immer montags zwischen 14 und 16 Uhr.
Als Ansprechpartner für all diese Themen dient außerdem das Frauenbüro des Landkreises Schaumburg unter der Telefonnummer (0 57 21) 70 32 54, dessen Mitarbeiter die Betroffenen an die unterschiedlichen Einrichtungen in Schaumburg weitervermitteln können.

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