Bad Nenndorf /<wbr> Auslandsaufenthalt

Kinderzimmertausch für Frieden und Völkerverständigung

Sophie und Anton präsentieren ihren Rotary-Blazer, auf dem die mit Gastschülern aus aller Welt getauschten Pins angebracht werden: Er wird bei allen offiziellen Anlässen getragen.

Sophie und Anton präsentieren ihren Rotary-Blazer, auf dem die mit Gastschülern aus aller Welt getauschten Pins angebracht werden: Er wird bei allen offiziellen Anlässen getragen.

Bad Nenndorf (fha). Ihre Erfahrungen stellen nicht nur Weichen für ihr persönliches Leben, sie dienen auch gesellschaftlichen Zielen wie interkultureller Bildung und Völkerverständigung.

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Manche Tage sind höchst sensibel. Der Geburtstag zum Beispiel. Oder Weihnachten. Auch wenn alle lieb und nett sind, der Plastikweihnachtsbaum in der Stube glänzt, die Gastmutter gar "German Plätzchen" gebacken hat - oh weh, plötzlich kommt es dann doch, das Heimweh, wenn auch nur für einen Moment. Aber unter Austauschschülern gilt als Naturgesetz: Bis Weihnachten lebst Du Dich ein, dann kommt das Fest mit dem unvermeidlichen Heimweh und danach fliegt die Zeit nur so dahin. Genau so hat es Victoria Bartmeyer erlebt, und wenn die mittlerweile 24-Jährige an das laute, bunte Christmas-Spektakel in Sturgeon Bay in Wisconsin, USA, denkt, muss sie lachen.

„Bereits Mitte Oktober ging der Wettstreit in der Nachbarschaft los: Wer stellt das größte und schrillste Rentier in seinen Vorgarten?“, erinnert sie sich. Sophie Menge verbrachte das Schuljahr 2010/2011 in Mexiko und erlebte ein Weihnachtsfest bei 30 Grad im Schatten. Sie war überwältigt von der riesigen Verwandtschaft, die zu diesem Anlass bei ihrer Gastfamilie aufschlug. „Wir feierten mit über hundert Leuten Weihnachten - und alle waren irgendwie miteinander verwandt“, erzählt die Schülerin, die zur Feier des Tages auch noch in hohem Bogen in den Pool geschmissen wurde. „Eine Weihnachtstradition meines mexikanischen Rotary-Clubs“, kommentiert sie grinsend.

Victoria und Sophie gehören zu den 60 jungen Menschen, denen der Rotary-Club Bad Nenndorf in den vergangenen 25 Jahren ein Austauschjahr vermittelt hat. Wobei der Begriff Austausch wörtlich zu nehmen ist, denn im Gegenzug verbrachten auch 60 ausländische Schüler ein Schuljahr rund um Bad Nenndorf. Sie kamen aus Kanada, Mexiko, Venezuela, USA, Südafrika, Brasilien, Japan, den Bermudas, Lettland, Australien, Schweiz oder Chile. Sie alle verwirklichten ihren Traum, knüpften Freundschaften und nahmen Erlebnisse und Eindrücke mit nach Hause, die sie für ihr Leben prägten.

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Der Mexikaner Daniel erlebte am Deister den ersten Schnee seines Lebens, Ieva aus Lettland hatte noch nie zuvor eine Geschirrspülmaschine gesehen, geschweige denn, eingeräumt, und Samantha aus Colorado liebte das deutsche Essen, ekelte sich aber vor Leber- und Teewurst, die hierzulande gern aufs Brot geschmiert werden. Das Mädchen aus dem Land der saftigen Steaks fragte immer wieder entsetzt: „Warum essen die Deutschen Schmierfleisch?“

Rotary International ist die älteste Service-Organisation der Welt. Seit seiner Gründung vor über hundert Jahren in Chicago hat sich Rotary zu einem weltweiten Netzwerk engagierter Frauen und Männer entwickelt, die eine gemeinsame Idee verfolgen: Sie wollen Menschen helfen, die sich nicht selber helfen können. In über 30 000 Clubs (in Deutschland sind es rund 1000) verwirklichen sie ihr Motto „Service above self“ (selbstlos dienen), wobei neben Einzelprojekten der Clubs internationale Hilfsaktionen von der Dachorganisation angeschoben werden. Größtes und ehrgeizigstes Projekt ist „PolioPlus“, der Kampf gegen Kinderlähmung. Mit jährlich über 8 000 Vermittlungen ist Rotary International aber auch einer der großen Träger des internationalen Jugendaustausches. „Wir möchten das friedliche Zusammenleben der Völker fördern, indem wir jungen Menschen die Begegnung mit fremden Kulturen ermöglichen“, fasst Olaf Westberg, Präsident des Rotary Clubs Bad Nenndorf, zusammen.

Austauschschüler sind Botschafter ihres Landes. Sie leben in einer Gastfamilie, nehmen an deren Alltag teil, entdecken Unterschiede und Gemeinsamkeiten, lernen sie zu respektieren und dabei ihre eigene Kultur zu reflektieren. „Die jungen Menschen und ihre Familien leisten einen enormen Beitrag zur Völkerverständigung“, sagt Friedrich von Oertzen, Austauschbeauftragter des RC Bad Nenndorf (siehe Interview). Bei ihm laufen die Fäden zusammen, wenn es um die große, weite Welt geht. Er schaut sich die Bewerber genau an und besucht sie samt ihrer Familien, denn der Club hat immer Interesse daran, einen guten Botschafter rauszuschicken. Offen, neugierig, freundlich, integer soll er sein - und flexibel, denn wenn sich der Club für ihn entschieden hat, ist noch lange nicht sicher, wohin der jeweilige Schüler kommt. Bei Rotary gibt es keine Gebietsgarantie, es ist also durchaus möglich, nach Südostthailand zu einer Reisbauer-Familie vermittelt zu werden, auch wenn als Wunschland etwa Kanada angegeben worden ist. „Doch wir bemühen uns immer, die Wünsche des Bewerbers zu berücksichtigen“, sagt von Oertzen, der schließlich die Application-Form, die eigentliche Bewerbung, bearbeitet. Dabei bewegt er Unmengen Papier, Dokumente und Gutachten, ein Haufen Arbeit, der bei kommerziellen Organisationen den Preis immens in die Höhe treibt. „Nur weil bei Rotary Ehrenamtliche tätig sind, fällt ein Großteil der Kosten für die Austauschschüler weg“, betont Olaf Westberg.

In diesem Sommer verabschiedet der Rotary Club Bad Nenndorf zwei Schüler des Gymnasiums Bad Nenndorf (GBN) in die Ferne: Ferdinand Hagemeier geht nach Sao Paulo, Brasilien, und Constantin Wever nach Houston, Texas. Worauf sich die beiden am meisten freuen? Für Ferdinand ist der Fall klar: Auf den FIFA-Confederations Cup 2013 natürlich, die große internationale Generalprobe für die Fußballweltmeisterschaft in Brasilien. „Ich hoffe sehr, dass ich wenigstens ein Spiel besuchen kann“, sagt der 16-Jährige. Die Vorfreude der Schüler auf ihr Austauschjahr ist riesig groß, doch ist sie gespickt von Ungewissheiten, Hoffnungen und der Spannung auf die Gastfamilien, die Schule und die neue Umgebung. Nicht anders wird es den beiden Schülern ergehen, die im Gegenzug pünktlich zum Schuljahrsbeginn in Bad Nenndorf anreisen und dort in die 10.Klasse des GBN aufgenommen werden: Katharina aus Bolivien und Alejandro aus Paraguay.

„Man kann überall ein schönes Austauschjahr verbringen“

Wie funktioniert der Rotary-Austausch? Wann muss man sich wo bewerben? SN-Autorin Friederike Hagemeier sprach mit dem Austauschbeauftragten des Rotary Clubs Bad Nenndorf, Friedrich von Oertzen.

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SN: Was für Austauschprogramme bietet Rotary an?
Von Oertzen: Es gibt kurzfristige Austauschmöglichkeiten über mehrere Tage und Wochen und den einjährigen Jugendaustausch.

SN: Bleiben wir mal beim einjährigen Austausch. Wer kann sich bewerben?
Von Oertzen: Jeder Schüler, der die 10. Klasse hinter sich hat, und zwischen 15 und 19 Jahre alt ist, kann an einem Jahresaustausch teilnehmen. Bewerben sollte er sich jedoch mindestens ein Jahr früher. Seine Familie muss bereit sein, einen Gastschüler aufzunehmen, wobei das nicht unbedingt zum gleichen Zeitpunkt sein muss. Wir weisen immer wieder darauf hin, dass die Eltern keine Rotarier sein müssen, es ist sogar so, dass der Jahresaustausch unser einziges Programm ist, an dem Rotarier-Kinder überhaupt teilnehmen dürfen.

SN: Mit was für Kosten muss man rechnen?
Von Oertzen: Zahlen muss man bei Rotary den Flug, das Visum, die Versicherung und einen Betrag für Blazer, Visitenkarten, T-Shirts und ähnliches. Außerdem wird um eine Spende für den Club gebeten, die dann für den Jugendaustausch verwendet wird. Der gastgebende Rotary-Club zahlt das monatliche Taschengeld, Mittagessen in der Schule, Bücher – das ist aber von Club zu Club unterschiedlich, einige zahlen auch mehr. Alles in allem muss man zwischen 3 000 und 4 000 Euro rechnen.

SN: Wie oft wird die Familie gewechselt?
Von Oertzen: Meistens hat man drei Gastfamilien. Das kommt immer darauf an, wie viele der Club findet. Manche Schüler bleiben auch das ganze Jahr bei der selben Familie, was aber nicht Sinn der Sache ist, es geht ja darum, unterschiedliche Lebensweisen in dem gastgebenden Land kennen zu lernen. Andere wiederum haben fünf oder gar sechs Familien.

SN: Welche Länder werden angeboten?
Von Oertzen: Unzählige. Von Argentinien bis Malaysia, die Länder stehen alle auf der Homepage und der Bewerbungs-CD. Aber beachten Sie, dass die Länder bei Rotary keine große Rolle spielen. Man kann überall ein schönes Austauschjahr verbringen. Von den drei Wunschländern, die bei der Bewerbung angegeben werden, darf übrigens nur eines Englisch als Muttersprache haben.

SN: Und wie sieht es aus mit Krisenländern?
Von Oertzen: Rotary sendet keine Schüler in gefährliche Länder oder Gebiete. Vor einigen Jahren hatten wir allerdings eine Schülerin in Venezuela, und als dort der Bürgerkrieg ausbrach, schickte Rotary sämtliche Austauschschüler nach Hause. Wir hatten aber das Glück, dass das Mädchen über den Kontakt zu einer mexikanischen Familie, deren Sohn zu dieser Zeit in unserem Club lebte, nach Mexiko ausreisen durfte, um dort das Austauschjahr bis zu Ende zu verbringen. Das rotarische Netzwerk macht viel möglich.
Kontakte: Rotary-Club Bad Nenndorf, Jugenddienstbeauftragter, Dr. Jürgen Rehage
Wilhelmstraße 13, 31542 Bad Nenndorf, Internet: www.rotary-jugenddienst.de

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Ratgeber zum Rotary-Austausch, geschrieben von zwei ehemaligen Austauschschülern:
www.farawayathome.de

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