Lüdersfeld /<wbr> Schwere Erkrankung

Gefangen im eigenen Körper

Lüdersfeld. Von Verena Insinger. Am Abend zuvor geht die damals 16-Jährige früh ins Bett. Sie klagt über Kopfschmerzen. Auch am nächsten Tag fühlt sie sich unwohl. Sie isst nicht zu Mittag und legt sich wieder ins Bett. Als ihr Vater, Maik Myska, sie gegen 14.30 Uhr wecken will, ist sie nicht mehr ansprechbar, krampft, hat die Augen verdreht.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Mit dem Rettungshubschrauber wird die Jugendliche in die Medizinische Hochschule nach Hannover geflogen. Es folgen Koma, Gehirnoperationen, unzählige bange Stunden und Minuten für Mutter Hanka, Vater Maik und Bruder Marcel. Eine sehr seltene Virusinfektion, so sagen die Ärzte nach diversen Untersuchungen, habe sich im Gehirn von Michelle ausgebreitet und Schäden angerichtet. Das Kleinhirn war angeschwollen und drückte auf das Stammhirn. Der Druck war zu groß, der Schädel der jungen Frau musste geöffnet werden.

Für ihre Familie ist die Zeit, in der die geliebte Tochter und Schwester mit dem Tod gerungen hat, immer noch präsent. Die Jugendliche kommt erst im März 2012 in einer Reha-Einrichtung in Kassel wieder zu Bewusstsein, fünf Monate nach dem Vorfall. Ähnlich wie bei Formel1-Rekordweltmeister Michael Schumacher zieht sich auch bei der Lüdersfelderin der Aufwachprozess aus dem künstlichen Koma über Wochen hin. Die Familie weiß in der Zeit nicht: Kommt Michelle wieder ganz zu Bewusstsein oder wird sie im Wachkoma bleiben? Nach drei Monaten die Erleichterung: Michelle kommt zu Bewusstsein. Geistig ist sie die Alte.

Doch für die Jugendliche beginnt damit das Drama. Sie ist vom ersten Halswirbel ab gelähmt, kann nicht mehr eigenständig atmen, ihren Kopf kaum bewegen, nicht sprechen. Sie ist gefangen im eigenen Körper.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Viele Nächte weint die ehemalige Schülerin der IGS in Schaumburg durch, Mutter Hanka sitzt am Krankenbett. Tröstet sie, motiviert sie.

Das erste Mal in einem Rollstuhl: für Michelle eine große Überwindung. Erst sträubt sie sich. Die Jugendliche meidet den Blick in den Spiegel. „Besonders schlimm waren die Fahrten im Fahrstuhl“, erinnert sich Hanka Myska. „Ich musste sie immer rückwärts in den hineinschieben, damit sie sich nicht in dem großen Spiegel sieht.“

Während ihre Mutter von dieser Zeit erzählt, laufen der jungen Frau Tränen über die Wangen. Wir sitzen im Wohnzimmer in dem Familienhaus in Lüdersfeld. Seit etwa einem Jahr wohnt Michelle wieder zu Hause, ist rund um die Uhr auf Hilfe angewiesen. Mit ihrem Umfeld verständigt sich die 19-Jährige mit Lippenbewegungen und Mimik. Sprechen kann sie nicht mehr. Ihr Kopf wird mit einer Stütze gehalten, die am elektrischen Rollstuhl befestigt ist. Atmen kann Michelle nur dank des Schrittmachers im Zwerchfell, der ihr vor Monaten eingesetzt wurde.

Bis auf eineinhalb Stunden am Tag ist immer Pflegepersonal im Hause Myska. Nachts lesen die Helfer stündlich die Atemwerte der 19-Jährigen ab, einmal pro Nacht wird sie im Bett gewendet. Sobald die junge Frau wach ist, betätigt sie mit der Zunge eine Klingel. Nahrung nimmt Michelle nur noch über Magensonden auf, drei Mal am Tag eine Portion.

Mutter Hanka hat ihren Beruf als Verkäuferin aufgegeben, damit sie sich um Michelle und Sohn Marcel kümmern kann. Vater Maik muss als Werkstoffprüfer die Familie nun alleine ernähren.

Es hakt an vielen Stellen, sagt der 42-Jährige. Das alte Haus kann nur mit großem finanziellen Aufwand umgebaut werden, eine einfach hergestellte Rampe ermöglicht Michelle provisorisch den Zugang zu den Zimmern, deren Eingänge fünf Zentimeter höher liegen. Gemeinsam wegfahren kann die Familie nicht. Dafür würde ein großer Van mit ausfahrbarer Rampe benötigt. Doch das Geld fehlt. Wenn Michelle heute zum Arzt muss, ruft die Mutter einen Krankentransport.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Damit die vierköpfige Familie wieder gemeinsam Ausflüge oder sogar einen Urlaub machen kann, spart sie, wo es geht. Doch das Spezialfahrzeug für Michelle kostet nach Angaben des Vaters wegen der Umbauarbeiten etwa 72000 Euro. Kaum machbar für einen Alleinverdiener. Deswegen ist die Familie auf Spenden angewiesen.

Die neu gewonnene Mobilität wäre sehr wichtig, um Michelle wieder schöne, unbeschwerte Momente zu ermöglichen. Denn die Ausflüge beschränken sich derzeit auf die Lüdersfelder Ortsmitte.

Trotz dieses harten Schicksals hat Michelle ihren Ehrgeiz und ihren Mut nicht verloren. Sie hat vor, ihr Abitur nachzuholen. Wie genau ihr das ermöglicht werden kann, ist noch unklar. Als das Gespräch auf ihren Schulabschluss fällt, verändert sich die Mimik in Michelles Gesicht. Sie wirkt entschlossen und willensstark. „Eine Kämpferin eben“, sagt Hanka Myska und streichelt ihrer Tochter über die Hand.

Wer Michelle unterstützen möchte, kann Kontakt zur Familie Myska aufnehmen: Telefon (05725) 709504; E-Mail: mdmaikel@aol.com.

TuS Lüdersfeld hilft

Der Vorstand des TuS Lüdersfeld ist auf das Schicksal von Michelle Myska aufmerksam geworden und will die Familie finanziell unterstützen. Aus diesem Grund lädt der Verein für Sonntag, 4. Mai, zu den letzten Heimspielen der Saison ins Stadion ein. Der Eintritt ist frei, dafür sammelt der Vorstand Spenden ein. Die Erlöse aus dem Bratwurst- und Getränkeverkauf bei den Spielen der ersten und zweiten Mannschaft gehen auch an die Familie. „Dafür werden wir die Preise für die Bratwurst und die Getränke an diesem Tag leicht anheben“, sagt Jürgen Simon, Ehrenvorsitzender des TuS Lüdersfeld. Auch Nicht-Fußballfans sind an diesem Nachmittag von 13.15 Uhr an eingeladen, um Michelle zu unterstützen.

Mehr aus Lindhorst

 
 
 
 
 
Anzeige
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Letzte Meldungen

 
 
 
 
 
 
 
 
 

Spiele entdecken