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Zum Artikel „Kriegsverbrecher oder Aushängeschild?“ vom 12. September

Man darf Geschichte niemals nur aus einer Perspektive betrachten

Meine Bewertung möchte ich kurz begründen. Auf das Für und Wider um den Straßennamen sowie die Perspektiven auf die Person Scheer möchte ich hier nicht ausführlich eingehen.

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Werk begeht bereits einen grundsätzlichen Fehler, wenn er sowohl einen darstellenden Bericht als auch einen pointierten Kommentar verfasst. So entsteht immer wieder ein frappierender Mangel an Distanz und daraus resultierender Ausgewogenheit, was sich bei Werk darin zeigt, dass in seiner Darstellung der Publikumsstimmen vorwiegend jene zu Wort kommen, die seiner Meinung sind.

Den zahlreichen Wortmeldungen, die Herrn Werks Meinung nicht teilten oder auch nur dazu mahnten, Geschichte niemals nur aus einer Perspektive zu betrachten, wurde viel weniger Raum eingeräumt. Dabei wurde die Diskussion meiner Wahrnehmung nach in weiten Teilen respektvoll geführt und jede begründete Meinung anerkannt.

Hinzu kommen Ungenauigkeiten bzgl. der Todesurteile in Folge von Matrosenunruhen 1917. Die juristische Bewertung dieser Urteile fällt entgegen der Darstellung im Artikel keineswegs einhellig aus, genauso wie die des uneingeschränkten U-Bootkrieges oder auch der britischen Seeblockade.

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Des Weiteren ist es äußerst bedauerlich, dass Michael Werk eine zentrale Position Epkenhans zum öffentlichen Umgang mit beziehungsweiswe zur Kommunikation über Geschichte unerwähnt ließ: Nicht selbstgerechte Bilderstürmerei (das war mit „Geschichte totschweigen“ eigentlich gemeint!), sondern eine öffentliche, respektvoll geführte Debatte soll über das Beibehalten oder Umbenennen von nach Personen der Geschichte benannten Straßen, Plätzen usw. entscheiden. Am besten anhand fachlich bestimmter und demokratisch legitimierter Kriterien, nicht aber nach dem moralischen Bauchgefühl.

Dadurch könnte sich die eine Stadt für ein Umbenennen entscheiden, eine andere dagegen nicht. Wenn Zeitgeschichte Streitgeschichte ist, wie es der Historiker Martin Sabrow einmal ausgedrückt hat, dann brauchen wir eine Streitkultur, in der die eigene Position nicht als die einzig moralisch richtige gilt. Geschichte sollte niemals vom Richterstuhle aus geschrieben werden.

Bedenken Sie zudem, Herr Werk, die von Ihnen geforderten neuen Identifikationsfiguren sind vielleicht ebenfalls schnell keine „HeldInnen“ (mehr). Sie müssten etwa mit Nachdruck auch die Umbenennung der Albert-Schweitzer-Straße fordern. Dem Pazifisten werfen nämlich mittlerweile Intellektuelle aus Zentralafrika und anderen afrikanischen Staaten vor, er habe aus rassistischen Gründen Afrikaner nicht als gleichwertig gegenüber Europäern anerkannt. Oder wollen Sie sich hier nicht doch zu einem Abwägen durchringen? Bei Scheer müssten Sie es dann freilich auch tun, zumal Ihr zentrales Argument (uneingeschränkter U-Bootkrieg) dem historischen Kontext entkleidet wurde.

Malte Wilhelm de Terra

Rinteln

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