Obernkirchen /<wbr> Wirtschaft

Bornemann verkauft: US-Konzern zahlt 206 Millionen Euro

Obernkirchen (ab). Im Ortsteil Gelldorf arbeiten 460 Frauen und Männer für Bornemann. Die Pumpen, die sie herstellen, werden bei der Förderung von Öl und Gas eingesetzt. Mit einigen Spezial-Pumpen dominiert Bornemann den Weltmarkt.

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Am 28. September hatte Bornemann-Geschäftfsführer Gero von der Wense auf einer Betriebsversammlung über den Stand der Dinge informiert. „Sechs potentielle Käufer aus westlichen Ländern“, so von der Wense damals vor den Beschäftigten, hätten sich in diversen Gesprächsrunden qualifiziert. Sie hatten dem Unternehmen tief in die Bücher schauen dürfen. „Due-Diligence“-Prüfung heißt dies unter Experten. Dabei wägt der Interessent Stärken und Schwächen des Unternehmens, um sein Risiko abschätzen zu können.

Am 2. Oktober flog einer der Bieter aus den USA nach Deutschland, um Bornemann Pumps unter die Lupe zu nehmen. Genauer gesagt handelte es sich um eine Bieterin: Denise L. Ramos, 55, Präsidentin von ITT. Drei Stunden lang ließ sie sich das Gelldorfer Werk zeigen, bevor sie mit der Geschäftsführung in Bückeburg essen ging. Dem Vernehmen nach interessierte sie sich besonders für die Firmenkultur von Bornemann. In Denise Ramos‘ Lebenslauf finden sich leitende Positionen bei den Lebensmittelmultis Yum! (Pizza Hut, Taco Bell) und Kentucky Fried Chicken sowie beim Möbelhersteller Furniture Brands. Dann startete sie bei bei ITT durch: Finanzchefin, Vizepräsidentin, Präsidentin.

Jetzt ist klar: Frau Ramos bekommt mit ITT tatsächlich den Zuschlag. Der Verkauf vollzog sich so schnell, dass man am Standort Obernkirchen nur mit Mühe Schritt halten konnte. Am vergangenen Sonntag hatten sich die Unterhändler von ITT und Bornemann geeiningt, am vorgestrigen Montag um 8 Uhr New Yorker Zeit (Mitteleuropa: 14 Uhr) meldete ITT den Kauf ordnungsgemäß der New Yorker Börse, ein paar Minuten später erreichte die Nachricht das Industriegebiet im Obernkirchener Ortsteil Gelldorf. Im Gespräch mit den Schaumburger Nachrichten zeigte sich Bornemann-Geschäftsführer Gero von der Wense am Dienstagmorgen sehr zufrieden mit der Entscheidung der Gesellschafter. „Die Unternehmenskulturen von ITT und Bornemann ähneln sich, und die Strategien passen zueinander“, sagt von der Wense und fasst zusammen: „Das gesamte ’Paket‘ ist in sich stimmig.“ Besonders wichtig ist dem Bornemann-Geschäftsführer der Hinweis, dass Bornemann bei ITT eine starke, eigenständige Säule bilden wird.

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Am 20. Juni war bekannt geworden, dass die Familien-Gesellschafter Bornemann (53 Prozent) und die Stuttgarter Beteiligungsgesellschaft BWK (45 Prozent) sämtliche Anteile verkaufen wollen; BWK sitzt seit 2007 bei Bornemann im Boot. Die Partner begründeten die Verkaufsabsicht damit, dass der Mittelständler Bornemann an seine Grenzen stoße. Nur mit einem starken Partner könne man neue Märkte bedienen, hieß es. Der künftige Gesellschafter dürfe allerdings kein Finanz-Investor sein, sondern müsse ein „langfristiges strategisches Interesse nachweisen“ - nicht zuletzt damit der Standort Obernkirchen gestärkt werde.

Der neue Alleingesellschafter ITT sitzt im Staat New York, genauer: in White Plains. Als das Unternehmen 1920 gegründet wurde, tummelte es sich zunächst in der Branche der Telekommunikation. Zwischen 1960 und 1977 expandierte ITT, kaufte mehr als 350 Unternehmen auf. Unter anderem zählten die Hotelkette Sheraton, der Autovermieter AVIS und der Radiohersteller Schaub Lorenz zu dem Firmen-Konglomerat. Um an der Börse besser dazustehen, trennte sich ITT im vergangenen Jahr von einigen Sparten, unter anderem von der Wehrtechnik. Hintergrund: Diese stark von Politik und Subventionen abhängige Sparte hemmte den Kurs des Gesamtunternehmens, dessen andere Sparten viel schneller wuchsen.
Im vergangenen Jahr hat ITT (8500 Mitarbeiter in mehr als 30 Ländern) etwa 1,6 Milliarden Euro umgesetzt. Zum Vergleich: Bornemann Pumps (460 Mitarbeiter in Gelldorf) wird das Jahr 2012 nach Auskunft der Geschäftsführung mit dem höchsten Umsatz seit der Gründung vor 159 Jahren abschließen. Das dürften dann etwa 120 Millionen Euro sein. ITT hat mitgeteilt, dass man keine Kredite benötigt, um Bornemann für 206 Millionen Euro zu schlucken.

Wie aber passt nun Bornemann aus Obernkirchen/Deutschland in den Bauch dieses Multis aus White Plains/USA? Um dies zu beantworten, muss man tief in die Struktur von ITT schauen. Nach der Restrukturierung aus dem vergangenen Jahr gliedert sich ITT in vier Bereiche. Der wichtigste von ihnen - 40 Prozent am ITT-Jahresumsatz - heißt „Industrial Process“ und stellt Pumpen, Ventile sowie Kontrollsysteme her. Der Hauptsitz von „Industrial Process“ findet sich in Seneca Falls, ebenfalls im Staat New York, Filialen arbeiten unter anderem in Großbritannien, England, Indien, Südkorea, Saudi-Arabien, Australien, Brasilien und China.

Die aus Obernkirchener Sicht interessanteste ITT-Firma heißt Goulds Pumps. Sie allein erwirtschaftet 70 Prozent des Umsatzes, den „Industrial Process“ ITT einbringt. Goulds Pumps und Bornemann Pumps sollen diese Marge in absehbarer Zeit auf 80 Prozent steigern - so lautet jedenfalls das Ziel. Bornemann Pumps soll im ITT-Reich zu einer zweiten Säule neben Goulds Pumps werden. Bornemann hat seine Stärken bei „Verdränger“-Pumpen, Goulds bei „Kreisel“-Pumpen; beide Hersteller sehen große Chancen auf den expandierenden Märkten in Mexiko, Brasilien und Russland. Sie sollen dort nicht miteinander konkurrieren, sie sollen sich ergänzen. „Der Kauf von Bornemann Pumps erschließt uns neue Märkte innerhalb der weltweiten Öl- und Gasindustrie“, lässt sich ITT-Chefin Denise Ramos zitieren.

Man freue sich, auf das Fundament bauen zu können, das Bornemann gelegt habe, zudem wolle man gern „Teil der Gemeinschaft in Obernkirchen sein“ (im Wortlaut: „being part of the Obernkirchen community“), sagt Robert Pagano, Präsident der ITT-Sparte „Industrial Process“. Obernkirchens Bürgermeister Oliver Schäfer zeigt sich auf Anfrage erfreut darüber, „dass Bornemann einen derart bedeutenden Partner gefunden hat, das ist sicher ein positives Zeichen“. Wie wertvoll das Unternehmen sei, könne man an der Kaufsumme ablesen. „Das ist schon ’ne Hausnummer“, so Schäfer.

Für Obernkirchen ist Bornemann der größte Gewerbsteuerzahler. In guten Jahren spült der Pumpen-Hersteller mehrere hunderttausend Euro in die Kasse der hochverschuldeten Stadt. Sowohl bei Bornemann als auch im Rathaus geht man - bei aller Vorsicht - davon aus, dass der Gewerbesteuerzahler Bornemann Pumps der Stadt erhalten bleibt, obwohl er an ein Unternehmen aus den USA verkauft wurde. Endgültige Sicherheit kann es allerdings erst geben, wenn der Kauf abgeschlossen ist. In der Bornemann-Chefetage rechnet man damit, dass dies Anfang Dezember der Fall ist.

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