Obernkirchen

„Unter Fürst Ernst wird aus Blut viel Geld gemacht“

Der Schaumburger Friede soll auch für die als Hexen unschuldig verurteilten Frauen gelten, fordern Schaumburger Frauen anlässlich der als Wiederkehr der Gerechtigkeit gefeierten Fürstentage.Foto: rnk

Der Schaumburger Friede soll auch für die als Hexen unschuldig verurteilten Frauen gelten, fordern Schaumburger Frauen anlässlich der als Wiederkehr der Gerechtigkeit gefeierten Fürstentage.Foto: rnk

Von Frank Westermann
Keine Bange: Der wütende bürokratische Terror hat seine Ordnung, seit 1532 gilt die "Peinliche Gerichtsordnung", die sogenannte Carolina. Bei der Abfassung stand die Hexenlehre der Kirche Pate. Zauberei wurden neben Mord, Totschlag, Räuberei und Brandstiftung als schweres Verbrechen gestellt. Mit der Carolina war die Grundlage für die massenhafte Durchführung von Hexenprozessen zwischen 1580 und 1680 in Deutschland gegeben. Sie beschrieb die Zauberei als ein Verbrechen gegen Leib und Gut des Menschen; die Justiz machte daraus ein Verbrechen gegen Gott – mit entsprechenden Strafen.
Zurück zur Wasserprobe: Sie werden also mit den Daumen an die gegenüberliegenden Zehen gefesselt, an ein Seil gebunden und ins Wasser hinabgelassen. Sie können trotzdem schwimmen? Das ist Pech, denn Schwimmen ist das Zeichen der Schuld und damit ist die Hexerei erwiesen. Sie ziehen jetzt um: auf den Scheiterhaufen, denn dort werden nach dem Vorbild der Inquisition Hexen verbrannt. Es gibt aber auch andere Strafen, die allesamt grausam sind: Vielleicht werden Sie daher gerädert, gevierteilt, ertränkt oder lebendig begraben.
Haben Sie Glück bei der Wasserprobe, dann sinkt Ihr Körper ins Wasser und Sie sind unschuldig. Leider sind Sie dafür ertrunken. Insgesamt kann die Probe bis zu dreimal wiederholt werden, denn es muss genau geprüft werden, ob der Teufel Ihr Untersinken verhindert. Gut möglich, dass die Richter aber auch glauben, dass Hexen sehr leicht sein müssen, um fliegen zu können – und daher gar nicht untergehen können; also halten Sie Ihre Arme ruhig. Und wenn Sie tot sind, machen Sie sich keine Sorgen um Ihr kleines Häuschen: Das verfällt in jedem Fall an die Obrigkeit.
"Unter dem Fürsten Ernst wurde Blut zu viel Geld gemacht", formuliert es Irmhild Knoche, die im Rahmen der Fürstentage im Schaumburger Land auf ein dunkles Kapitel der Fürstenherrschaft aufmerksam machen möchte, denn meistens waren die Opfer weiblich.
Gemeinsam mit einem guten Dutzend Frauen aus dem Schaumburger Land wollen sie dem Fürsten bei den Gerichtstagen in Rinteln eine Petition übergeben, die eine konsequente Aufarbeitung der Hexenverfolgungen fordert, außerdem soll an den Arensburger Teichen ein Hinweisschild aufgestellt werden, auf dem über die Hexenverfolgungen informiert wird.
Natürlich wäre es schön und wünschenswert, wenn sich Fürst Ernst bei seiner Rintelner Wiederkehr zu einer Bitte um Entschuldigung durchringen könnte. Sollte seine Durchlaucht sich in der Weserstadt uneinsichtig zeigen, wird über einen weiteren Auftritt beim Obernkirchener Gerichtstag eine Woche später nachgedacht: Das zerfasernde Fürstenprogramm bietet ja auch Chancen.
Die Hauptinitiatorin ist Cornelia Künzel, unterstützt von Hella Hespe und Irmhild Knoche. Ihr Vorwurf: Fürst Ernst habe die Carolina mit seiner Polizeiordnung verschärft. Die forderte eine Verfolgung der vermeintlichen Hexen schon dann, wenn ein Bündnis mit dem Teufel vermutet wurde – und Vermutungen gab es viele. Dagegen habe die Carolina eine Verfolgung erst vorgesehen, wenn ein realer Schadensfall eingetreten sei.
In der Praxis waren Hexenprozesse in der Zeit von Fürst Ernst ein ebenso alltägliches wie einträgliches Geschäft. Man folterte die Frauen, bis sie gestanden, dann ging es zum Abendessen: Das Tagwerk war vollbracht.
Und nicht vor 900, sondern vor genau 25 Jahren hat unsere Zeitung in einer mehrteiligen Serie detailliert aufgelistet, wer alles an den Prozessen verdiente. Johann Flentke etwa erhielt nach der Hinrichtung seiner Tochter folgende Rechnung: Für Verschickungskosten an die gräfliche Kanzlei zwei Thaler, an Wächterlohn zwei Thaler, an Botenlohn drei Groschen, an den Nachrichter einen Thaler, an Zehrungskosten zwei Thaler, zwei Groschen und vier Pfennig, für den Amtsdiener einen Thaler.
Als im Jahre 1659 allein 20 Personen aus Obernkirchen auf der Arensburg verbrannt wurden, übernahm der Pfarrer die geistliche Betreuung der Delinquenten – für zwei Thaler pro Person. Für jede angezeigte Hexe gab es ein Kopfgeld von drei Thalern, war Vermögen vorhanden, wurde auch davon etwas an Denunzianten verteilt.
Hexenprozess-Historiker Gerhard Schoemann beschrieb in der Artikelserie vor einem Vierteljahrhundert den Fall von Marika Meyer, die aufgrund eines Gerüchtes vom Steinberger Pfarrer zum Gespräch geladen und danach sofort beim Arensburger Amtmann Julius Clodius denunziert wird. Ein Gutachter der strafwilligen Rintelner Universität verurteilt Marika Meyer anschließend zum Tode durch Enthauptung.
Sie ist zwölf Jahre alt.

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