Landkreis / Selbstportraits

Purer Narzissmus oder der Wunsch nach Wertschätzung?

Auch vor mehr als hundert Jahren wurden Selbstportraits aufgenommen, wie die schottische Tageszeitung „The Scotsman“ mit einem Foto aus dem Jahr 1907 zeigt. Schaumburger stehen dem Trend eher kritisch gegenüber.

Auch vor mehr als hundert Jahren wurden Selbstportraits aufgenommen, wie die schottische Tageszeitung „The Scotsman“ mit einem Foto aus dem Jahr 1907 zeigt. Schaumburger stehen dem Trend eher kritisch gegenüber.

Landkreis. Teenie-Schwarm Justin Bieber tut es, US-Präsident Barack Obama auch, doch was genau ist ein „selfie“ und woher kommt der Trend? Es gibt „selfies“ von sich alleine oder in Gruppen, irgendjemand hat auf dem Foto also immer den Arm ausgestreckt, um das Foto zu schießen. Zuerst aufgetaucht sind die Selbstbildnisse unter dieser Bezeichnung im Jahr 2004 auf den Internetplattformen „Flickr“ und „MySpace“, sagt die Direktorin des US-amerikanischen Forschungszentrums für Medienpsychologie (MPRC) Pamela Rutledge. Gibt man heutzutage den Suchbegriff „selfie“ bei Plattformen wie „Twitter“ ein, gibt es tagtäglich unzählige Treffer samt Bildern.

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Wer macht „Selfies“? Neben Prominenten Vorreitern wie Justin Bieber, Lena Gercke, Katja Riemann oder auch Bundeskanzlerin Angela Merkel drücken auch etliche Teenager weltweit gerne auf den Auslöser. „Je jünger, desto eher werden ,selfies‘ gemacht“, sagt die Medienwissenschaftlerin Ulla Autenrieth von der Uni Basel. Bei Jugendlichen seien sie aus diesem Grund besonders verbreitet. Viele betreiben ja offensichtlich Selbstdarstellung. Wenn man besondere Momente oder Situationen als Foto festhält, ist es ja in Ordnung, aber es geht ja immer mehr dazu über, dass jede Kleinigkeit als Bild gepostet wird“, findet Sebastian Bohn (22), Student aus Vornhagen.

Landen die Bilder im Internet, schaffen sie in manchen Fällen eine Verbreitung über den kompletten Erdball: Bei einer Nasa-Expedition hat sich der japanische Astronaut Akihiko Hoshide im All selbst fotografiert, sein Bild wurde innerhalb weniger Stunden über 3000 mal geteilt. Maik Friedrich (30), Fliesenleger aus Stadthagen, steht dem Trend durchaus skeptisch gegenüber: „Wenn man die Fotos Freunden schickt, die weiter weg wohnen, oder zu denen man nur selten kontakt hat, ist es ja noch etwas anderes, als wenn man die Bilder öffentlich über das Internet verbreitet. Fotos aus dem Internet kann sich schließlich jeder problemlos herunterladen und durchaus auch Schabernack damit treiben.“

Welche Art von "selfies" gibt es? Die Bandbreite reicht vom Schnappschuss in der Umkleidekabine ("Soll ich das Kleid kaufen?") über das Gruppenfoto von der Party am Wochenende ("Wir haben so viel Spaß zusammen und alle sollen es sehen") bis zum Pärchen in der Abendsonne ("Wir sind so verliebt – und alle sollen es sehen").
Bei Prominenten ist die Spanne ähnlich groß: Sänger Justin Bieber zeigt sich nachdenklich und cool aus der Froschperspektive im Muskelshirt, Schauspieler Elyas M'Barek twittert "selfies" von den Dreharbeiten und Barack Obama fotografierte sich jüngst selbst auf der Trauerfeier von Nelson Mandela.

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Warum fotografieren wir uns eigentlich alle selbst? „man zielt immer auf ,Likes‘ und ,Herzchen‘ ab“, sagt der österreichische Blogger und Autor Jakob Steinschaden. US-Medienpsychologin Rutledge weist den Vorwurf des Narzissmus zurück: Die Jagd nach Anerkennung sei normal, jeder Mensch wolle wertgeschätzt und anerkannt werden. Medienexpertin Autenrieth erklärt zudem, dass gerade bei „selfies“ von Jugendlichen Verunsicherung und Selbstfindung im Spiel seien: „Wer bin ich und wie wirke ich auf andere?“

Sind „selfies“ nur ein Phänomen der Generation Internet? Keinesfalls – die Selbstdarstellung ist so alt wie die Menschheit selbst, schon die alten Ägypter wollten sich mit Malereien verewigen. Dass die Selbstbildnisse heute nicht mehr wegzudenken sind, mag unter anderem auch daran liegen, dass „selfies“ im Gegensatz zu aufwendigen historischen Malereien mit einem Klick kostenfrei zustande kommen. dpa/mak/tbh

Das sagen Schaumburger:

Hannes Dettmer (17), Auszubildender aus Obernkirchen: "Jeder muss selbst wissen, wie viel man von sich preisgeben will. Ich achte darauf, welche Fotos von mir im Internet erscheinen." tbh

Miriam Modoi (21), Auszubildende aus Stadthagen: "Nur weil es die Promis machen, würde ich es noch lange nicht tun. Ich muss nicht anderen Leuten zeigen, wie mein Badezimmer aussieht." tbh

Sebastian Bohn (22), Student aus Vornhagen: "Spiegelfotos finde ich am schlimmsten und generell Fotos, die man nicht jedem auf der Straße zeigen würde. Das ist ein Trend, der nervt." tbh

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Maik Friedrich (30), Fliesenleger aus Stadthagen: " Es ist ok, wenn man Freunden mal Fotos schickt, aber ich finde es albern, dass man jeden Kram von sich gleich im Internet teilen muss." tbh

Tobias Nowak (23), Zerspanungsmechaniker aus Helpsen: "Ich finde es merkwürdig, dass Leute sich selbst fotografieren müssen. Ich kann mir nicht erklären, warum manche das machen." tbh

Lena Dettmer (19), Auszubildende aus Obernkirchen: "Ich finde es nicht so wichtig, alle Welt daran teilhaben zu lassen, wo ich gerade bin oder was ich esse." tbh

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