Rinteln / Lärm

Alle zwei Minuten ein Motorrad

Jedes Jahr dasselbe Bild: Sobald die Sonne rauskommt, kommen auch die Motorradfahrer – und mit ihnen der Lärm. tol

Jedes Jahr dasselbe Bild: Sobald die Sonne rauskommt, kommen auch die Motorradfahrer – und mit ihnen der Lärm.

Von Hans Weimann 

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Rinteln. Stadtbrandmeister Friedel Garbe, der in Wennenkamp wohnt, zählte am vergangenen Sonntag alle zwei Minuten ein Motorrad: "Kaffee trinken auf der Terrasse ist da nicht mehr drin." Matthias und Carina Hefele aus Westendorf schrieben in einer E-Mail: "Wir haben kein Problem mit den Motorradfahrern, aber mittlerweile hat man noch nicht mal in den Mittagsstunden Ruhe, geschweige denn am Abend!"

 Zumindest die Anwohner an der Unabhängigkeitsstraße in Westendorf können Hoffnung schöpfen. Der Landkreis Schaumburg will nämlich am Nienstedter Pass bei Messenkamp sogenannte Rüttelstreifen einbauen lassen. Das betrachte der Landkreis als „Pilotprojekt“, erklärte Pressesprecher Klaus Heimann auf Anfrage. Danach könnten solche Schwellen auch an der Unabhängigkeitsstraße bei Westendorf installiert werden.

 In Rinteln habe man nichts dagegen, sondern würde diese Maßnahme außerordentlich begrüßen, betonte Jörg Schröder, Erster Stadtrat im Rathaus. Denn auch im Rathaus sind die Dauerklagen der Westendorfer nicht unbekannt.

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 Dass Schwellen Biker ausbremsen, dafür gilt als Musterbeispiel die sogenannte „Todeskurve“ bei Kalldorf. Nach dem Einbau, sagt Polizei-Pressesprecher Uwe Bauer von der Polizei Lippe, „herrscht hier Ruhe, ist nichts mehr passiert“. Auch am Köterberg haben sich die Schwellen bewährt. Warum also ein „Pilotprojekt“, obwohl diese Einbauten bereits erprobt sind? Antwort von Klaus Heimann: „Jede Straße ist anders.“

 Dann knallt die „Krawalltüte“

 Die Unabhängigkeitsstraße an der Westendorfer Landwehr wird unter Bikern vor allem wegen der gut einsehbaren Kurven geschätzt. Anwohner erzählen, Motorradfahrer würden sich dort gegenseitig per Handy melden, ob die Strecke frei ist: „Dann stehen sie erst mal fünf Minuten, lassen den Motor aufheulen und sprinten los.“ Dann knallt die „Krawalltüte“, wie Biker den Auspuff nennen. Motto: „Wir sind für Tempo 100 – aber unter vier Sekunden!“

 Ein Blick in Internetforen zeigt, dass die Straße tatsächlich als Rennstrecke gesehen wird. Da schreibt beispielsweise „Nerge“, ein Biker aus Hannover: „Bei gutem Wetter treffen sich dort alle, die es wissen wollen.“ Wissen zu wollen, was geht, geht auch manchmal schief. Ein Motorradfahrer aus Minden stürzte am vergangenen Samstag in einer Linkskurve. Er wurde leicht verletzt. Der erste Unfall dieser Saison.

 Am schnellsten war in diesem Jahr die Polizei Lippe mit Kontrollen. Am Köterberg, dem „Brocken des Weserberglandes“, sahen 35 Geschwindigkeitssünder die rote Kelle, wie Uwe Bauer meldete. Der Schnellste war mit 103 Stundenkilometern unterwegs, wo 50 erlaubt sind. In Lippe arbeitet man mit der neuesten Technik, sogenannten ESO-Anlagen: Diese Geräte auf Fotozellenbasis können Motorradfahrer von vorn wie von hinten aufnehmen. Bauer: „Da sieht man auch ein Gesicht unter dem Helm und das Kennzeichen gestochen scharf.“

 Friedel Garbe, der selbst einmal begeisterter Biker war, will die Zweiradzunft nicht pauschal verdammen: „Klar, Motorrad fahren macht Spaß, und irgendwo müssen Biker ja auch fahren können.“ Die meisten würden ja auch durchaus zivilisiert durch die Dörfer cruisen. Das eigentliche Problem liege woanders: „Ein Motorrad ist nun einmal lauter als ein Auto.“ Da helfe auch nicht, wenn Anwohner, wie in Uchtdorf, ihre Fahrzeuge demonstrativ am Straßenrand parken, um die Zweiräder auszubremsen: „Wenn die danach Gas geben, wird es halt wieder laut.“

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 Heiko Requardt vom „Pfingstor“, Hotel und Ausflugsgaststätte, beobachtete an den zurückliegenden Wochenenden, wie sich Ausflügler, die gemächlich durch die Landschaft zockelten, und Biker in die Haare bekamen, weil die sich von den Senioren behindert fühlten. Zum Glück sei die Situation nicht eskaliert. Einer der netten Sprüche ist da noch: „Wenn du so weiter fährst, hol’ ich die Parkuhr raus.“

 In der Bikerszene ist ein Horrorszenario aus dem Allgäu noch gut in Erinnerung. Dort haben im Jahr 2011 Unbekannte – vermutlich wutentbrannte Anwohner – Öl auf die Fahrbahn gekippt. Ein Motorradfahrer geriet auf einer Öllache in den Gegenverkehr und verunglückte tödlich.

 So geht auch in dieser Motorradsaison das Tauziehen Fahrspaß gegen eine Wochenendruhe in die nächste Runde. Zumindest in Möllenbeck haben dieses Duell die Anwohner für sich entschieden. Der Landkreis verhängte ein Wochenendfahrverbot für Motorräder auf der K80 zwischen Krankenhagen und Möllenbeck. Da hat auch eine Bikerdemo gegen das Verbot im Juli 2010 nichts mehr genützt.

 Relative Ruhe an der Paschenburg

 An der Paschenburg herrscht relative Ruhe. Die Straße ist zu schlecht, um Gas zu geben, die Bäume zu nah, ein Bankett gibt es nicht. Das Gleiche gilt für die Auffahrt zur Schaumburg. Das Risiko für Biker ist auch zwischen Uchtdorf und Goldbeck nicht zu unterschätzen. Denn dort fehlt an den Leitplanken, sofern es sie überhaupt gibt, der Unterfahrschutz.

 Mirko Titze, Leiter des Einsatz- und Streifendienstes beim Polizeikommissariat Rinteln, verspricht den genervten Anwohnern zumindest, die Polizei würde an den Wochenenden jetzt wieder verstärkt an den Bikerstrecken vorbeischauen.

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