Rinteln /<wbr> Selbsthilfegruppe

Führerschein weg: Gruppe hilft für 240 Euro

Rinteln (dil). Verlust des Arbeitsplatzes, Scheitern bei der kostenpflichtigen medizinisch-psychologischen Untersuchung (MPU, „Idiotentest“) wegen unzureichender Vorbereitung – da drohen schnell weitere Kosten und noch ein Jahr zu Fuß. So lange wartet kaum ein Arbeitgeber. Doch das muss nicht sein. Die Selbsthilfegruppe „Alkohol im Straßenverkehr (AiS) in Rinteln und Stadthagen hilft für wenig Geld – und mit beachtlichem Erfolg. Sie besteht seit inzwischen zehn Jahren.

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 Die folgenschwere Alkoholfahrt könnte ein einmaliger Ausrutscher gewesen sein, aber auch Hinweis auf eine Alkoholabhängigkeit geben, Zielsetzung der AiS und ihrer ehrenamtlichen Betreuer ist es deshalb nicht nur, für den Probanden die Fahrerlaubnis zurückzuerlangen, sondern sich mit dem Thema Suchtmittel im Straßenverkehr auseinanderzusetzen sowie die Bereitschaft der Mitarbeit zu signalisieren.

 Der Rintelner Gruppenleiter Friedrich-Wilhelm Möhring erläutert, was man nach dem Führerscheinverlust wegen Alkoholbeeinflussung tun sollte, wenn aufgrund häufigerer kleinerer Alkoholbefunde oder eines heftigen (über 1,5 Promille) das Risiko besteht, vor Wiederlangung des Führerscheins zum „Idiotentest“ (MPU) zu müssen: „Nicht erst den Gerichtsbeschluss abwarten, sondern möglichst bald unsere Gruppe in der Beratungsstelle Rinteln, Bäckerstraße 8, bei der Diakonie aufsuchen. Wenn möglich, sollten die Gruppenleiter der AiS, Telefon (05751) 962118, vorab kurz informiert werden.“

 Vor dem Einstieg ins AiS-Programm steht ein kostenloses Vorgespräch mit einem hauptamtlichen Betreuer der Diakonie-Beratungsstellen, in Rinteln macht dies Sozialarbeiterin Corinna Beckschäfer. Diese schätzt ein, ob zunächst eine Therapie (Entziehungskur) nötig ist. Außerdem wird über die Gruppenregeln aufgeklärt, die Schweigepflicht der Teilnehmer erläutert und eine Abklärung der unterschielichen Erwartungshaltungen vorgenommen. Man kann für 225 Euro auch fünf Einzelgespräche mit dem Diakonischen Werk vereinbaren.

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 Mit dem Einstieg ins AiS-Programm beginnt (stets nüchtern, sonst Abbruch) zunächst die Analyse der Trunkenheitsfahrt. Dabei geht es nicht zuletzt um Wirkung und Abbau von Alkohol, Drogen und Medikamenten sowie deren körperliche, seelische und soziale Folgen. Dann erfahren die Probanden alles über die Rechtslage, die MPU-Richtlinien und das Antragsverfahren zur Wiedererlangung des Führerscheins. Die Aufarbeitung der eigenen Konsumgeschichte, die Selbsteinschätzung des Suchtmittelkonsums, die Suchtentwicklung und das Formulieren von Zielen für das Ändern des eigenen Verhaltens folgen. Hier wird es richtig konkret, und es muss nachhaltig wirken. Dafür wird im Rollenspiel das richtige Verhalten geprobt. Ist das alles erledigt, folgt als Rollenspiel die Erprobung der Prüfungssituation bei der MPU.

 Wer ein Jahr lang mitgemacht hat, und dies wird stets registriert, bekommt eine qualifizierte Bescheinigung (15 Euro) über die Teilnahme vom Diakonischen Werk ausgestellt. Solchermaßen gewappnet sollte aber nicht nur die MPU optimistisch angegangen werden, sondern auch das nachhaltige Vermeiden von Rückfällen.

 „Die Erfolgsquote für ein positives Gutachten bei der MPU nach Abschluss der Gruppenbesuche liegt zurzeit fast 90 Prozent“, heißt es im Flyer der AiS-Gruppe. „Manche schaffen es in kaum mehr als einem Jahr, den ,Lappen‘ wiederzukriegen“, bekräftigt Möhring. „Andere versuchen es aber zunächst auf eigene Faust und kommen erst zu uns, wenn sie bei der MPU gescheitert sind. Jeder Zweite bei uns ist schon einmal durchgefallen. Aber bei uns brechen dann auch nur ein bis zwei Probanden pro Jahr wieder vorzeitig ab.“

 Viele bleiben allerdings der Gruppe auch verbunden, wenn sie längst wieder mobil sind. Beckschäfer: „Sie bleiben der Gruppe im Herzen treu, geboten wird eben eine Gemeinschaft.“ Diese Gemeinschaft von ebenso Betroffenen brauchen die Probanden, um wieder stark zu werden, denn der Führerscheinverlust, eventuell verbunden mit Jobverlust, stellt oft einen erheblichen Einschnitt in puncto Selbstvertrauen dar. „Beim ersten Mal kommen manche eher gebeugt und einsilbig zu uns, aber mit der Zeit gewinnen sie auch durch das Gespräch mit anderen wieder an Rückhalt“, hat Möhring beobachtet. Übrigens kennen die ehrenamtlichen Betreuer Führerscheinverlust wegen Alkohol alle aus eigener Erfahrung, wurden dann als Betreuer geschult.

 Beckschäfer ergänzt, warum die Stärkung bei der MPU wichtig ist: „Der Verkehrspsychologe beim TÜV achtet darauf, dass der Proband im Guten ohne Alkohol auskommt, sozial gefestigt damit umgeht und die Vorteile des Nichttrinkens aktiv lebt.“ Der Erfolg gibt der AiS recht, betont Möhring: „Wir haben fast keine Rückfälle hier, in zehn Jahren kamen nur drei bis vier Probanden noch malzurück.“

 Vor der MPU muss zudem ein Jahr Abstinenz nachgewiesen werden, mit zweimonatlichen Urintests (jeweils 90 Euro), die überraschend angeordnet werden und am Tag darauf fällig sind. Oder man greift zur vierteljährlichen Untersuchung von Haarproben, die rückwirkend viel genauer ist (beim TÜV jeweils für 190 Euro).

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 Überhaupt sehen Möhring und Beckschäfer in der AiS-Lösung (240 Euro für fünf Einzelberatungen und Gruppenbesuch samt Bescheinigung) eine sehr preisgünstige Alternative zum privaten Vorbereiten auf die MPU (zum Beispiel bei Verkehrspsychologen). „Da können schon mal 1500 bis 2000 Euro zusammenkommen“, sagt Möhring.

 102 Probanden haben über die AiS-Vorbereitung der Gruppe in Rinteln (mittwochs von 18 bis 19.30 im Gruppenraum, 2. Obergeschoss, Bäckerstraße 8) in zehn Jahren bereits ihren Führerschein wiedererhalten. Sie kommen aus Rinteln, Extertal und Auetal. Ihr Motto: „Es ist keine Schande, suchtkrank zu sein, aber es ist eine Schande, nichts dagegen zu tun.“

 Die Berater der AiS-Gruppe Rinteln: Erhard Dahlstrom (von links), Friedrich-Wilhelm Möhring, Corinna Beckschäfer und Dirk Kalkman. Foto: dil

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