Rinteln / Burghof-Klinik

„Wir müssen dann erst mal eine Bremse ziehen“

mmer mehr Menschen fühlen sich gefangen im Teufelskreis der Depression: Diplom-Psychologin Brita Bagatsch von der Burghof-Klinik zeigt hier an einem Schaubild die Zusammenhänge und Folgen.

mmer mehr Menschen fühlen sich gefangen im Teufelskreis der Depression: Diplom-Psychologin Brita Bagatsch von der Burghof-Klinik zeigt hier an einem Schaubild die Zusammenhänge und Folgen.

Erst wenn die ambulante Behandlung beim Hausarzt oder Facharzt nicht mehr hilft, geht es in die Klinik. "40 Prozent unserer Patienten haben Depression als Hauptdiagnose, 28 Prozent nur als Zusatzdiagnose", stellt Bagatsch fest. "Die meisten von ihnen haben aber mehrere Depressionen. Und es ist eigentlich schon sehr spät, wenn sie zu uns kommen, aber ambulante Behandlung geht aus Kostengründen vor stationärer."
Immer öfter dreht es sich um Probleme am Arbeitsplatz, und die Patienten werden immer jünger. Umstrukturierung, Wechsel des Vorgesetzten, Firmenübernahmen – jedes Mal steigen die Anforderungen. Privates muss zurückstehen, Betroffene können nicht mehr abschalten, werden immer gereizter. Hobbys fallen weg, sozialer Rückzug beginnt. "Eine Abwärtsspirale setzt sich in Gang", erklärt Bagatsch. "Meist öffnen sich die Betroffenen zudem niemandem, weil sie nicht als Versager dastehen wollen. Aber keiner brennt aus, weil er viel arbeitet, sondern weil er nicht mehr schafft, was er will oder soll."
Wo liegen die Risikofaktoren? "Ideale, hohe Ansprüche, Ehrgeiz, soziale Mythen und die permanente Erreichbarkeit", zählt Bagatsch als Beispiele auf.
Sechs Wochen dauert durchschnittlich die Therapie in der Burghof-Klinik. Zunächst wird geprüft, wie man medikamentös helfen kann, und manche Mittel zeigen aber erst nach zwei Wochen spürbare Wirkung. Schwerpunkt ist deshalb parallel die Psychotherapie. Bagatsch: "Die Patienten bekommen bei uns Aufgaben zu lösen, was sie befähigen soll, sich später selbst zu helfen."
Wenn das Gespräch mit dem Chef dringend nötig ist, wird es während der Therapie gesucht. Wichtig ist, dass der Patient nicht nach kurzer Zeit wieder unter den Anforderungen zusammenbricht.
"Wir wollen hier schon so viel Praktisches wie möglich regeln und dem Patienten Erfolgserlebnisse verschaffen", erläutert Bagatsch. "Aber wir Menschen lernen oft erst, wenn wir richtig leiden. Manche Erfahrungen muss man wohl mehrmals machen."
Ein Ziel ist es, die eigenen Maßstäbe zu hinterfragen und zu ändern. "Erst die Arbeit, dann das Vergnügen", das haben viele verinnerlicht. Aber wenn das Vergnügen kaum noch vorkommt, geht die innere Balance verloren. Doch die Grenze dazu ist bei jedem anders. Und viele haben neben dem Beruf noch mit Behinderung, Pflegefall in der Familie und anderen Belastungen zu kämpfen.
"80 Prozent aller Menschen, die schon einmal eine Depression hatten, bekommen mit hoher Wahrscheinlichkeit weitere", stellt Bagatsch fest. "Ebenfalls 80 Prozent unserer Patienten mit Depression kommen nach der Therapie nie wieder, aber manche haben sich vielleicht nur einen anderen Therapeuten gesucht. 20 Prozent jedoch sehen wir wieder. Einen Drehtüreffekt würde ich das aber noch nicht nennen."
Und was sind die Lösungen? Die eigenen Einstellungen müssen überprüft werden. Dann geht es darum, ob schon alle Lösungsmöglichkeiten ausgeschöpft sind. Bieten sich da aber auch keine Reserven mehr, muss es Änderungen geben: Arbeitgeber wechseln, Karriereträume begraben, endlich dem Vergnügen und Ausgleich der Anspannung mehr Raum geben.
"Oft hat schon eine Entfremdung vom eigenen Körper begonnen. Wir machen deshalb in den Therapiekonzepten viel für den Körper, vor allem Sport und sinnliche Selbstwahrnehmung. Einfach Spazierengehen und mal wieder auf das Schöne in der Welt achten, schult schon die Sinne", so Bagatsch. "Wieder Musik hören, im Alltag richtig entspannen lernen, Essen mit Zeit, Genuss und Wertschätzung, das ist wichtig. Essen ist unsere eigene Tankstelle, da sollte es für uns schon das Wertvollste sein."
Die Therapie bedeutet sechs Wochen raus aus dem gewohnten Umfeld, sich vom Tunnelblick lösen und sich Luft verschaffen, und das in Gemeinschaft mit anderen Patienten, mit denen man sich austauschen kann. "Das alles hilft schon", so Bagatsch. In der Therapie lerne man, die Probleme früher zu erkennen und bekomme mehr Erfahrung und Möglichkeiten, künftig damit umzugehen. Bagatsch: "Der Patient muss wieder das Gefühl bekommen, ich habe die Wahl, ich bin nicht nur fremdbestimmt."

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