Möbelhersteller Casala

Darauf saß die Welt

Schon lange abgerissen: das alte Casala-Gebäude.

Schon lange abgerissen: das alte Casala-Gebäude.

Lauenau. Der Stuhlbauer Carl Sasse und der Zimmermeister Friedrich Voß fertigten mit 16 Mitarbeitern Holzteile für den Kriegsbedarf. Schon bald aber entstanden die ersten Stühle nach Sasses Entwürfen. Das war nicht neu im Deister-Sünteltal. Die Produktion von häuslichem Mobiliar wurde bereits im 19. Jahrhundert vielfach in Heimarbeit oder kleinen Tischlereien besorgt.

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Um 1869 begann im heutigen Bad Münder wohl die erste industrielle Fertigung, bald folgten weitere Betriebe rund um den Deister. In den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts waren noch rund 5000 Menschen in Stuhlfabriken beschäftigt. Casala war mit bis zu 1000 Personen damals einer der größten Arbeitgeber.

Bau der ersten Fabrik

Von Anfang an lief es gut für das junge Unternehmen. Ein altes Schulgebäude wurde angemietet, bereits 1919 in der heutigen Carl-Sasse-Straße eine erste Fabrik gebaut. Doch nur ein Jahr später stand Sasse allein da: Teilhaber Voß war plötzlich verstorben. Mutig engagierte er sich im Export. Und als sich 1923 mit der Rentenmark der Inlandsmarkt wieder stabilisierte, boomte es nicht nur in Lauenau: Auch in Nettelrede, Holzminden und Wesenberg qualmten die Schlote. Auslieferungslager reichten von Köln bis Königsberg, von Hamburg bis München.

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Eine bahnbrechende Idee steuerte Ehefrau Linchen Sasse bei: Sie zog die Anfangsbuchstaben ihres Mannes und die des Heimatortes zusammen und erfand „Casala“. Am 11. Juni 1826 wurde die Bezeichnung gesetzlich geschützt. Bis dahin waren stets nur „Lauenauer Stühle“ verkauft worden.

Nach 1930 eroberten Polstermöbel den Markt ebenso wie zuvor die Stühle. Die Zahl der Mitarbeiter stieg von 300 auf knapp 800. Bereits 1929 hatte Sasse im benachbarten Rodenberg ein Sägewerk gekauft mit der Überlegung, den ganzen Betrieb dorthin zu verlegen. Lauenaus Bürgermeister Carl Schröder bereitete jedoch dem Unternehmen den Weg, im Flecken selbst den Fabrikneubau zu ermöglichen: 1934 wurde der Grundstein gelegt.

Schon ein Jahr später prangte der Komplex als Federzeichnung auf den Geschäftsbriefen mit der Eigenwerbung „Größte und modernste Stuhlfabrik Deutschlands“. Die Belegschaft stiftete zur Einweihung einen Bronzestuhl auf einer steinernen Weltkugel.

Loses Schulgestühl

Wieder sorgte ein Krieg für Turbulenzen. Zwar blieben die Gebäude in Lauenau, Rodenberg und Nettelrede unbeschädigt, doch es mangelte an allem. So wurden zunächst Waschbottiche und –bretter gefertigt. Schon 1948 gab es 755 Mitarbeiter, darunter Kriegsversehrte, die in einer Spielwaren-Abteilung eine Stelle gefunden hatten.

Erneut kann Casala in eine Bedarfslücke stoßen. Neben dem steigenden Wunsch, sich im privaten Bereich „chic“ einzurichten, geht in den Schulen ein Wandel vor – weg von den früher festinstallierten Bänken. Der Hamburger Kurt Domeier entwarf gemeinsam mit Sasse den Prototypen eines „losen Schulgestühls“, der millionenfach gebaut wurde, gefolgt von passenden Tischen, Schränken und Wandtafeln. Die meisten Schulkinder dürften in Nord- und Westdeutschland wohl auf einem Casala-Stuhl gesessen haben.

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Für die Firmenwerbung wurde übrigens ein junger Feggendorfer gewonnen: Der damals elfjährige Wilhelm Langenheim posierte auf einem dieser Stühle. Das Bild wurde über viele Jahre in Katalogen, bei Messen und sogar auf den Lastzügen verwendet. Selbst auf den kleinen Etiketten am ausgelieferten Mobiliar war der Junge in Umrissen zu erkennen.

1949 trat Schwiegersohn Dietrich Grönemeyer in das Unternehmen ein. Noch im selben Jahr entstand das Sägewerk, 1951 eine Lagerhalle. Als Gründer Carl Sasse 1956 verstirbt, ist das Fabrikgelände bald wieder Baustelle: Hobelwerk, Trockenkammern, Kraftzentrale. Anfang der sechziger Jahre folgen Versandbereich und Maschinenhalle.

Billigimporte als Konkurrenz

Casala erreicht seine größte Bedeutung: Jährlich werden 25000 Festmeter Holz, 225000 Kilo Lack und 135000 Quadratmeter Stoff und Leder verarbeitet. 1977 werden im grenznahen Vienenburg Kastenmöbel produziert. Anderswo aber zieht sich das Unternehmen zurück: Die Zweigwerke Nettelrede (1977) und Rodenberg (1981) werden geschlossen. Erfolge dagegen im außereuropäischen Bereich: Bei der Kompletteinrichtung von 319 Häusern in Saudi-Arabien für mehr als 16 Millionen Mark profitieren auch lokale Zulieferer.

Billigimporte auf dem Wohnmöbelsektor vom Balkan und aus Italien bringen das Unternehmen in den achtziger Jahren zum ersten Mal ins Schlingern. Ein Mitgesellschafter tritt ein. Auch rächt es sich offenbar, dass notwendige Modernisierungen und Rationalisierungen auf dem weitläufigen Firmengelände nicht vorgenommen wurden. Als Anfang der neunziger Jahre mehrere Millionen Mark in Heizungs-, Lackier- und Lüftungsanlagen gesteckt und erste ungenutzte Betriebsflächen an den Flecken Lauenau verkauft werden, ist es fast schon zu spät: Im Frühjahr 1995 mündete ein wochenlanges Tauziehen in ein Konkursverfahren. Der amerikanische Konzern Krueger International stieg ein, betrieb weitere Sanierungen – und ließ sechs Jahre später Casala erneut sterben.

Ein weiteres Intermezzo als „Casala Laboreinrichtungen“ dauert keine zwei Jahre: 2003 kam das endgültige Aus. Dass heute wieder Casala-Fahnen im Lauenauer Logistikpark wehen, ist drei Mitarbeitern des ursprünglichen Unternehmens zu verdanken. Sie haben danach mit dem in der Branche immer noch vertrauten Firmennamen den deutschen Markt mit Möbeln aus niederländischer Produktion erobert.

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Eine Chance für Lauenau

Das Ende auf dem alten Firmengelände aber hat sich als große Chance für die Gemeinde erwiesen. Mutig entschieden sich die damaligen Kommunalpolitiker zum Kauf der über 32000 Quadratmeter großen Fläche mit ihren Gebäuden. Bald siedelten sich erste Firmen und Dienstleister an und sorgten für mehr Arbeitsplätze als die zuletzt rund 150, die Casala noch bot.

In den Hallen fanden auch Freizeiteinrichtungen Platz. Es entstanden Victoria-Arena und eine Halle für Judoka, eine Bogensportanlage und ein Sängerheim. Zur größten Errungenschaft wurde die Eissporthalle, die soeben ihre 14. Saison begonnen hat. Das ehemalige Sägewerk ist zur attraktiven Veranstaltungshalle gleichen Namens geworden. Rund um die Fläche, in der einst tonnenschwere Baumstämme geschnitten worden sind und die als mediterran wirkende Plaza auch den historischen Casala-Weltkugel-Stuhl aufgenommen hat, reiht sich attraktive Gastronomie. DRK-Sozialstation und –Tagespflege, eine Arztpraxis und Wohnungen ergänzen die Vielfalt auf dem großen Gelände. Es gibt nur noch wenige Restflächen, die Lauenau unter anderem für die Ansiedlung weiterer Arztpraxen vorhält.

Beinahe unbemerkt geht das Casala-Jubiläum im lokalen Alltag vorüber. Dabei haben Aufstieg des Unternehmens, sein jahrzehntelanger Erfolg, der klägliche Niedergang und die nachfolgende Entwicklung den alten Marktflecken und seine Bevölkerung ebenso wie die des Umlandes in geradezu einmaliger Weise geprägt. nah

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