Landkreis / Psychische Erkrankung

Wenn der Alltag zum Zwang wird

Von Verena Insinger. Es fängt alles ganz harmlos an. Der Bürokaufmann hat Stress auf der Arbeit. Von dem einen auf den anderen Tag beschleicht ihn das Gefühl, seine Arbeit nicht mehr zufriedenstellend zu erledigen. Fabian ist Ende 30, Bürokaufmann und bislang ohne große Komplikationen durchs Leben gekommen. Er macht seinen Job gut. Doch nicht in seinen Augen. Abends geht er immer wieder alle Aufträge und Dokumente durch, die er erstellt hat. Bloß keinen Fehler machen.
Auf dem Weg nach Hause beschleichen ihn Zweifel. Ob auch alles fehlerfrei ist? Die Gedanken lassen ihn bis tief in die Nacht nicht los. Was wäre wenn? Fabian spielt alle Szenarien im Kopf durch. Er könnte seinen Arbeitsplatz verlieren, Chef, Familie und Freunde enttäuschen, seine Wohnung nicht mehr halten.

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Mit den Wochen entwickelt Fabian immer den gleichen Ablauf morgens im Bad. Immer, wenn er die stringente Reihenfolge eingehalten hat, war es ein erfolgreicher Arbeitstag – ohne Fehler. Also muss er genau diesen Ablauf unbedingt einhalten. Komme, was wolle. Erst duschen, dann Zähne putzen, das Gesicht mit der immer gleichen Lotion eincremen, Deo auftragen und dann erst anziehen. Wird er unterbrochen, fängt er von vorne an. Es darf sich nichts ändern, sonst passiert etwas Schlimmes. Diese Gedanken schießen ihm ununterbrochen durch den Kopf. Panik steigt auf. Wenn es morgens an der Tür klingelt, macht er nicht auf. Er schließt sich neuerdings im Bad ein, dass ihn seine Freundin bei dieser Prozedur bloß nicht stört.

Eines morgens – Fabian ist auf dem Weg zur Arbeit – kommt ihm ein Gedanke: Hast du auch die Herdplatten ausgeschaltet? Er versucht die Gedanken zu verdrängen und sich einzureden, dass schon alles in Ordnung ist. Doch was ist, wenn die Platten doch angeschaltet sind und das Haus abbrennt? Seinetwegen? Wegen seines Fehlers? Menschen würden ihr Zuhause verlieren.

Er kann sich nicht konzentrieren. Als er abends zu Hause ankommt, kontrolliert er den Herd. Alles in Ordnung. Solche Ängste dürfen nicht noch einmal entstehen. Also kontrolliert er am nächsten Morgen den Herd. Er kontrolliert ihn, obwohl er am Tag zuvor nicht gekocht hat und weiß, dass er ausgeschaltet sein muss.

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Mit der Zeit kommen weitere Elektro-Geräte in der Küche hinzu: Toaster, Mikrowelle, Wasserkocher, Kaffeemaschine. Damit nichts passieren kann, zieht er überall die Stecker. Aber auch das muss jeden Morgen aufs Neue gecheckt werden. Am schwersten ist es beim Herd. Schalter für Schalter prüfen seine Augen. Immer wieder, von links nach rechts.
Mittlerweile dauert diese Kontrolle am Morgen bis zu einer Stunde. Trotzdem lassen ihn die schlechten Gedanken nicht los. Was ist wenn? Er ist zunehmend unkonzentriert auf der Arbeit. Macht Fehler. Diese wiederum verunsichern ihn so sehr, dass er noch mehr Panik bekommt, seinen Job zu verlieren. Zur Unkonzentriertheit kommen die häufigen Verspätungen. Er will ja zur Arbeit fahren, aber er kann nicht. Immer wieder verlässt er seine Wohnung, steigt ins Auto, will losfahren und geht dann aber noch einmal in seine Wohnung zurück. Den Herd überprüfen. Seit Kurzem reicht es ihm nicht mehr, die Schalter optisch zu kontrollieren. Er fasst in einer bestimmten Reihenfolge auf jede Herdplatte. Traut seinen Augen nicht mehr, fasst immer wieder auf das Ceranfeld.

Er weiß, dass sein Verhalten nicht normal ist. Fabian schämt sich. Distanziert sich von seiner Freundin, Freunden, Familie. Keiner darf etwas merken. Ärger mit dem Chef. Noch mehr Verunsicherung. In seinem Kopf tobt ein Gedanken-Gewitter. Nur negative Gedanken. Bis Fabian seine Wohnung gar nicht mehr verlässt. Arbeitsplatzverlust. Zusammenbruch.

Teufelskreis aus Unruhe, Angst und Zwängen

Fälle wie Fabian K. sind für das Team um Diplom-Pädagoge Albert Schott nichts Neues. Er ist Geschäftsführer des Betreuten Wohnens im Verein Probsthagen. Dort erhalten seelisch erkrankte Menschen Hilfe. Der Experte erläutert die Verhaltensweisen von Fabian K.:

Zwanghafte Handlungen haben nicht mittelbar mit den Ängsten zu tun. Das sieht man auch bei Fabian. Denn der Herd steht nicht direkt im Zusammenhang mit dessen Versagensängsten bei der Arbeit.
Bei Zwangshandlungen geht es nicht darum, etwas zu tun, sondern etwas zu verhindern. Fabian kontrolliert nicht den Herd des Herdes wegen, sondern um frei von negativen Gedanken die Wohnung verlassen zu können.
Zwangsstörungen treffen häufig junge Erwachsene. Plötzlich stehen sie auf eigenen Beinen, tragen Verantwortung, für sich, für ihr Leben, für ihren Job. Manche haben sich schon als Kind zwanghaft verhalten.
Ängste und Marotten hat jeder Mensch. Sobald sie jedoch den Alltag so sehr beeinträchtigen, dass der Patient massiv leidet und er sich dagegen nicht wehren kann, spricht man von einer Zwangsstörung.
Sobald sie sich den Zwangshandlungen widersetzen, erleben sie Angst und Spannungen. Diese erscheinen den Zwangskranken so unerträglich, dass sie wieder zu ihren Ritualen greifen. Daraus entsteht ein Teufelskreis aus Unruhe, Angst und dem Ausführen der Zwänge bis zur Erschöpfung.
Die Zwangshandlungen bewirken vorübergehend eine gewisse Erleichterung und befreien die Zwangserkrankten für eine kurze Zeit von Ängsten, Unruhe und Zweifeln.
Betroffen sind in etwa gleich viele Männer wie Frauen. Statistisch gesehen leiden Frauen häufiger unter Waschzwängen, Männer unter Kontrollzwängen.
Erkrankte haben ein massives Problem mit ihrem Selbstvertrauen. In ihrem Kopf spielen sie alle Bedrohungsszenarien durch. Die Zwangshandlungen machen sie, um diese negativen Gedanken zu neutralisieren.
Fatalerweise wird durch das Ausführen des Zwangsrituals der Zwang immer stärker und die Betroffenen erreichen immer schwerer ein Gefühl der Sicherheit. Erschwerend kommt hinzu, dass Zwangskranke ohnehin ein sehr ausgeprägtes Sicherheitsbedürfnis besitzen. Häufig kommen zu einer Zwangshandlung weitere hinzu.
Die Betroffenen wissen, dass das, was sie machen, unsinnig ist. Können damit aber nicht aufhören. Sie reflektieren ihr Handeln. Selbst wenn sie wissen, dass der Herd nicht genutzt wurde, müssen sie danach schauen. Sie leiden unter massiver innerer Verunsicherung.
Erster Anlaufpunkt für Betroffene sollte der Hausarzt oder ein Psychotherapeut sein. In schweren Fällen kommen Medikamente und eine Psychotherapie zum Einsatz.
Wie eine Zwangserkrankung entsteht, ist unklar. Forscher und Therapeuten gehen davon aus, dass sowohl biologische (erbliche) als auch lern- und lebensgeschichtliche Faktoren (zum Beispiel der Umgang mit Belastungen) bei der Entstehung eine Rolle spielen.

Hier gibt es Hilfe

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„Forum Psychische Erkrankungen“ vom Projekt Probsthagen, jeden vierten Montag im Monat, 19 bis 21 Uhr,Treffen für Betroffene und Angehörige, Marienstr. 1a, Stadthagen; Ansprechpartner Albert Schott, (0 57 21) 7 60 09; nächster Termin Montag, 25. März.

Sozialpsychiatrischer Dienst des Landkreises, Leiter Franz-Josef Güster (0 57 21) 9 74 80, telefonische, vertrauliche Beratung.

nformationen und Selbsttests im Internet: www.zwaenge.de (Deutsche Gesellschaft Zwangserkrankungen)
www.dr-hartmann.de (Psychotherapeut, Selbsttest)

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