Newsletter „SN Inside“

Schweigen ist Gold manchmal

Liebe Leserinnen und Leser,

nun werden sie also doch gebraucht zur Unterbringung von ukrainischen Flüchtlingen, die Turnhallen. Drei hat der Landkreis Mitte der Woche für diesen Zweck freigegeben. Es sollen zunächst solche sein, in denen der sportliche Betrieb ohnehin vergleichsweise gering ausfällt. Was im Februar begann, hat sich längst zur veritablen Corona-Anschluss-Krise ausgeweitet, mit großen und kleinen Auswirkungen in fast allen Bereichen des Lebens.

Am Donnerstag ruft eine Frau zum Thema in der Redaktion an. Sie glaube, dass „ganz viele damit nicht einverstanden“ seien. Mit den Turnhallen. Und dass „die“ kostenlos Bahn führen, die Geflüchteten. Einen Leserbrief will sie aber nicht schreiben, nachdem es ihr angeboten wurde.

Es ist die Art von Reaktion, die größere Flucht- und Migrationsbewegungen in einigen Bevölkerungsteilen auslösen (Abgesehen mal von denen, die einfach nur einen weiteren Weg gefunden haben, ihren allgemeinen Menschenhass zu konkretisieren). Diese Leute treibt die Angst um, selbst auf der Strecke zu bleiben, während alle sich um den Fremden kümmern. In allen Ländern und Zeiten ist das so gewesen, ein kühles „Wir haben doch selbst nichts“ schlug auch Deutschen von anderen Deutschen entgegen, als unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg im Inland Flüchtlinge nach einer Bleibe suchten.

Jetzt dreht sich der Wind gegen die Menschen aus der Ukraine, oder zumindest sind diese Ansichten inzwischen wahrnehmbar: bei Gesprächen in der Sportumkleide, auf dem Parkplatz, an der Supermarktkasse und wenn in der Redaktion das Telefon klingelt. Die deutsche Rechte, wie die meisten ihrer europäischen Pendants dem autoritär regierten Russland sehr zugetan, kann sich quasi doppelt die Hände reiben. Zum einen verkauft sich in ihrer Propaganda nichts so gut wie Geschichten von sozialschmarotzenden und/oder kriminellen Ausländern, zum anderen ergibt sich die Gelegenheit, die Interessen des Autokratenkumpels zu unterstützen: Wenn der bekommt, was er will, ist der Krieg vorbei und die Heizrechnung wird günstiger, erklären AfD und Co. ihren Anhängern, wobei zu Marketingzwecken der Frieden als Motiv ins Feld geführt wird.

Ein Fest des Friedens wird wohl auch die Fußball-Weltmeisterschaft nicht. Die schönste Nebensache der Welt ist dieses Jahr hochbrisanter Politik-Zündstoff, statt Ablenkung von der einen Krise, müssen sich Fans mit einer anderen beschäftigen: der des geliebten Nationalsports. Also, keine wirtschaftliche Krise, Geld fließt da genug, aber genau das ist ja das Problem. Auch im fußballaffinen Teil der Redaktion kommt die Causa in privaten Gesprächen auffällig selten auf den Tisch, und wenn doch, geht es nicht um Paarungen und Aufstellungen, sondern nur um die eine Frage: Siehst du dir das an?

Nicht alles, sagen viele. Oder nur heimlich. Die Partien des Lieblingsteams. Das Endspiel. Vielleicht. Eigentlich möchte niemand darüber reden.

Manchmal ist Schweigen aber auch etwas Schönes.

 

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Bild der Woche

Dieses Foto von sogenannten Kelvin-Helmholtz-Wellen, einer besonderen Wolkenformation, ist in dieser Woche Vera Skamira in Stadthagen gelungen.

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