Thema des Tages

Zum Abschuss freigegeben

Von Felix David und Katharina Grimpe

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Sie streunen über Felder, Wiesen und durch Gärten und sind deshalb im Visier der Jäger: Herrenlos herumstreifende Katzen sind in Deutschland per Gesetz zum Abschuss freigegeben. Was für Katzenbesitzer und Tierfreunde schlicht abscheulich klingt, ist für andere sinnvoller Beitrag zum Schutz der Artenvielfalt in Deutschland. Schließlich gelten freilaufende und verwilderte Katzen als Gefahr für heimische Singvogelbestände und kleine Säugetiere. Im Nachbarland Nordrhein-Westfalen werden innerhalb einer Jagdsaison zwischen 8000 und 10 000 Katzen erschossen. Für Niedersachsen gibt es keine offizielle Statistik mit Zahlen zu den von Jägern getöteten Haustieren.
Tierschützer laufen Sturm gegen die Regelung, auch die Politik macht sich Gedanken, wie künftig mit wildernden Katzen umgegangen werden soll. Das Jagdgesetz ist Ländersache. Hessen und Schleswig-Holstein wollen die Streuner lieber kastrieren anstatt zu erschießen. Auch in Niedersachsen ist eine Novelle des Jagdgesetzes in Planung. Das hat Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne) angekündigt. Der Holzmindener überlegt, Jägern das Abschießen streunender Katzen und wildernder Hunde zu verbieten.
Derzeit dürfen in Niedersachsen streunende Katzen, wenn sie mehr als 300 Meter vom nächsten Haus erwischt werden, zur Strecke gebracht werden. Hunde wiederum dürfen erlegt werden, wenn sie wildern und kein Herrchen oder Frauchen in der Nähe zu finden ist. "Christian Meyer hat eine große Skepsis, ob das Schießen von Hunden und Katzen weiter notwendig ist", erklärte ein Sprecher des Landwirtschaftsministers. Stattdessen habe der Politiker "Sympathien für Regelungen wie in Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg". Dort wollen die rot-grünen Landesregierungen ab 2015 das Schießen von Haustieren verbieten und nur in Ausnahmefällen zulassen. Die Gesetze sind gerade in der Abstimmung.
Verwilderte Katzen gelten bereits seit Jahren als Problem in Niedersachsen. Die Landesregierung finanziert seit 2012 ein Modellprojekt in Verden, bei dem streunende Katzen eingesammelt und kastriert werden. Das Projekt läuft noch bis 2015, die Ergebnisse sollen dann in das neue Gesetz einfließen.
Niedersachsens Landesjägerschaft will den Status quo jedoch erhalten, lehnt also Meyers Sinneswandel ab. Es sei richtig, Jägern zu gestatten, Katzen und Hunde zu erlegen, meint Florian Rölfing, Sprecher der Landesjägerschaft Niedersachsen. Nach Schätzungen des Deutschen Jagdverbands (DJV) gibt es in Deutschland zwei Millionen verwilderte Katzen, denen jährlich etwa sechs Millionen Singvögel zum Opfer fielen. Studien würden den Einfluss von Hauskatzen auf den Rückgang einzelner Vogelarten belegen, teilt der DJV mit und verweist auf ein Gutachten der Wiener Universität für Biodiversitätsforschung. Laut des Gutachtens hätten sich die städtischen Populationen von Star und Haussperling in den vergangenen 30 Jahren halbiert. Parallel sei ein stetiger Anstieg von streunenden Katzen verzeichnet worden. Auch für den Schaumburger Kreisjägermeister Reinhold Siegmann seien die Streuner auf vier Pfoten weniger im Wald oder auf freiem Feld ein Problem, sondern innerhalb der Städte und Gemeinden. "Wir haben eine reichhaltige Vogelwelt, die durch jagende Hauskatzen stark dezimiert wird." Vor allem Jungvögel seien betroffen, erklärt Siegmann. Die Zahl der Hunde und Katzen, die in den vergangenen Jahren in Schaumburg erschossen wurden, sind Siegmann zufolge aber "verschwindend gering". Das Ordnungsamt des Landkreises teilt mit, dass im vergangenen Jagdjahr kein Haustier auf der Abschussliste stand.
Auch im Landkreis Hameln-Pyrmont "wurde in den letzten Jahren kein Katzenabschuss gemeldet", sagt Hameln-Pyrmonts Kreisjägermeister Jürgen Ziegler. "Dies zeigt, dass die Option zum Handeln sehr verantwortungsvoll gehandhabt wird." Auch Ziegler befürwortet das derzeit geltende Gesetz. Ein generelles Tötungsverbot würde in der freien Landschaft verhindern, dass im Einzelfall seltene Wildtiere vor wildernden Katzen geschützt werden könnten. Der Artenschutz von Feld- oder Wiesenbrütern müsse gewährleistet und insoweit das Erschießen als Möglichkeit zum Jagdschutz erhalten bleiben. Zu den von Katzen erbeuteten Tieren gehören neben Mäusen viele Vogelarten, Blindschleichen und andere Eidechsen, in seltenen Fällen würden auch Kaninchen oder auch Hermeline gejagt, sagt Ziegler. In mehreren Untersuchungen europäischer und amerikanischer Wissenschaftler sei nachgewiesen, dass Hauskatzen bei den frei lebenden Tieren "einen bedeutenden Schaden" anrichten.
Eine Katze könne bis zu 1000 Vögel und kleine Säuger in den Monaten März bis August erbeuten, heißt es beim Deutschen Jagdverband. "Deshalb ist fernab von Siedlungen der Abschuss das letzte Mittel und muss erhalten bleiben."
Vera Steder, Vorsitzende des Landesverbandes Niedersachsen des Deutschen Tierschutzbundes, gibt Kontra. Hunde und Katzen seien kein jagdbares Wild und gehörten daher auch nicht ins Jagdrecht. Das Tierschutzgesetz wiederum verbiete das grundlose Töten von Tieren. Steder widerspricht der Einschätzung, dass frei laufende Katzen eine große Gefahr für Vögel seien. "Man hat die Mageninhalte von frei laufenden Katzen und Katern untersucht: Vögel machten dabei nur einen kleinen Teil aus", sagt Steder. Das sei nicht verwunderlich, streunende Katzen hielten sich in der Regel in der Nähe von Menschenansiedlungen auf und ernährten sich von Abfällen.
Auch der Naturschutzbund Hameln-Pyrmont lehnt es ab, dass Katzen erschossen werden dürfen. "Flugunfähige Vogelarten gibt es bei uns nicht, und daher werden Katzen bei uns wohl keine Vogelart jemals vollständig ausrotten", meint Hans Arend aus Hessisch Oldendorf. Ein optimales Ergebnis würde man eher mit umfassenden Programmen zur Kastration beziehungsweise Sterilisation aller verwilderten Hauskatzen, kombiniert mit einer Kastrations- und Kennzeichnungspflicht für Hauskatzen mit Freigang, erzielen. Dies würde dazu führen, dass der Bestand verwilderter Katzen in kurzer Zeit deutlich abnehmen würde.

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