Drama im Eis Grönlands

„Against The Ice“: Zwei Helden frieren für Dänemark

Eine Hütte fürs Überleben: Iver Iversen (Joe Cole) im Polarforscherfilm „Against the Ice“.

Eine Hütte fürs Überleben: Iver Iversen (Joe Cole) im Polarforscherfilm „Against the Ice“.

Alabama liegt in Grönland. Das nach dem US-Bundesstaat benannte Segelschiff des dänischen Polarforschers Ejnar Mikkelsen ist dort festgefroren in einer Bucht. Und wenn die Besatzung abends beim Lampenschein zusammensitzt und mahlzeitet, erwacht aus der Diskrepanz von tödlichem Draußen und kerzenscheinerleuchtetem Innen eine beinahe hobbitmäßige Gemütlichkeit.

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Die Alabama soll Grönland für Dänemark sichern

Doch das Schiff mit dem amerikanischen Namen hat einen politischen Auftrag. Vermisste Mitglieder einer vorherigen, gescheiterten Expedition müssen gefunden, aber doch zumindest deren Dokumente gesichert werden. Hätten jene den Beweis erbracht, dass Grönland nicht aus zwei durch einen Kanal getrennten Inseln besteht, dann wären die Ansprüche der Vereinigten Staaten auf Nordostgrönland hinfällig.

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Ganz so kuschelig ist das Zusammensein also nicht. Ein erster Schlittenausflug endete nicht nur mit leeren Händen – Björnssen, dem Begleiter des Kapitäns, mussten erfrorene Zehen abgeknipst werden. Mikkelsen, gespielt von Nikolaj Coster-Waldau, dem smart-verschlagenen Jamie Lennister aus der Überserie „Game of Thrones“, will jedoch sofort auf eine weitere Mördertour. Einen Freiwilligen braucht er – jeder schaut woanders hin, nur um dem fordernden Blick zu entgehen.

Ein netter Kerl meldet sich freiwillig

Iver Iversen („Peaky Blinders“-Star Joe Cole) aber versteht das Geziere der Mannschaft nicht. Er ist erst seit Rejkjavik an Bord, Ersatz für den erkrankten Maschinisten, und ganz einfach ein netter Kerl, der sich verpflichtet fühlt, zu helfen. Mit Mikkelsen geht er auf eine Reise, die beide Männer wiederholt an den Todesrand führen soll.

Die Geschichte ist wahr und Coster-Waldau war so beeindruckt von Ejnar Mikkelsens literarischen Erinnerungen an sein entbehrungsreiches Grönlandabenteuer, dass er Drehbuch, Produktion und Hauptrolle des Films (der auf der diesjährigen Berlinale Premiere feierte) zugleich übernahm. Die Alabama-Expedition begann im Juni 1909, ab Juli 1910 waren Mikkelsen und Iversen auf sich gestellt, weil die restliche Besatzung der Alabama von einem Robbenfänger aufgenommen worden war.

Rettung war für die beiden ungewiss, bis am 19. Juli 1912 die Besatzung eines norwegischen Dampfers an ihrer provisorischen Hütte klopfte. Drei Jahre in Grönland – unmittelbar nach ihrer Heimkehr wurden Mikkelsen und Iversen für ihre Ausdauer und Verdienste um Dänemark als Helden gefeiert. Um danach im Rest der Welt allmählich in Vergessenheit zu geraten – bis zu diesem Film.

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Zwei gegensätzliche Charaktere nähern sich an

Der eine ganze Weile spannend bleibt und stets die übermenschliche Anstrengung vor Augen führt. Schön und schroff ist das überhaupt nicht grüne Grönland. Und die beiden Männer müssen mit ihren proviantbeladenen Schlitten über Schnee und über Geröll und ziehen die Gefährte samt ihrer Hunde steile Eisklippen hoch.

Der verschlossene, eher schwermütige Expeditionsleiter hat in dem singenden, dauerquasselnden Ivar ein kongeniales Gegenüber. Anfangs weist der Chef die Munterkeiten des Subordinierten freilich schroff zurück – erst recht, als Ivars Schlitten durch die Unachtsamkeit seines Lenkers in eine Eisspalte rutscht. Die Hälfte des Tees ist weg, eine Dose Paraffin und – besonders tragisch – Hundefutter für zwei Wochen.

Tierfreunde haben es schwer - Hier sterben Hunde

Sowie ein Husky, der in die Tiefe stürzt. „Das war nur ein Hund“, knurrt Mikkelsen dem betrübten Iversen da ungerührt zu. Tierfreunde unter den Streamern müssen später noch ein weiteres Mal schwer schnaufen, denn das schwächste Tier im Gespann wird geopfert – standrechtlich erschossen und an die Meute verfüttert.

Die Kamera zeigt weder Sturz noch Schuss, aber an Tag 164 (der Film ist durchsetzt von Tagestafeln) marschieren die Männer ganz ohne Meute mit leichtem Gepäck durch die Wildnis. Und da Hunde sich nicht nach getaner Arbeit in Luft auflösen, reimt man sich das Schicksal der Gespanne zusammen. Großer Seufzer.

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Höhepunkt ist der Angriff eines Eisbären

Immer wieder setzt der dänische Regisseur Peter Flinth, Spezialist für Mittelalterfilme wie „Das Auge des Adlers“ (1997) oder „Arn – Der Kreuzritter“ (2007), Höhepunkte. Der höchste ist wohl der Angriff eines (digitalen) Eisbärs, der Mikkelsen so grob anzubeißen versucht wie einst der Grizzly in Alejandro G. Iñárritus „The Revenant“ (2015) den von Leonardo DiCaprio gespielten Trapper Hugh Glass.

Und weil der Angriff auf gefrorenem Gewässer stattfindet, kann Flinth actionmäßig noch einen draufsetzen. Denn das unter Iversens Rettungsschüssen kollabierende Raubtier bricht ein und reißt Mikkelsen mit sich unter Wasser wie weiland Moby Dick den eifernden Kapitän Ahab.

Damit hat es sich aber auch schon mit Adrenalinmomenten und dem Spektakel. Ab jetzt wird vom Überleben durch Annäherung erzählt. Und dazu redet man unter Männern am besten über Frauen. Die Schürzenträgerinnen auf der Postkarte einer Haushälterinnenschule werden von den beiden Männern mit Namen versehen. Iversen gesteht Mikkelsen, dass ihn sein Vater ins Rotlichtviertel geschleppt hat, um ihm das andere Geschlecht nahezubringen. Mikkelsens Vater hatte dem Sohn dagegen eine Station für Geschlechtskrankheiten gezeigt.

Gegen Ende wird das Drama (zu) ruhig

Der Film wird ruhiger und bleibt ruhig, auch als das in einer provisorischen, aus Resten der vom Eis zerquetschten Alabama erbauten Hütte überwinternde Duo zu einer letzten großen Wanderung aufbricht (und – kaum zu glauben – es tatsächlich versäumt, einen „Überlebensbrief“ für etwaige Rettungskommandos zu hinterlassen). Und sogar als schließlich der Wahnsinn heraufzieht in der Eiseinsamkeit, im lähmenden Warten auf Nichts, lässt das den Betrachter, nun ja, eher kalt.

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Wie das Schicksal seiner Landsmänner am Ende auch den Minister Neergaard kalt lässt, der im Warmen seiner Residenz in Kopenhagen sitzt, und nicht noch einmal Geld für die Errettung der womöglich eh schon erfrorenen Seefahrer ausgeben möchte. Der britische Schauspieler Charles Dance, der in „Game of Thrones“ Coster-Waldaus Vater Tywin Lennister war, spielt auch diese Rolle in gewohnt cäsarianischer Erhabenheit und Arroganz. Die Ergebnisse müssen nach Hause gebracht werden, so spricht er in einer pathetischen Rede über Forschungsreisen.

Ob die Menschen, die sie errungen haben, mit ihnen heimkehren, ist nicht von Belang.

„Against The Ice“, Film, 102 Minuten, Regie: Peter Flinth, mit Nikolaj Coster-Waldau, Joe Cole, Charles Dance (streambar bei Netflix)

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