Bridget Everett als Provinzmauerblümchen

Dicke Hüften, dicke Macken: die Sky-Dramedy „Somebody Somewhere“

Bridget Everett spielt in der Dramaserie „Somebody Somewhere“ des Senders Sky ihre eigene Biografie als Provinzmauerblümchen.

Bridget Everett spielt in der Dramaserie „Somebody Somewhere“ des Senders Sky ihre eigene Biografie als Provinzmauerblümchen.

Wenn Fernsehserien über weibliche Singles mittleren Alters mit hohem Körperfettanteil „Somebody Somewhere“ heißen, dürfte es sich bei irgendwem irgendwo laut Fernsehseriengesetz um irgendwas von Mr. Big bis Perfect handeln – emotional zupackende Männer also, die alleinstehende Frauen wie Sam irgendwann glücklicher machen. Hach! Auch nach dem Gipfel der 90er sind Leinwand und Bildschirm eben gut gefüllt mit Romantic Comedys, in denen es Schmetterlinge regnet, danach Tränen, am Ende Rosen und zwischendurch Pointen.

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Wer vom HBO-Siebenteiler „Somebody Somewhere“ jedoch romantischen Humor einer fülligen Hauptfigur mittleren Alters auf der Jagd nach Mr. Big bis Perfect erwartet, kennt ihre Darstellerin schlecht. Gestählt auf Stand-up-Bühnen jeder Größe, macht Bridget Everett den eigenen Leibesumfang seit Jahren schon entwaffnend ehrlich zum Objekt bitterböser Gesellschaftsanalysen. Ihr Serien-Alter-Ego mag da auf Sky ähnlich korpulent, zynisch, einsam, derbe und fragil sein, wie sie selbst es mal war; eines ist Everetts Mauerblümchen bei aller Abweichung vom selbstoptimierten Mainstream nicht – ein Tampon.

Sam fällt aus jedem Nachbarschaftsraster

Zur Erklärung: Wie einst die kleine Bridget lebt die große Sam weiterhin in Manhattan – nur eben nicht in New York, sondern in Kansas, wo der Westen kaum mittlerer, also konservativer sein könnte. Nachdem Everett 1972 in der einst noch progressiveren Kleinstadt geboren wurde, verschwanden schließlich sukzessive die Demokraten aus Rathäusern, die Evolutionslehre aus Schulen und die Homoehe aus Standesämtern. Kein gutes Pflaster für unverheiratete Frauen mit schlecht bezahltem Fließbandjob also. Und nicht nur das.

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Vater Ed (Mike Hagerty) ist arbeitssüchtig und Mutter Mary (Jane Drake Brody) alkoholsüchtig, Schwester Tricia (Mary Catherine Garrison) kontrollsüchtig und Schwager Rick (Danny McCarthy) spielsüchtig. Die halbe Familie trägt Normabweichungen mit sich rum, die sie nach Kräften vor anderen verbirgt. Weil ihr Übergewicht unübersehbarer ist, fällt deshalb nur die sittenwidrig unverheiratete Sam aus jedem Nachbarschaftsraster – bis sie in der christlichen Gemeinde des früheren Mitschülers Joel (Jeff Hiller) ihr Erweckungserlebnis hat.

Am Rande eines öden Einkaufszentrums nämlich hat der schwule Kauz mit dem Pferdegebiss eine Kleinkunstbühne eröffnet, auf der Sam ihr stilles Talent zum Ausdruck bringt: Singen. Und als der transsexuelle Conférencier Fred Rococo (Murray Hill) erfährt, sie sei dafür gemobbt worden, angeblich Tampons gelutscht zu haben, wird ihr Spitzname von damals zum Künstlernamen von heute: Sampire. Vermutlich lutsche – „somebody somewhere“ – tatsächlich jemand daran, legt er den Serientitel jenseits hollywoodtauglicher Romantik fest, fügt fröhlich „Gott möge ihn segnen“ hinzu und lässt nach 20 von 200 Serienminuten die Erkenntnis in Sam alias Sampire wachsen: Hier darf ich sein, was ich bin.

Wohlfühlfernsehen für Untergebutterte

Nur: Was ist sie? Bis zu dieser Einsicht bleibt der Weg steinig – sonst wäre es von hier an ja bloß eine Romcom mehr. Nach Büchern von Hannah Bos und Paul Thureen inszenieren Jay Duplass und Robert Cohen hingegen eine Tragikomödie stressresilienter Selbstermächtigung im soziokulturellen Feindesland, die Freiheitsfeinden von Trump bis Höcke zwangsverabreicht werden müsste. Das Fabelhafte daran ist nämlich die Beiläufigkeit, mit der Underdogs ihre Außergewöhnlichkeit zu Markte tragen.

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Dicke Brillen, dicke Hüften, dicke Macken: alles augenscheinlich, aber nicht aufdringlich, wie das richtige Leben im Falschen also ohne erhobenen Zeigefinger vielfältig. Und wenn Sam mit Joel die Durchhalteparole „Don’t Give Up“ von Kate Bush und Peter Gabriel singt, kriegen ohnehin nur Steine keine Gänsehaut. Wohlfühlfernsehen für Untergebutterte – irgendwie irgendwas ganz Besonderes.

„Somebody Somewhere“, Sky, mit Bridget Everett, ab 7. April streambar

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