Die überdrehten Pop-Päpste: “The New Pope” bei Sky gestartet

Die Päpste in “The New Pope” kommen und gehen: Schauspieler Marcello Romolo als Papst Franziskus II. in einer Szene der ersten Episode der neuen Serie von Paolo Sorrentino.

Die Päpste in “The New Pope” kommen und gehen: Schauspieler Marcello Romolo als Papst Franziskus II. in einer Szene der ersten Episode der neuen Serie von Paolo Sorrentino.

Die weißen Tauben sind müde? Von wegen! Weil unsere Welt weiter zerrüttet ist, kriegerisch und finster, lassen die einst von Popbarde Hans Hartz besungenen Friedensbotschafter ihre Flügel nicht hängen, sondern greifen beherzt ein. Auf dem Petersplatz etwa stammelt Franziskus II. gerade eine Antrittsrede vom Balkon, die sein Sekretär Voiello geschrieben hat – da klaut ein Exemplar der Familie Columbidae das Manuskript. Schweigen, Panik.

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Doch ohne Voiellos Worte gewinnt das willige Werkzeug des vatikanischen Establishments sofort an Selbstbewusstsein, predigt wie sein derzeit amtierendes Vorbild mit der Ordnungsnummer I Wasser statt Wein und wirbelt die gefestigte Männermachtgesellschaft durcheinander.

Der neue Papst ist ein Revoluzzer

Es ist ein Bruch mit diversen Riten, mit dem Paolo Sorrentino die Fortsetzung seiner famosen HBO-Serie “The Young Pope” auf Sky einleitet. Weil der junge Papst todkrank im Koma liegt, wird er von “The New Pope” ersetzt, wie die zehn neuen Episoden übertitelt sind. Der neue Papst ist allerdings kein Zählkandidat, sondern ein Revoluzzer, der sich muslimische Kriegsflüchtlinge ins Haus Christi holt, eine Armee aus Bettelmönchen aufstellt und die skandalgeschüttelte Kurie damit wahlweise in Ekstase versetzen oder ihr den Todesstoß beibringen könnte.

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Weil sie beides gleichsam fürchtet, stirbt Franziskus II. jedoch noch in Folge eins eines rätselhaften Todes und wird gegen den aristokratischen Dandy John Brannox ausgetauscht, womit der Wahnsinn weiter- und weiter- und weitergeht.

Diabolisch – Johannes Paul III. wird von John Malkovich gespielt

Der künftige Johannes Paul III. wird nämlich vom diabolischen Genie John Malkovich verkörpert, was zwar irgendwie gottlos klingt – aber auch nicht mehr als sein Vorgänger, dem Jude Law eine so flamboyante Coolness verleiht, dass eine Ordensschwester im Angesicht des halbnackten Komapatienten zum Staffelauftakt masturbiert. Man kommt aus dem Staunen also abermals kaum raus, wenn der Showrunner den Vatikan auf links dreht.

Gewiss, Sex und Crime spielen seit jeher Hauptrollen, wo Film und Fernsehen Päpste inszenieren. Bislang taten sie das jedoch meist in Historienepen, wo die weltlichen Herrschenden von Borgia bis Medici zum Machterhalt reihenweise Stellvertreter Christi auf Gottes Thron platzierten.

Antifa-Leute mit dem Papst auf dem Kapuzenpulli

Die drei neuen TV-Päpste dagegen sind bei aller Restlibido anders, zeitgenössischer vor allem, poppiger. Johannes Paul III., kaum zufällig Namensvetter des eher reaktionären Kümmerers aus Polen, hat demnach nicht nur mit den rachsüchtigen Fans des getöteten Franziskus II., kaum zufällig Namensvetter des amtierenden Volkspapstes, zu kämpfen, sondern mehr noch mit denen des kranken Pius XIII., kaum zufällig Namensvetter des Amtsinhabers während der NS-Zeit.

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Äußerlich autonome Antifas mit Papst auf dem Kapuzenpulli, bedrohen sie das Pontifikat des Nachfolgers fast mehr noch als die Kurie – die ihn ja auch deshalb wollte, weil er Geheimnisse mit sich trägt. Den toten Zwillingsbruder etwa oder die Vatikan-Sprecherin Sofia (Céline de France), mit der er ein besonderes Verhältnis pflegt.

“The New Pope” ist sensationell unterhaltsam

Alles ganz schön wirr, was Sky uns da ab sofort auftischt. Alles aber auch sensationell unterhaltsam, weil bildgewaltig, kreativ, präzise und wunderschön. Kein Wunder – erinnern doch alle Produktionen Paolo Sorrentinos ästhetisch an Federico Fellinis pompöse Gesellschaftsgemälde, bei denen jede Figur zwar irgendwie überzogen war, aber gerade deshalb von so umwerfender Wahrhaftigkeit.

Denn wenn sich John Brannox mit kajalschwarzer Augenpartie auf einem Kanapee seines englischen Landsitzes räkelt, während ihn Kardinäle im roten Ornat um die Amtsübernahme anbetteln, wird die kirchliche Machtlosigkeit ebenso klar wie ihre Machtanbetung – daran ändern auch Auftritte christlicher Antipoden von Sharon Stone bis Marilyn Manson nichts, die JPIII “wegen ihres Freiheitsdrangs” zur Audienz bittet. In der Kurie wird auch am Ende dieser Serie alles beim Alten bleiben. Oder wie es Hans Hartz singen würde: “Jedoch die Falken fliegen weiter.” In dem Fall allerdings schön anzusehen.

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