Filmdrama über TV-Evangelisten

Eine Unschuld im Halleluja-Business – Jessica Chastain glänzt in „The Eyes of Tammy Faye“

Leben mit Gott – im Luxus: Tammy Faye Bakker (Jessica Chastain) sieht keinen Widerspruch in einem gottgefälligen Dasein, das von Wohlstand durchwirkt ist. Szene aus dem Biopic „The Eyes of Tammy Faye“, das beim Streamingdienst Disney+ zu sehen ist.

Leben mit Gott – im Luxus: Tammy Faye Bakker (Jessica Chastain) sieht keinen Widerspruch in einem gottgefälligen Dasein, das von Wohlstand durchwirkt ist. Szene aus dem Biopic „The Eyes of Tammy Faye“, das beim Streamingdienst Disney+ zu sehen ist.

Die meisten von Amerikas weißen Fernsehpredigern wirkten auf eher nüchterne europäische Kirchgänger und Nichtkirchgänger immer schon eher amüsierend bis verstörend. Würden sie nicht jenseits ihres allzu euphorischen „Hallelujah“-Getues auch noch eine oft politische Agenda betreiben, die auf eine Abspaltung von Minderheiten der Gemeinde abzielt statt christliche Werte verteidigt, kämen sie einem vor wie übertourende Clowns. Der Teleevangelist Jim Bakker war in den vergangenen Jahren wieder sehr clownesk – schob Hurricane Matthew Barack Obama in die Schuhe, sang das Trumpeslob und versuchte überdies absurde „Heilmittel“ gegen das Coronavirus zu versilbern. Seine große Zeit war da längst vorbei, Gott sei Dank. Tammy Faye, seine Frau, die Michael Showalter („The Big Sick“) in den Mittelpunkt seines neuen Films „The Eyesof Tammy Faye“ stellt, starb bereits vor 15 Jahren – an Krebs.

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Eigentlich wollte Jim Bakker (Andrew Garfield) Mitte der Fünfzigerjahre Rock-‘n‘-Roll-DJ werden. Er mochte Little Richard, Buddy Holly und vor allem Fats Domino und er mochte, „wenn die Leute anfingen zu tanzen“. Dann überfuhr er ein kleines Kind mit dem Auto seines Vaters und schwor zu Gott, dass, würde der den Jungen wieder gesund machen, er ihm sein Leben widmen würde.

Bakkers Credo: Sex ist gut, Wohlstand ist gut, der Mensch soll blühen

Das erzählt er der hübschen Tamara Faye LaValley (Jessica Chastain) nach dem Predigerseminar. Der unkonventionell religiösen jungen Frau gefällt das Positive in Bakkers Reden. Der Mensch solle blühen, lieben, leben, dafür plädiert der blasse Jüngling auf der Bühne. Die Freiheit zu lieben begründet er mit dem Hohelied Salomos. Und – zum Missfallen des Seminarleiters – wird auch der „american way of capitalism“ ins Gebet genommen. Wohlstand ist gut.

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Damit hat er die in ärmlichen Verhältnissen mit einer freudlosen Mutter aufgewachsene Tammy Faye erobert, für die Jesus ganz klar nie ein Postulat der Prüderie aufgestellt hat. Auf seinem Bett unter einem Kreuz greift sie in seinen Schritt, umfasst er ihre Brust.

Und im nächsten Bild sind die beiden auch schon verheiratet und schauen zu Hause bei ihrer Mutter vorbei. Der Zuschauer begleitet ihren Aufstieg von Fernsehevangelisten und Puppenspielern für ein kindliches Publikum bis hin zu ihrem christlichen Medienimperium mit Millionenpublikum. Bis der steinreiche Jim über die Zweckentfremdung von Spendengeldern stolperte. Das PTL-Reich (PTL steht für „praise the lord“, also „Lobe den Herrn“) zerfiel, Jim Bakker ging ins Gefängnis. Und in Tammy Lees Augen, so Showalters Resultat, fand man immer noch den gütigen Gott.

Der Film hangelt sich am Leben seiner Titelfigur entlang

Eine künstlerisch ambitionierte Gestaltung des Stoffs ist nicht auszumachen. Das Biopic über zwei religiös Verzückte, ihren Triumph und ihr Scheitern läuft an Tammy Fayes Leben entlang wie Fenton Baileys und Randy Barbatos gleichnamige Doku aus dem Jahr 2000.

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Mit der Rolle der Tammy Faye Bakker könnte Jessica Chastainam Sonntag (27. März) den Oscar für die beste Hauptdarstellerin gewinnen.

Mit der Rolle der Tammy Faye Bakker könnte Jessica Chastainam Sonntag (27. März) den Oscar für die beste Hauptdarstellerin gewinnen.

Ebenso wenig geben sich der Regisseur und sein Drehbuchautor Abe Sylvia Mühe mit einer differenzierten Charakterzeichnung. Jenseits der beiden Bakkers haben wenige Personen Tiefe – allenfalls Cherry Jones („Verschwiegen“) als Tammy Fayes Liebesbezeugungen äußerst abholde Mutter Rachel bekommt Konturen. Und Vincent D‘Onofrio („Hawkeye“, „Daredevil“) ist überzeugend als Gottesmobster Jerry Falwell, ein homophober Anhänger der Republikanischen Partei. Er will die Organisation der Bakkers übernehmen, und als die Dinge in Schieflage geraten, bestellt er Verräter, um den Umsturz vollziehen zu können.

Garfields glucksende Glückseligkeit ist sehenswert

Garfield ist gut in der glucksenden Glückseligkeit des Evangeliumssprühens, hinter der üppigen Fröhlichkeit linst immer mal wieder der ängstliche und heulsusige Mensch hervor, der Jim Bakker vor allem ist. Seine Gaunereien, mit denen er sich am finanziellen Wohlwollen seiner Schäfchen bereichert hat, werden nur kurz umrissen – im Schlagzeilengewitter der Medien, das auf dem Bildschirm blitzt.

Showalter und Sylvia wollen ihr Protagonistenpaar offenkundig nicht über Gebühr diskreditieren, um Zuschauers Empathie zu erhalten. Der Vorwurf einer Vergewaltigung, den Bakker Ende der Achtzigerjahre mit Schweigegeld vertuscht haben soll, wird kaum erwähnt. Von dem „armen Mädchen“ ist einmal die Rede.

Der Film ist eine One-Woman-Show für Jessica Chastain

Der Hauptgrund, sich dieses Drama mit dem sehr amerikanischen Thema anzuschauen, ist natürlich Jessica Chastain. Die Kalifornierin („Zero Dark Thirty“, „Fräulein Julie“), zählt nach wie vor zu Hollywoods Königsklasse und „The Eyes of Tammy Faye“ ist ganz klar ihre Show. Tammy Faye ist die Unschuld im Halleluja-Business, die Aufrichtige, die ehrlich zu Jesus findet und seiner Idee der Nächstenliebe ihr Leben lang treu bleibt.

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Tammy Faye steht zu ihrem Mann auch, als der ins Rutschen kommt. Und selbst, als sie den Umgarnungen eines Nashville-Produzenten, der sie zum christlichen Popsuperstar aufbauen möchte („du bist das Beste was ich seit dem ‚Monster Mash‘ gemacht habe“), erliegt, verliert sie nicht ihre Integrität. Chastain spielt ihre Figur superb – einen Menschen, der ganz aus Liebe, Offenheit und Enthusiasmus besteht und dem Bigotterie fremd ist. Am Sonntag (27. März) könnte sie damit den Oscar für die beste Hauptdarstellerin gewinnen.

Denkmal für eine wahre Advokatin des Guten

So ist dieser Film das Denkmal einer Advokatin des Guten, die vorbildlich vorurteilsfrei durchs Leben zog. Höhepunkt des Films ist Tammy Fayes berühmtes Fernsehinterview mit einem HIV-Infizierten, dessen Antworten auf Fragen nach Selbsterkenntnis und Ausgrenzung sie (und auch den Betrachter) zu Tränen rühren. Weil Tammy Faye Bakker alle in ihre Kirche einbezog, als die meisten Prediger des amerikanischen Popchristentums Homosexualität noch als krank verdammten (und nicht nur wegen ihrer Vorliebe für Lippenstift, Lidstrich und mächtig Mascara) wurde sie zu einem Bezugspunkt der Schwulen- und Lesbenszene. Drag Queen Ru Paul übernahm vor 22 Jahren die Moderation der Tammy-Faye-Doku.

Das sagt Tammy Faye im Film: „Ich sehe sie nicht als homosexuell. Ich sehe sie als andere Menschen, die ich liebe. Gott hat nicht gepfuscht.“ Tja, genau so.

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„The Eyes of Tammy Faye“, Film, 129 Minuten, Regie: Michael Showalter, mit Jessica Chastain, Andrew Garfield, Vincent D‘Onofrio, Cherry Jones, Sam Jaeger (streambar bei Disney+)

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