Florian Bartholomäi: Keiner spielte den Bösewicht im „Tatort“ öfter als er

Mörderisch gut: Schauspieler Florian Bartholomäi (links) tritt als Psychopath bereits zum dritten Mal gegen seinen Intimfeind, Kommissar Faber (Jörg Hartmann), an.

Mörderisch gut: Schauspieler Florian Bartholomäi (links) tritt als Psychopath bereits zum dritten Mal gegen seinen Intimfeind, Kommissar Faber (Jörg Hartmann), an.

Viele Schauspieler sagen, dass Sie gern den Bösewicht spielen, weil der facettenreicher ist.

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Ja, es sind aber oft auch die einfacheren Rollen. Es ist viel schwieriger, den Guten zu spielen. Der hat nichts, um sich zu verteidigen. Der Böse hat immer etwas, was er bekommen will. Da ist es fast leichter, den zu spielen. Aber natürlich ist es auch sehr reizvoll. Immer, wenn ich einen guten Kerl spiele, denke ich mir: „Wie wehrt der sich?“ Mit welchen Waffen verteidigt man sich, wenn man sich immer an die Regeln halten muss? Meinen ersten „Tatort“ habe ich 2005 gedreht. In den letzten 15 Jahren habe ich da schon oft und gern den Bösewicht gespielt.

Am beliebtesten ist Ihre Rolle des Psychopathen Markus Graf, der immer wieder im Dortmunder „Tatort“ auftaucht.

Die Rolle von Graf war anfangs so nicht abzusehen. Vor allem, dass die Leute das so toll finden. Man hat mir damals gesagt, dass sie mich immer mal zurückholen würden. Das hat mich natürlich wahnsinnig gefreut.

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Sie spielen den Intimfeind von Kommissar Faber und haben eventuell seine Frau und sein Kind umgebracht.

Ich finde das ja sehr spannend, wenn man einen Ermittler hat, der genauso fix und fertig ist wie der Bösewicht. Der steht halt nur auf der anderen Seite. Aber er hat die gleiche Psyche, um einen Charakter wie meinen Bösewicht zu verstehen. Ich finde es unheimlich spannend, welche Figur hier mit Kommissar Faber kreiert wurde. Eben nicht ein Saubermann, sondern einer, der auch fertig mit der Welt ist und dadurch ein anderes Verständnis für die Bösen hat. Er kann Empathie für Bösewichte aufbauen und kommt dadurch der Lösung der Fälle näher.

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Wie nähert man sich eigentlich so einem Charakter an?

Das ist ganz schwierig, weil man ja den Spaß am Quälen nachvollziehen muss. Wo geht man da in sich selbst mal auf die Suche? Dann hat mir tatsächlich Jörg Hartmann, der den Faber spielt, sehr geholfen, weil wir unglaublich viel Spaß daran hatten, uns gegenseitig zu nerven – im positiven Sinne. Wir haben uns intellektuell auf den Arm genommen. Das hat die Tür geöffnet für eine Verhandlung, die man miteinander führt. Man versucht halt, beim anderen die Daumenschraube noch etwas enger zu drehen und noch einen fieseren Satz zu sagen. Wenn ich mich meiner Rolle inhaltlich noch mehr genähert hätte, hätte ich bestimmt gesagt: „Mein Gott, das ist ja schrecklich, was der alles gemacht hat!“ Wie kriege ich die Schere zu mir und dem, was ich da spielen soll, hin? Aber das ging tatsächlich durch den Sadismus, den wir im Vexierspiel betrieben haben. Ich bin Jörg wahnsinnig dankbar. Ohne ihn gäbe es meine Rolle gar nicht. Wir sind so ein bisschen wie Batman und Joker. Den einen gäbe es ohne den anderen nicht.

Gibt es filmische Vorbilder?

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Als Jugendlicher fand ich „Das Schweigen der Lämmer“ toll. Man schaut man sich an, wie andere Psychopathen in Filmen gespielt wurden. Auch Javier Bardem in „No Country for Old Men“ ist großartig. Diese Kaltherzigkeit, alle Emotionen ausschalten zu können. Das muss man sich als Schauspieler so ein bisschen antrainieren. Wenn man normalerweise eine neue Figur für sich erschließen will, sucht man nach deren Emotionen. Aber bei der Figur Graf musste ich viele Emotionen ausschalten lernen. Es bleibt nur der Spaß, wie man jemanden fertigmachen kann. (lacht)

Bis heute gilt Kannibale Hannibal Lecter (Anthony Hopkins) in „Das Schweigen der Lämmer“ (1991) als Urserienkiller.

Bis heute gilt Kannibale Hannibal Lecter (Anthony Hopkins) in „Das Schweigen der Lämmer“ (1991) als Urserienkiller.

Wie war das in den Drehpausen? Haben Sie und Jörg Hartmann zusammen Mittag gegessen, oder hat sich jeder in seine Ecke verzogen, um in seiner Rolle zu bleiben?

Immer wenn wir ans Set kamen, war zwischen uns schon eine gewisse Grundspannung. Das haben wir in all den Jahren nie ganz sein lassen. Wir umarmen uns und sind total freundlich und kollegial zueinander, aber es schwang die ganze Zeit auch so eine Grundstimmung mit, wie man dem anderen einen fiesen Spruch reindrücken kann. (lacht)

War es von Anfang an klar, dass Sie so oft im Dortmunder „Tatort“ auftauchen würden?

Nein, überhaupt nicht. Wir haben 2014 den ersten Fall „Auf ewig Dein“ gedreht. Während der Dreharbeiten meinte Jörg Hartmann zu mir: „Das ist doch überhaupt noch nicht auserzählt. Du musst wiederkommen.“ Ich guckte ihn an und antwortete: „Sag das doch mal der Produzentin.“ (lacht) Dann kam der „Tatort“ sehr gut an und ich wurde zurückgeholt. Das war aber überhaupt nicht so geplant. Ich finde es natürlich toll, dass der „Tatort“ wieder einmal sehr experimentierfreudig ist. Dass ein Bösewicht ein drittes Mal zu sehen ist, gab es, soweit ich weiß, noch nie.

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Vor allem werden Sie in den anderen Dortmunder „Tatort“-Fällen, in denen Sie nicht mitspielen, trotzdem immer mal wieder erwähnt.

Ich habe Aylin Tezel mal in einem Hotel in Köln getroffen, als ich einen anderen Film für die ARD gedreht habe, und da meinte sie zu mir: „Du hingst gestern bei uns an der Ermittlungswand!" (lacht) Mir war das selbst gar nicht so bewusst, dass ich auch eine Rolle in den „Tatorten“ spiele, in denen ich nicht zu sehen bin.

Der Titel des „Tatorts“ lautet „Monster“. Wer ist damit gemeint?

Es geht unter anderem um Kinderpornografie, also ein sehr düsteres Thema. Die Betreiber solcher Seiten sind natürlich Monster. Leute, die davon betroffen sind und merken, sie sind pädophil, sich aber keine Hilfe holen, sondern diesem Drang wirklich nachgeben, sind für mich genauso Monster. Aber es ist doch auch ein furchtbarer Zustand, wenn jemand merkt, dass er diese Neigung hat, und sich nicht zu helfen weiß. Es ist ein Monster in einem, was man gar nicht bändigen kann. Schlimm.

Was glauben Sie, warum Ihr Psychopath so gut bei den Zuschauern ankommt?

Gute Frage. Mir haben Leute gesagt, dass sie es ganz toll finden, wie ich diesen Psychopathen spiele. Ich habe dann zurückgefragt: „Warum findest du das denn toll?“ Aber das ist ja auch das Spannende für den Zuschauer, dass er sich selbst hinterfragen kann, woher diese Sympathie für einen durch und durch bösen Charakter kommt. In einer Welt, in der sich jeder fast nur noch um sich selbst kümmert und selbst optimiert, kann er 90 Minuten lang versuchen, sich empathisch in eine andere Figur hineinzuversetzen. Das ist ja das Schöne an Filmen oder am Theater, dass ich mich für eine bestimmte Zeit nicht mit meinen Problemen beschäftige, sondern mit denen von anderen.

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Vor allem haben Sie den Markus Graf schon mit Bart und komplett glatt rasiert gespielt. Das heißt, Sie können sich privat gar nicht hinter einem anderen Aussehen „verstecken“.

Immer, wenn ich nach einer „Tatort“-Ausstrahlung am nächsten Morgen zum Bäcker gehe, kommen schon viele Blicke, weil einfach sehr viele Leute den „Tatort“ sehen. Manchen steht dann ins Gesicht geschrieben: „Den kenne ich doch!“ (lacht)

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In der zweiten Staffel der britischen Serie „The Missing“ haben Sie im letzten Jahr einen netten Polizisten gespielt.

Das sind die schwierigsten Rollen für mich. Ich musste mir beim Dreh immer wieder sagen, dass ich nichts Böses will. (lacht) Ich habe den Machern der Serie auch gesagt, dass ich in Deutschland oft psychisch schwierige Rollen spiele und oft als Bösewicht besetzt werde. Die wollten mir das überhaupt nicht glauben und meinten: „Echt? Du bist doch ein total netter Typ.“ (lacht) In dem Ensemble von „The Missing“ ist es wirklich die einzige Figur, die nett ist. Allerdings ist es auch die erste Figur, die stirbt. (lacht)

Wann sieht man Sie denn das nächste Mal wieder in einer anderen Rolle?

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Im März und April kommen zwei Filme ins Kino. Im Thriller „Kahlschlag“ geht es um zwei Freunde, die angeln gehen, um ihre Freundschaft wieder hinzubiegen. Der andere Film heißt „Leif in Concert – Vol. 2“ und spielt in einer Bar. Da komme ich als perfekter Schwiegersohn mit meiner Großmutter rein. Ich spiele also mal etwas ganz anderes. (lacht)

RND

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