RND-Interview

Undercover-Reporter Günter Wallraff: „Am Anfang wurde ich fast wie ein Krimineller behandelt“

Der Journalist Günter Wallraff Mitte September beim Deutschen Fernsehpreis.

Der Journalist Günter Wallraff Mitte September beim Deutschen Fernsehpreis.

Der Investigativjournalist Günter Wallraff wird am 1. Oktober 80 Jahre alt. Vorab würdigt ihn der Sender RTL mit der Doku „Günter Wallraff, der Rollenspieler – das Leben eines Aufklärers“, die am 29. September um 22.35 Uhr läuft und von Grimmepreisträger Lutz Hachmeister produziert wurde. Bei RTL ermittelt Wallraff seit zehn Jahren, erst in seinen Undercover-Reportagen „Günter Wallraff deckt auf!“, später in „Team Wallraff – Reporter Undercover“. Und bereits in den Jahrzehnten zuvor war Wallraff als Investigativreporter tätig, veröffentlichte unter anderem mehrere Bücher über seine Recherchen.

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Herr Wallraff, wenn Sie auf Ihre Karriere zurückblicken: Welche Recherche oder welches Projekt hat Sie am meisten geprägt?

Das war keine journalistische Recherche, sondern eine Menschenrechtsinitiative in Griechenland während der Militärdiktatur. Ich hatte viele griechische Freunde, die mir damals von Verschleppung und Folter berichtet haben. Ich kann mich gut mit Menschen identifizieren, die rechtlos sind. Damals hat die Bundesrepublik dieses griechische Faschistenregime zum Teil unterstützt, zum Teil geduldet. So habe ich mich, in der Rolle eines anonymen Griechen, am Syntagma-Platz in Athen angekettet und Flugblätter gegen das Regime verteilt. Ich hatte ein halbes bis zwei Jahre Gefängnis und Folter einkalkuliert. Ich bin noch an Ort und Stelle zusammengeschlagen worden. Es folgten Folterverhöre und eine Verurteilung zu 14 Monaten Haft.

Was hat das mit Ihnen gemacht?

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Diese Zeit in der Haft hat mich auch von Oberflächlichkeiten befreit. Menschenrechtsinitiativen und journalistische Projekte sind bei mir manchmal schwer zu trennen. Natürlich muss ich bei Veröffentlichungen stets alles beweiskräftig dokumentieren können. Die meisten meiner Bücher standen bei Prozessen auf dem Prüfstand. Doch ich habe die Prozesse gegen mich alle gewonnen, bis auf ein paar Nebensätze. So sind meine Veröffentlichungen zu einem großen Teil gerichtsbeglaubigt: Am Anfang wurde ich fast wie ein Krimineller behandelt, weil ich andere Identitäten angenommen habe, um Missstände aufzudecken.

Was für Fortschritte konnten Sie erreichen?

Im jahrelangen Prozess mit der „Bild“-Zeitung, der ich unter dem Aliasnamen „Esser wie Messer“ zuvor Fälschungen bis hin zum Rufmord nachgewiesen habe, wurde meine Methode in oberster Instanz nicht nur gebilligt, sondern als grundsätzliche Notwendigkeit anerkannt. Es gibt seitdem das Grundsatzurteil „Lex Wallraff“, in dem es heißt: Wenn es um gravierende Missstände geht, hat die Öffentlichkeit ein Recht, darüber informiert zu werden, auch wenn es unter Täuschung oder Identitätswechsel zustande gekommen ist. Inzwischen gibt es auch andere Kollegen, die davon Gebrauch machen und juristisch dadurch abgesichert sind. Das ist für mich eine Genugtuung.

Sie waren international mit Ihrer Arbeit auch Vorbild für nachkommende Investigativjournalisten und -journalistinnen.

Ja, im Ausland habe ich einige Nachfolger. In Italien zum Beispiel Fabrizio Gatti, in Mexiko Lydia Cacho, in Ghana Anas Aremeyaw Anas. Sie haben sich auch durch persönliche Begegnungen von mir inspirieren lassen und mich zum Vorbild genommen. So sind sie auch für mich inzwischen zu Vorbildern geworden. Es gibt auch Jüngere in meinem „Team Wallraff“ bei RTL, bei denen ich sehe, wie ernst sie das angehen und sich solchen Recherchen auch längerfristig aussetzen. Bei mir brauchte es manchmal Monate, bis ich bei solchen Undercover-Recherchen mit einer neuen Identität deckungsgleich wurde. Es gab Rollen, bei denen ich dann sogar in der neuen Identität träumte. Dann bin ich plötzlich ein anderer.

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Fühlen Sie sich dann auch privat in dieser anderen Identität?

Als ich zwei Jahre in der Rolle des türkischen „Gastarbeiters“ Ali gelebt habe, bin ich zum Beispiel mal zu Hause auf meine Mutter getroffen. Ich hatte sie zuvor nicht über die Rolle aufgeklärt und sie erkannte mich mit dunklen Kontaktlinsen und schwarzer Perücke nicht. Als ich dann einige Zeit später umgezogen als ihr Sohn zurückkam, hat sie mich vor Ali gewarnt und meinte: „Was war das für ein unangenehmer Mensch gerade?“ Ich erwiderte: „Das ist mein bester Freund, der mir bei meiner Arbeit hilft.“ Sie antwortete: „Du vertraust den Menschen immer zu sehr. Du wirst erleben: Der wird dir noch mal sehr schaden.“

Wie hat Ihre Mutter auf andere Ihrer Investigativrecherchen reagiert? Einiges war nicht ungefährlich.

Meine Mutter hat sich immer Sorgen um mich gemacht. Bei der Griechenland-Aktion stand sie unter Schock. Auch hier habe ich sie nicht eingeweiht, sodass meine Frau es ihr schonend beigebracht hat, als in den Medien über die Verhaftung und Folter berichtet wurde. Und die Reaktionen auf die „Bild“-Recherche haben sie ziemlich mitgenommen. Die „Bild“ hat danach Kampagnen gegen mich gestartet und dann kamen wohlmeinende Nachbarn und sagten: „Nehmen Sie sich das mit Ihrem Sohn nicht so zu Herzen, die Eltern von Andreas Baader und Gudrun Ensslin können ja auch nichts für die Taten ihrer Kinder.“ (lacht)

Wie haben Sie selbst die Kampagnen und Prozesse gegen Sie weggesteckt?

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Die Prozesse waren sehr mühselig. Ich hatte gute Anwälte, aber alleine der „Bild“-Prozess hat mich zwischenzeitig 250.000 D-Mark gekostet. Im Nachhinein wurde durch die Prozesse aber noch mehr Aufmerksamkeit auf die Themen gelenkt. Inzwischen gibt es beim „Team Wallraff“ weniger Prozesse. Die Unternehmen, denen wir Missstände nachweisen, haben gelernt, dass durch solche Prozesse eine noch größere Öffentlichkeit entsteht und es ein Dauerthema bleibt.

Bei Thyssen etwa, wo Sie als „Gastarbeiter“ recherchiert haben, hatten viele auch langfristige gesundheitliche Schäden durch die Arbeit. Wie ist das bei Ihnen – haben Sie gesundheitliche Folgen durch Recherchen mitgenommen?

Ich habe Glück gehabt, ich lebe ja noch (lacht). Ich war hochtrainierter Marathonläufer. Bei Thyssen mussten wir ohne Staubmaske und ohne sonstigen Schutz in Giftstoffen arbeiten. Wir erbrachen fast den Staub, in dem die giftigsten Sachen waren. Da habe ich mich schon gefragt, ob ich mir das antun muss. Aber ich wusste: Wenn ich aufhöre, lasse ich meine Kollegen im Stich. Ich hatte danach einen schweren Bronchienschaden, noch bis heute habe ich damit manchmal Probleme. Aber das gehört zu meiner Identität. Ich fühle mich den Menschen am nächsten, die nicht dazugehören, denen Unrecht geschieht, die geächtet werden.

Haben Sie eigentlich kein Bedürfnis nach Rente?

Die ewige Ruhe ist uns noch lange genug vergönnt (lacht). Ich bin gefordert. Etwa die Hälfte meiner Tätigkeiten sind Hilfestellungen. Ich bekomme ständig Zuschriften oder Besuche von Menschen, denen gravierendes Unrecht geschieht. Hier und da erreiche ich etwas und kann jemandem zu seinem Recht verhelfen.

Wollen Sie denn in Ihrem Alter noch mal eine große Recherche angehen?

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Ich bereite eine Rolle vor, in der ich selbst noch mal in einer anderen Identität lebe. Und ich schreibe seit einiger Zeit an meiner Autobiografie.

Wie werden Sie Ihren 80. Geburtstag dann verbringen?

Ich bin mal an einem Geburtstag – das ist schon lange her – 100 Kilometer gelaufen, durch den Schwarzwald. Am Zielort habe ich meine Frau getroffen und mit ihr in einem Gasthof angestoßen. Meinen 60. habe ich in Afghanistan verbracht und dort eine Mädchenschule gestiftet. Zu meinem 80. werde ich mir etwas Sinnvolles einfallen lassen.

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