“Isi & Ossi” startet bei Netflix: Romanze made in Germany

Isi (Lisa Vicari) spricht mit Ossi (Dennis Mojen), der im Boxring sitzt - eine Szene aus «Isi & Ossi». Die Love-Story zwischen einer Heidelberger Millionärstochter und einem Mannheimer Boxer ist am 14.02.2020 bei Netflix zu sehen.

Isi (Lisa Vicari) spricht mit Ossi (Dennis Mojen), der im Boxring sitzt - eine Szene aus «Isi & Ossi». Die Love-Story zwischen einer Heidelberger Millionärstochter und einem Mannheimer Boxer ist am 14.02.2020 bei Netflix zu sehen.

Eigentlich trennen Heidelberg und Mannheim nur 16 Minuten S-Bahn oder das Dreifache im Dauerstau. Vergleicht man jedoch die Sozialstruktur der beiden Nachbarstädte, dann könnten sie unterschiedlicher kaum sein. Hier die malerische Mittelalterperle, da der verarmte Industriemoloch: Kein Wunder, dass Isabel und Oscar geografisch bloß ein paar Kilometer trennen, atmosphärisch hingegen ganze Welten. Schließlich bewohnt erstere ein Heidelberger Schloss, deren Bewohner an ihrem 10. Geburtstag exakt 2 347 865 513,27 Euro besitzen, während die alleinerziehende Mutter von letzterem mal eben das Doppelte der letzten vier Ziffern hat, um im Mannheimer Plattenbau Pommes zu braten.

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Es scheint also schlicht ausgeschlossen zu sein, dass die elitäre Königstochter jemals auf den boxenden Bauernsohn trifft – außer in Grimms Märchen. Oder bei Netflix. Denn dort will die frisch gebackene Abiturientin zehn Jahre nach dem Rückblick auf ihre Kindheit lieber Köchin als Erbin werden, was ihre standesbewussten Eltern verständnislos ablehnen, besser: verachten. Damit sie trotzdem vorzeitig das prall gefüllte Ausbildungskonto öffnen kann, will Isi Mama (Christina Hecke) und Papa (Hans-Jochen Wagner) erpressen. Dafür verkauft die abtrünnige Tochter nicht nur Burger im Schnellimbiss, mit dem desperaten Ossi mietet sie sich zum Gegenwert seiner ersten Profikampfbörse nebst Schuldentilgung auch noch eine Art Gigolo. Untragbare Scheinbeziehung gegen 25 000 Euro in bar. Deal!

Erster deutscher Netflix-Film

Zugleich aber auch Auftakt eines wunderbaren Echtzeitmärchens, das – Achtung Spoiler! – nach ein paar Irrungen und Wirrungen mit echter statt vorgetäuschter Liebe aufs Happy End am Boxring zusteuert. Klingt nach dem Cinderella-Stoff tausender Romantic Comedys. Dazwischen allerdings gelingt „Isi & Ossi“ ein kleines Kuriosum: Nach eigenem Drehbuch verrührt Regisseur Oliver Kienle die Bestandteile Sozialdrama, Milieustudie und Coming-of-Age-Komödie nämlich so virtuos zum ersten deutschen Netflix-Film, dass er nach seiner Finanzmarkt-Serie „Bad Banks“ abermals Fernsehen von Weltformat abliefert.

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Denn so ulkig die Erzählung vom freigewählten Aschenputtel (Lisa Vicari) beim Linsensieben im Dienstbotentrakt ihres Anti-Prinzen (Dennis Mojen) gelegentlich auch sein mag: Dank der spielfreudigen Darsteller und Kienles grenzenlosem Respekt vor den Gefühlen aller Protagonisten, sind Isi & Ossi weitaus wahrhaftiger und dabei unterhaltsamer als viele ARD-Mittwochsfilme, von den Jugendkulturstoffen im Privatfunk ganz zu schweigen. Ernst Stötzner zum Beispiel agiert als Ossis Opa, der frisch aus dem Knast eine Youtube-Karriere als Gangsta-Rapper startet, oberflächlich gesehen ein wenig drüber.

Selten war Entertainment sachlicher

Unter seinem manchmal rassistischen, meist liebenswerten Charme allerdings brodelt eine Verzweiflung, die das ganze Dilemma sozialer Abwärtsspiralen verdeutlicht – und damit als emotionales Kontrastprogramm zum überbordenden Reichtum von Isis altem Umfeld dient, das trotz oder wegen all der Sportwagen zum Abi und Antiquitäten im Blauen Salon innerlich so leer sind wie Asis Konto. Umso unvergleichlicher an diesen 100 sensationell leichtfüßigen Filmminuten ist daher, dass Oliver Kienle die Pole nicht erhobenen Zeigefingers gegeneinander aufwiegt, sondern allen genug Luft zur würdevollen Selbstachtung lässt, aber auch nichts beschönigt.

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So hart der Pöbel trotz aller Sorgen auch feiern kann, so bitter ist es schließlich, zum Katerfrühstück nur Fastfood im schimmeligen Kühlschrank zu finden. Und so viele Luxusautos die Elite auch im Schlosskeller stehen hat, so wenig können sie die Kälte im Herzen der Besitzer erwärmen. Solche Binsenweisheiten werden uns hier mit großer Empathie und viel Humor verabreicht. Selten war Erkenntnisgewinn lustiger, selten Entertainment sachlicher. Fortsetzung erwünscht!

RND/Jan Freitag

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