Netflix-Drama „The Unforgivable“ mit Sandra Bullock: Geht das Leben weiter?

Gefangen auch in der Freiheit: Ruth (Sandra Bullock) erzählt Blake (Jon Bernthal) von ihrer Gefängnisstrafe wegen Polizistenmords.

Gefangen auch in der Freiheit: Ruth (Sandra Bullock) erzählt Blake (Jon Bernthal) von ihrer Gefängnisstrafe wegen Polizistenmords.

Es läuft alles ähnlich wie in der Serie „Unforgiven“ – nur diesmal nicht in England. Eine Frau kommt in Seattle aus dem Gefängnis frei. 20 Jahre hat sie abgesessen für die Ermordung eines Polizisten. Der Bewährungshelfer teilt ihr eine Litanei von Verboten mit. Sie wird in Chinatown einquartiert – in einem Zimmer mit anderen zerbrochenen Resozialisierungsaspirantinnen. Es ist schlimmer als in der Zelle. Ein anonymer Anruf dort: „Wir machen dich fertig, Copkiller!“

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In der britischen Serie hatte sich Suranne Jones („Scott & Bailey“) als Ruth Slater dem Publikum unter die Haut gespielt. Die US-Version sollte ursprünglich Actionmeister Christopher McQuarrie inszenieren – mit Angelina Jolie in der Hauptrolle. Man kann froh sein, dass es anders gekommen ist.

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Nora Fingscheidt, deren „Systemsprenger“ also nicht nur Hauptdarstellerin Helena Zengel ein Entree in Hollywood verschaffte, hat stattdessen mit viel Fingerspitzengefühl Regie geführt. Mit „The Unforgivable“ ist der 38-jährigen Braunschweigerin neuerlich ein intensives Drama über einen Menschen gelungen, dem das System Teilhabe verweigert. An Jolies Stelle spielt nun Sandra Bullock, die auch Produzentin ist (zusammen mit Veronica Ferres).

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Bullock ist alles Gewinnende, das man aus so vielen Filmen mit ihr kennt, aus dem Gesicht gewichen. Sie ist verhärmt, die Augen stechen, die Lippen sind aufeinander gepresst, als dürfe nie wieder ein Lächeln darauf erscheinen. Sie kommt nicht klar mit dem Draußen, sie wird von Erinnerungen an die Zeit heimgesucht, als sie mit ihrer kleinen Schwester zusammenlebte, als sie im Diner auf ihre Verhaftung wartete. Sie arbeitet in einer Fischfabrik und nebenbei auch als Schreinerin. Ihr Kollege Blake (Jon Bernthal) wagt erste Schritte – bis er erfährt, wen er vor sich hat. Ruth wird von einer Kollegin verprügelt, deren Vater Polizist ist.

„Blödsinn. Abstammung macht noch keine Familie“, bescheidet sie der Bewährungshelfer (Don Morgan), als sie nach Katie (Aisling Fraciosi) zu suchen beginnt. Das Recht auf Kontakt habe sie mit den Morden verwirkt. „Sie kennt Sie nur als Mörderin, Ruth!“ Ein Anwalt (Vincent D‘Onofrio) will ihr in der Sache „pro bono“ beistehen. Seine Frau (Viola Davis) teilt die Ressentiments der meisten. Und als die Adoptiveltern (Richard Thomas, Linda Emond) ihr gestehen, nie einen ihrer Briefe weitergereicht zu haben, sprüht blanke Wut aus ihr heraus.

Eine Gefängnisstrafe, die lebenslang nachwirkt

Die Eskalation ihrer Verzweiflung inszeniert Fingscheidt dann so radikal wie zuvor die Ausraster ihrer Systemsprengerin. Die Freiheit, die sich wie ein Gefängnis anfühlt, die Ablehnung und Diskriminierung führen zu einem zerstörerischen Ausbruch. Bullock brüllt, tobt, reißt ein. Dass ein Augenblick irreversibel ein ganzes Leben zerstören kann, dass Gefängnis lebenslang nachwirkt, wird dem Betrachter in diesem Moment klar. Der Sheriff kam damals, um eine Zwangspfändung der Farm abzusichern. Dass die Slater-Schwestern obdachlos geworden wären, wollte er verhindern.

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Die Ereignisse spitzen sich zu. Die Söhne des Sheriffs wollen Ruth Gleiches mit Gleichem heimzahlen und ihre Schwester töten. Und so bewegt sich das Drama einer Ausgestoßenen in Richtung einer Tragödie. Manches fühlt sich im kurzen Spielfilmformat zu sehr verdichtet an, sodass es nicht mehr plausibel erscheint.

Der Zwist der Brüder wirkt kolportagehaft. Die Verwandlung des zunächst sanften jüngeren Bruders Will Pullen in einen rotglühenden Racheengel – nur durch eine Redensart Ruths („Das Leben geht weiter, oder?“) – kommt zu unvermittelt, ist auch zu radikal, um plausibel zu sein. Man hätte Fingscheidt und ihrem Autorentrio Peter Craig, Hillary Seitz und Courtenay Miles eine Miniserie gewünscht, um den interessanten Nebencharakteren die nötige Entfaltung gewähren zu können.

Dann steht die Geschichte plötzlich Kopf. Die „Pointe“ kurz vor Schluss ist erschütternd. Etwas, das man nicht kommen sah, das auf uns zeigt, und das uns „Unrecht!“ zuflüstert.

„The Unforgivable“, 112 Minuten, Regie: Nora Fingscheidt, mit Sandra Bullock, Jon Bernthal, Richard Thomas, Vincent D‘Onofrio, Viola Davis (ab 10. Dezember bei Netflix).

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