„Tatort“ aus Köln: Lohnt sich das Einschalten?

Die Kölner „Tatort“-Kommissare ermitteln am Sonntag im Fall einer erschlagenen Karnevalistin.

Die Kölner „Tatort“-Kommissare ermitteln am Sonntag im Fall einer erschlagenen Karnevalistin.

Köln. Regel Nummer eins beim Kölner Karneval: Benutze niemals, niemals das F-Wort! Denn wer wie Kommissar Max Ballauf bei den Jecken „Fasching“ sagt, der braucht schon ein gnädiges Umfeld, damit er nicht umfällt. Ballauf (Klaus J. Behrendt) hat dieses Glück, löst er doch nun schon im 20. Jahr mit Kollege Freddy Schenk (Dietmar Bär) die Fälle.

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Vielleicht dürfen die beiden deshalb vier Wochen nach ihrem jüngsten Fall um eine Bürgerwehr schon wieder im Ersten ermitteln. Ein prima Anlass, so kurz vorm Rosenmontag dem Karneval nach langer Abstinenz im neuen "Tatort: Tanzmariechen" mal wieder die Hauptrolle zuzugestehen. Eine Zeit also, in der es vergleichsweise einfach ist, sich Masken aufzusetzen, die der inneren Natur entsprechen, Prinzessin oder Zombie, und Rollenbildern mit dreifachen Tuschs eins überzuziehen. "Wenn schon Klischee, dann gnadenlos", sagt an einer Stelle der offen schwule Freund von einem Polizisten und tanzt im engen Polizeikostüm durch die Wache. "Bekloppte gibt es überall", sagt an anderer Stelle Schenk. Dem hat keiner was hinzuzufügen.

Trainerin eines Karnevalsvereins wird erschlagen

Vor der großen Sause aber, um die der Faschingsmuffel Ballauf nicht herumkommt, müssen er und Schenk zum Karnevalsverein „de Jecke Aape“. Die Arbeit dort am Frohsinn und an perfekten Tanzfiguren erinnert an die Ausbildung beim Militär. Die Tänzer tragen Uniformen, das Training und der ehrgeizige Präsident (Herbert Knaup) verlangen höchste Disziplin. Und nun kurz vorm Start in die neue Saison wird die Trainerin erschlagen aufgefunden.

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Der Spaß und die Leichtigkeit waren aber im Verein auch vorher schon verschütt. Annika Lobinger (schön zickig: Natalia Rudziewicz) und Saskia Unger (ebenfalls schön fies: Sinja Dieks) sind im Kampfmodus um die Position des ersten Tanzmariechens – und beide nicht unschuldig am Selbstmord der Vereinskollegin Evelyn. Die talentierte 16-Jährige war zwei Monate vorm Mord an der Tanztrainerin in den Rhein gesprungen, nachdem sie im Internet gepiesackt worden war. Wie unnachgiebig böse Mädchen zueinander sein können.

Nebenrollen sind stark besetzt

Im Elternhaus von Evelyn wird die Tragödie fühlbar. Auch auf dem kleinen Bruder lastet Druck, im Karneval-Business die große Bühne zu bespielen. An der Mutter zehren Schmerz und Zorn und Zweifel. Der Vater kann nicht richtig trauern, worum er weiß, aber was er nicht ändern kann. Die Nebenrollen der Eltern sind mit Tristan Seith und Milena Dreißig stark besetzt. An den Wänden der Familie Pösel klebt überall karnevalistische Tradition: Fotos der Mutter als Funkenmariechen, Fotos von allen vieren in ihrer Tracht, Trophäen aus der Welt organisierter Heiterkeit. Der 11.11. naht – der Tag, an dem Evelyn 17 geworden wäre. Ein extra ausgewähltes Datum, ihre Geburt war ein Kaiserschnitt.

Karneval ist (ebenso wie Fasching) eine Frage von Liebe oder Hass. Der „Tatort“ deckt die beiden Seiten ab und zeigt, dass man sich manches Mal den Dingen eben einfach nicht entziehen kann. Es gibt Zeiten, da brechen sie brachial herein, ob mit Konfetti wie die fünfte Jahreszeit oder mit schwerer Wucht wie die zermürbende Trauer, die den Vater schließlich doch noch packt.

Er ist es auch, der für die Basis einsteht, nicht für die Köpfe, die das Geld kassieren. Er sagt „Karneval, das sind wir, die Leute auf der Straße“ in schönstem Dialekt. So vereint der Kölner Krimi (Drehbuch: Jürgen Werner, Regie: Thomas Jauch) Lokalkolorit mit leichten Fußnoten. Auch die Themen Mobbing, Leistungsdruck, Liebelei am Arbeitsplatz und letztlich Toleranz werden ohne Brüche eingebaut. Das Rätsel um den Mörder bleibt spannend bis zum Schluss. Und danach darf gefeiert werden.

Kölle alaaf!

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Von RND/Michaela Grimm

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