„Tatort: Kehraus“ aus München: Kein ausgefeilter Krimiplot, aber starke Figuren

Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl, Mitte) und Ivo Batic (Miroslav Nemec) zeigen Anna Pollinger (Monika Gruber) ein Bild im neuen „Tatort“.

Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl, Mitte) und Ivo Batic (Miroslav Nemec) zeigen Anna Pollinger (Monika Gruber) ein Bild im neuen „Tatort“.

Karneval, Fassenacht oder Fasnet: Die fünfte Jahreszeit hat viele Namen. In München heißt sie Fasching, und der findet dieses Jahr wegen Corona und aufgrund der weltpolitischen Lage nur mit angezogener Handbremse in der bayerischen Landeshauptstadt statt – der traditionelle Tanz der Marktweiber auf dem Viktualienmarkt am Faschingsdienstag etwa ist abgesagt worden. Im neuen „Tatort“ aus München jedoch gibt es jede Menge Fasching: Die beiden Kommissare Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Ivo Batic (Miroslav Nemec) müssen den rätselhaften Tod eines alten Mannes aufklären, der in einem Park die Treppe hinuntergestoßen wurde und sich das Genick gebrochen hat.

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Ihre Ermittlungen führen Leitmayr und Batic im scheußlichsten Schmuddelwetter in Kneipen mit volltrunkenen Faschingsnarren, Hinterhöfe mit traurigen Konfettiresten und in schäbige kleine Ladengeschäfte – eine deprimierende Szenerie wie aus einem Film von Gerhard Polt oder einer Serie von Helmut Dietl. Bevölkert wird diese Münchner Schattenwelt jenseits von Marienplatz und Frauenkirche von lauter tragischen Verlierern und traurigen Gestalten, die von Regisseurin Christine Hartmann zugleich liebevoll und gnadenlos porträtiert werden. Der sehenswerte Krimi „Tatort: Kehraus“ besticht denn auch weniger mit einem ausgefeilten Krimiplot, sondern mit starken Figuren und einer melancholischen Grundstimmung.

Kommissare lockern den „Tatort“ auf

Natürlich kommen auch im neuen „Tatort“ aus München die altgedienten Kommissare nicht zu kurz, die beiden Haudegen lockern das Ganze immer mal wieder mit kleinen humoristischen Einlagen auf. So stolpert der leicht angetrunkene Faschingsfan Ivo Batic zu Beginn des Krimis mitten in der Nacht in einer weißen Uniform wie der neue Kapitän vom „Traumschiff“ bei seinem Kumpel und ausgemachten Faschingshasser Leitmayr in die Wohnung, an jeder Hand eine Frau im Bienenkostüm.

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Als die Kommissare kurz darauf zu einem Einsatz gerufen werden, müssen die kessen Bienen zu Batics Leidwesen jedoch die Fliege machen – in einem Park wurde die Leiche eines 70-jährigen Mannes gefunden. Eine erste Spur führt die Kommissare in die Kneipe „Irmis Stüberl“, wo es faschingstechnisch hoch herging und sich nun zu später Stunde die letzten Feiernden mit einiger Mühe und glasigem Blick an ihrem Bier festhalten. Die Zeugenbefragungen gestalten sich denn auch einigermaßen schwierig, aber Batic und Leitmayr finden trotzdem heraus, dass der alte Mann in der Kneipe war, sich mit einem verkleideten Gast gestritten und heftig mit einer Frau im Rotkäppchenkostüm geflirtet hat. Da das besagte Rotkäppchen jedoch sturzbetrunken ist, nehmen die Kommissare die Frau kurzerhand mit ins Präsidium, verfrachten sie in eine Ausnüchterungszelle und befragen sie am nächsten Morgen.

Ernüchternd ist auch das Verhör für die Kommissare. Silke Weinzierl, großartig gespielt von der Österreicherin Nina Proll, kann sich angeblich an kaum etwas erinnern. Sie wird trotzdem zur tragischen Schlüsselfigur in diesem atmosphärischen „Tatort“ aus München, in dem es um einen Fall von Geldwäsche geht. Wie sich herausstellt, ist die frühere Faschingsprinzessin Silke II. vor Kurzem aus ihrer Wohnung geflogen und lebt seither im Auto – ein Umstand, den die geschiedene Mutter eines halbwüchsigen Sohnes geschickt zu kaschieren weiß. Als die Überlebenskünstlerin im Rotkäppchenkostüm in einem Auto einen Koffer randvoll mit Geld findet, scheint sich ihr Schicksal zum Guten zu wenden. Doch München zur Faschingszeit ist kein Märchenparadies, wie Silke Weinzierl leidvoll erfahren muss.

„Dieser ‚Tatort‘ ist im Faschingsmilieu angesiedelt und hatte deshalb für mich einen ganz besonderen Reiz“, sagt Regisseurin Christine Hartmann. „Denn anders als beim Karneval in Köln begleitet den Münchner Fasching eine gewisse Melancholie.“

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