Sensationelle Inszenierung

Kenneth Branagh spielt in Sky-Serie Boris Johnson: Aberwitz im Quadrat

Kenneth Branagh als Premierminister Boris Johnson in einer Szene der Dramaserie „This England“.

Kenneth Branagh als Premierminister Boris Johnson in einer Szene der Dramaserie „This England“.

Manche Figuren der Weltgeschichte sind schlicht zu surreal, um wahr zu sein. Mal angenommen, jemand hätte sich Kerle wie Thomas Gottschalk, Andy Warhol, Klaus Kinski oder Donald Trump nur ausgedacht: Vernunftbegabte hielten sie vermutlich für übertrieben exzentrisch, eitel, egoman und blond – womit wir inmitten einer Sky-Serie wären, deren Hauptfigur ein Mix aus allen ist und damit noch unglaubwürdiger als Gottschalk, Warhol, Kinski und Trump zusammen. Die Sache hat nur einen Haken: Es gibt sie wirklich.

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Ihr Name lautet – televisionär wie tatsächlich – Boris Johnson, und wer die Zeit zweieinhalb Jahre zurückdreht, findet Michael Winterbottoms Filmfassung dieses irrsinnig inkompetenten Prime Ministers gleich weniger fragwürdig. Was einiges heißen will. Denn der Boris Johnson, den Kenneth Branagh in „This England“ buchstäblich verkörpert, ist Gottschalkwarholkinskitrumps Aberwitz im Quadrat, aber bis an den Rand des Dokumentarischen glaubhaft.

Auf Grundlage unzähliger Zeugenaussagen, Interviews, Aktenbelege und Filmsequenzen hat der Regisseur sein Biopic nach eigenem Drehbuch schließlich maximal faktenbasiert. Shakespeare-Veteran Branagh schlüpft zudem nicht bloß in den Kurzzeitpremier; Fatsuit und Haarteil, Gestik und Tonfall lassen ihn bis zur Unkennt­lichkeit mit ihm verschmelzen. Auch das aber hebt den Sechsteiler noch nicht aus dem Meer porträtierender Realfiktionen hervor. Wirklich beispiellos wird er durchs Zeitfenster, in dem er spielt.

Totalausfall für Land und Leute

Showrunner Winterbottom konzentriert sich nämlich voll aufs Frühjahr 2020, um aller Welt zu zeigen, was für ein Totalausfall Boris Johnson für Land und Leute war. Nach kurzem Abriss der ersten Monate seiner skandalbegleiteten Amtszeit landet die Serie am 31. Januar, als der frühere Brexit-Gegner in der Downing Street 10 den vollzogenen EU‑Austritt feiert. Von hier aus schwenkt die Kamera auf Originalaufnahmen in Wuhan, wo sich ein neuartiges Virus auf den Weg in eine dilettantisch geführte Nation macht. Diese Diskrepanz zwischen Traum und Wirklichkeit britischer Realpolitik walzt Winterbottom fortan lustvoll aus. Während der Krisenstab des Gesundheitsministeriums über Covid diskutiert, empfängt dessen Vorgesetzter chinesische Trachtentänzer.

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Während halb England kurz darauf im Starkregen ersäuft, genießt der 55‑Jährige mit seiner halb so alten Freundin Carrie (Ophelia Lovibond) den Urlaub. Während die Infektionszahlen erstmals in die Tausende gehen, checkt der Entscheidungsträger Boulevardnews übers erwartete Baby.

Sensationell inszeniert, grandios gespielt

Als sie 6000 übersteigen, gibt er jedem trotzig die verkeimte Hand. Als sie fünfstellig werden, besucht er ein volles Rugbystadion. Als seine Berater beim Stand von 65.000 längst Lockdowns diskutieren, feiert er eine gesellige Babywarmingparty. Und immer dann, wenn die Regie mal echte, mal gestellte Bilder total über­lasteter Covid-Kliniken zeigt, tagt die Exekutive ohne ihren Chef. Boris Johnson hat halt Besseres zu tun als regieren, sagen die Wechselschnitte und verdeutlichen es mit einer bizarren Dreierkonstellation. Dieser stammelnde Charmeur, der ganze Bürotrakte zum Lachen bringt, sobald er feixend eintritt, wird erst im Kontrast zum mephistophelischen Spindoctor Dominic Cummings (Simon Paisley Day) schlüssig, der ganze Bürotrakte zum Schweigen bringt, sobald er stumm eintritt. Gesundheitsminister Matt Hancock (Andrew Buchan) kann nur mühsam zwischen Eskapismus und Machtkalkül eines Politpossenspiels vermitteln, das Sachorientierte mit Augenrollen kommentieren. Immerzu.

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Garniert mit Randgeschichten privater Schicksalsschläge aus Krankenhäusern, Altersheimen, Haushalten wird „This England“ somit zur schwer verdaulichen, sensationell inszenierten, grandios gespielten Verheerung. Sie heißt Boris Johnson und sieht auch noch genauso aus.

„This England“, beim Sky-Streamingdienst Wow, mit Kenneth Branagh

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