Deutsche „Desperate Housewives“

ZDF-Miniserie „Wendehammer“: Eine Leiche im Keller

Nadine (Friederike Linke, l.), Franziska (Susan Hoecke, 2. v. l.) und Julia (Alice Dwyer, r.) versuchen Meike (Meike Droste, 2. v. r.) zu beruhigen, die gerade die Nachricht erhalten hat, dass die Kita keinen Platz für ihren Sohn hat.

Nadine (Friederike Linke, l.), Franziska (Susan Hoecke, 2. v. l.) und Julia (Alice Dwyer, r.) versuchen Meike (Meike Droste, 2. v. r.) zu beruhigen, die gerade die Nachricht erhalten hat, dass die Kita keinen Platz für ihren Sohn hat.

Dieses Seriengewässer birgt ein Geheimnis, und es dürfte düster sein. Das zeigt der heimliche Hauptdarsteller des ZDF-Sechsteilers „Wendehammer“ gleich zu Beginn auf seiner glitzernden Oberfläche. Besser noch: ein Stück darunter. Beat Solèrs Variation von Harry Potters Titelmusik folgt gerade einem Hund beim Kraulen über den friedvollen See, da taucht die Kamera ab, und spätestens seit der „Der weiße Hai“ ahnen die Zuschauer: Hier lauert Bedrohliches. In dem Fall: Skelettiertes.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Am Ende jeder Episode nämlich wird donnerstags zur Primetime im Zweiten buchstäblich ein bisschen klarer, worin das Geheimnis dieser schwarzen Komödie besteht: Irgendwer hat irgendwen irgendwo im Nirgendwo der deutschen Provinz versenkt. Und Regisseurin Ester Amrami macht sich einen Spaß daraus, das verbliebene Skelett von Cliffhanger zu Cliffhanger ein wenig sichtbarer zu machen. Was die vermeintlichen Täterinnen von Folge zu Folge etwas mehr Richtung Wahnsinn treibt.

Leben im Spießeridyll

Denn das Opfer, so viel vorweg, könnte der vermisste Bruder des großkotzigen Investors Steinert (Heikko Deutschmann) sein, dessen Golfplatzbau am Ufer den Wasserstand sinken lässt. Sehr zum Leidwesen von vier Frauen, die damit offenbar irgendwie zu tun hatten. Da wäre zum einen Meike (Meike Droste), die ihren Job als Reisekauffrau gegen zwei Kinder getauscht hat und nun um freie Kita-Plätze statt günstiger Flüge kämpft. Da wäre zum anderen Franzi (Susan Hoecke), die ihr Jurastudium ebenfalls der Familie opfert und nun als kontrollsüchtige Hockey-Mum mit Hygienefimmel die Nachbarschaft bewacht.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Da wäre ferner der Vorstadthippie Nadine (Friederike Linke), die als kinderlose Lokal­journalistin mit lockerem Liebesleben zwar Schulden hat, aber Superstoff zum Tratschen. Und da wäre als Vierte im Quartett die erfolgreiche Ärztin Samira (Elmira Rafizadeh), deren Mann (Jonas Laux) erfolglos zur Fortpflanzung drängt. Sie alle leben seit Schulzeiten im Spießeridyll einer Siedlung monochromer Giebeldachhäuser. Und dass sie sich am „Wendehammer“ genannten Ende einer Sackgasse befinden, ist natürlich kein Zufall.

Morbide Story mit Humor

In der steckt schließlich auch das Leben der vier Schulfreundinnen, die zwar auf wechselndem Wohlstandsniveau gut über die Runden kommen, aber mit ungleich mehr Fleisch auf den Rippen ungefähr so endgültig am Grund ihrer Mittelstandsexistenzen festhängen wie die Leiche im benachbarten Badeteich. Bis es sie, also die Leiche, ans Tageslicht zu ziehen beginnt. Vorerst sechsmal 45 Minuten ist „Wendehammer“ somit eine sehr weibliche Mischung aus Sozialdrama und Krimithriller mit Männern wie Meikes achtsamer Ronny (Aram Tafreshian) oder Franzis eitler Kai (Max von Pufendorf), die nicht mehr, aber auch nicht weniger als wichtige Partner eigensinniger Frauen sind.

Und weil Autorin Alexandra Maxeiner berufliche Erfahrung mit Romantik („Zwischen zwei Herzen“) und Comedy („Das Pubertier“) emanzipationsgeschädigter Geschlechtsgenossinnen („Lucie Marshall“) gesammelt hat, trifft ihr Format dabei einen Ton, der die morbide Story auflockert, ohne ulkig zu werden – perfekt angeschlagen übrigens von der zugezogenen Architekturstudentin Julia, die Alice Dwyer mit ihrer außerordentlichen Fähigkeit zur trotzigen Melancholie versieht.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Gelegentlich ist die deutsche Version der „Desperate Housewives“ zwar etwas übereifrig in der Betonung bürgerlicher Klischees. Aber wenn die Göttergatten bei einer Kamerafahrt durchs Vorstadtviertel Beete wässern, während ihre Frauen von Samiras Knoten im Hals über Meikes Betreuungsplatzsuche bis hin zu Nadines Geldnot echte Sorgen verarbeiten, schlüsselt das ZDF stereotype Fragen der Multioptionsgesellschaft absolut ansehnlich auf. Ach ja – und erzählt nebenbei das, was deutsche Zuschauer so lieben: eine Mordsgeschichte.

„Wendehammer“, ZDF-Sechsteiler, mit Meike Droste, Susan Hoecke, Friederike Linke und Elmira Rafizadeh, ab 12. Mai um 20.15 Uhr

Laden Sie sich jetzt hier kostenfrei unsere neue RND-App für Android und iOS herunter

Mehr aus Medien

 
 
 
 
 
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Verwandte Themen

Letzte Meldungen