„Wir brauchen eine größere Farbpalette“: So will die ARD diverser und bunter werden

„Die Farbpalette dessen, was möglich ist, hat sich enorm erweitert“: Szene aus der ARD/Degeto-Serie „How to Dad“ mit (v. l.) Helgi Schmid, Vladimir Burlakov, Nikeata Thompson, Patrick Güldenberg und Ugur Kaya.

„Die Farbpalette dessen, was möglich ist, hat sich enorm erweitert“: Szene aus der ARD/Degeto-Serie „How to Dad“ mit (v. l.) Helgi Schmid, Vladimir Burlakov, Nikeata Thompson, Patrick Güldenberg und Ugur Kaya.

Herr Schreiber, lange hatte das deutsche Fernsehen den Ruf, das „Golden Age of Television“ zu verschlafen. Die globalen Serienhits kamen von anderswo. Wie beurteilen Sie heute die Qualität des deutschen Erzählfernsehens im internationalen Vergleich?

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Die Qualität der Filme und Serien im deutschen Fernsehen ist viel besser als mitunter das Image. Nicht jedes unserer Programme wird international auf Weltreise gehen, aber das ist ja umgekehrt genauso: Längst nicht alles, was aus den USA, England oder Skandinavien kommt, wird ein Hit. Aber es gibt eine Menge deutscher Produktionen, von denen ich sicher bin, dass sie ein Erfolg werden. Ein Superhit wie „Babylon Berlin“ war da ein enorm wichtiger Türöffner. Natürlich gab es solche Serien auch schon früher, „Das Boot“ etwa oder „Berlin Alexanderplatz“, aber das waren Ausnahmen. Heute gibt es eine Handvoll internationaler Player, die Ästhetik und Erzählweisen definieren und unvorstellbare Summen in den Markt pumpen, von denen ein paar Tröpfchen auch in Deutschland landen. Im deutschen Fernsehen tut sich inzwischen unglaublich viel. Die Farbpalette dessen, was möglich ist, hat sich enorm erweitert.

„Wenn wir die Menschen nicht erreichen – warum sollen die dann für uns bezahlen?“: Thomas Schreiber, Geschäftsführer der ARD-Tochter Degeto Film.

„Wenn wir die Menschen nicht erreichen – warum sollen die dann für uns bezahlen?“: Thomas Schreiber, Geschäftsführer der ARD-Tochter Degeto Film.

Heute gibt es eine Handvoll internationaler Player, die Ästhetik und Erzählweisen definieren und unvorstellbare Summen in den Markt pumpen, von denen ein paar Tröpfchen auch in Deutschland landen. Im deutschen Fernsehen tut sich inzwischen unglaublich viel. Die Farbpalette dessen, was möglich ist, hat sich enorm erweitert.

Thomas Schreiber,

Geschäftsführer der ARD-Tochter Degeto Film

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Aber woran mangelte es bisher? An Mut, Geld, Freiraum im Denken? War man im deutschen Fernsehen zu lange fixiert auf wenige Formate wie Krimis, 45-Minüter oder 90-Minüter, auf feste Sendeplätze, die zu füllen waren?

Ja. Das war so, wir waren sehr auf die linearen Sendeplätze fokussiert: Es gab im Erzählfernsehen entweder die klassische, länger laufende Serie oder den Einzelfilm. Das hat sich in den letzten Jahren gewandelt – unter anderem durch Mehrteiler wie „Das Geheimnis des Totenwaldes“, „Die Toten von Marnow“, „Oktoberfest 1900″ oder „Die wunderbaren Jahre“ bei uns in der ARD, an denen die Degeto allesamt beteiligt war. Für diese ARD-Mehrteileroffensive wurde viel Geld umgeschichtet. Heute müssen deutsche Serien nicht mehr 13 oder 26 Folgen haben, es können auch mal fünf bis acht sein. Wir sind flexibler geworden, was die Längen der Episoden angeht. Natürlich spielt die Mediathek dabei eine große Rolle. So läuft dort beispielsweise ab März die Serie „All in“ – mit achtmal etwa acht Minuten – eine wunderbare Arbeit von Studierenden der Filmakademie Baden-Württemberg.

Es dauerte trotzdem vergleichsweise lange, bis deutsche TV-Macher das horizontale Erzählen wirklich annahmen. Warum bloß?

Eine gute Frage, die ich nicht beantworten kann, ohne selbstkritisch zu sein.

Seien Sie ruhig selbstkritisch.

Das Umdenken hat ja nicht erst seit gestern begonnen, ich denke an „Das Verschwinden“, „Charité“ und „Weißensee“ …

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„Sicher ist, dass so ein Stoff mehr als notwendig war“: Das Quartett aus der Serie „Eldorado KaDeWe“ mit (v. l.) Joel Basman, Valerie Stoll, Lia von Blarer und Damian Thüne.

„Sicher ist, dass so ein Stoff mehr als notwendig war“: Das Quartett aus der Serie „Eldorado KaDeWe“ mit (v. l.) Joel Basman, Valerie Stoll, Lia von Blarer und Damian Thüne.

Aber hätte eine Produktion wie „Eldorado KaDeWe – Jetzt ist unsere Zeit“ vor fünf oder sechs Jahren in der ARD eine Chance gehabt?

Da muss ich ehrlich sagen: Das weiß ich nicht. Sicher ist, dass so ein Stoff mehr als notwendig war und fünf, sechs Jahre zu spät gekommen ist. Aber es gab immer herausragende Ausnahmen. Ich will jetzt nicht bei Adam und Eva beginnen, aber „Raumpatrouille Orion“ gab es damals auch nur genau einmal, in sieben Folgen …

Das war 1966!

Schon klar. Aber heute hat sich das Ziel des neu gedachten Fernsehens verstetigt. Das hat auch viel mit der technischen Entwicklung zu tun, mit Streaming, Apps und iPad. Im Grunde haben wir in der ARD mit der Kika-App oder der „Sesamstraße“-App schon viel früher damit begonnen, zeitsouveräner zu denken, als im „erwachsenen“ Fernsehen. Heute erleben wir wirklich eine Erweiterung der Genrevielfalt. Es gibt nicht mehr nur Krimis und Komödien – wir drehen Mystery, wir wagen uns an Horror, wir erzählen Near-Future-Geschichten …

Die 30- bis 50-Jährigen haben sich zuletzt bei den Öffentlich-Rechtlichen vernachlässigt gefühlt, was Fiction angeht. Sie haben schlicht wenig für sie Interessantes gefunden.

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Wenn wir als System überlebensfähig sein wollen, dann müssen wir Programm für alle machen. Wir werden nicht jede Fragmentierung der Gesellschaft abbilden können, aber wir müssen als ARD dringend diverser werden.

Thomas Schreiber,

Geschäftsführer der ARD-Tochter Degeto Film

Und das war ein Fehler. Wenn wir als System überlebensfähig sein wollen, dann müssen wir Programm für alle machen. Wir werden nicht jede Fragmentierung der Gesellschaft abbilden können, aber wir müssen als ARD dringend diverser werden. Da geht es nicht nur um Frauen und Männer oder Alt und Jung, da geht es auch um Ost und West, um Stadt und Land, um Migration und Nichtmigration. Welche Perspektive haben wir auf die Welt? Was bilden wir ab? Im Moment haben wir bei den Zuschauerzahlen die klare Mehrheit bei den Älteren. Das ist aber nicht der Weg in die Zukunft.

Das heißt: Sie müssen stärker Programm für diejenigen machen, die bisher noch keine ARD gucken – ohne zu wissen, ob das funktioniert. Und auf die Gefahr hin, manchen Stammzuschauer zu vergraulen?

Wie erreicht man denn jüngere Zuschauerinnen und Zuschauer? Mit Nachrichten, mit Sport, gelegentlich mit Events, wie dem Eurovision Song Contest, und vor allem mit fiktionaler Unterhaltung. Es geht uns darum, Zielgruppen mit unseren Formaten anzusprechen, die uns bisher nicht auf dem „Schirm“ hatten. So hat die erste Staffel der queeren Serie „All You Need“ ein neues Publikum angesprochen und rund drei Millionen Abrufe generiert – die zweite Staffel läuft im zweiten Quartal an.

„Wir müssen die Lebenswirklichkeit in diesem Land abbilden, aktuell und historisch“: Die Schauspieler Sascha Gersak (l.) und Petra Schmidt-Schaller in der Miniserie „Die Toten von Marnow“.

„Wir müssen die Lebenswirklichkeit in diesem Land abbilden, aktuell und historisch“: Die Schauspieler Sascha Gersak (l.) und Petra Schmidt-Schaller in der Miniserie „Die Toten von Marnow“.

Welche Geschichten eignen sich denn für Mehrteiler?

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Es ist nie ein Aspekt allein, der entscheidet. Wir müssen die Lebenswirklichkeit in diesem Land abbilden, aktuell und historisch. Das sind die Stoffe, die die Menschen interessieren. „Die Toten von Marnow“ etwa erzählte von Medikamentenversuchen westlicher Pharmaunternehmen an DDR-Bürgerinnen und -Bürgern. Die ersten vier Folgen liefen hintereinander zur Primetime am Samstag – am Sonntag gingen die Abrufzahlen der nächsten Folgen in der ARD Mediathek durch die Decke. Die Menschen wollten nicht warten, bis es Mitte der Woche im Ersten weitergeht. Der Anspruch hat sich enorm verändert. Eine Konsequenz daraus war zum Beispiel: Wir haben alle sechs Teile von „Eldorado KaDeWe – Jetzt ist unsere Zeit“ an einem einzigen Abend im Ersten gesendet. Bei unserer neuen Highend-Serie „Euer Ehren“ mit Sebastian Koch, Tobias Moretti und Paula Beer planen wir zusätzlich zur Einstellung in die Mediathek ebenfalls eine besondere Programmierung im Linearen.

Das heißt: Das Publikum erzieht die Fernsehmacher – nicht mehr umgekehrt.

Ich denke durchaus, dass fiktionale Formate die Menschen beeinflussen, aber das tun auch neue technische Möglichkeiten. Für die Produktionen der Degeto gilt: Es gibt die Donnerstagskrimis oder die „Endlich Freitag im Ersten“-Filme und Reihen, die wurden ursprünglich für das klassische Fernsehen gemacht. Aber auch deren Reichweite in der Mediathek nimmt stetig zu. Das bedeutet: Wir müssen die Mediathekenverwertung nicht nur mitdenken beim Programmmachen – sie ist inzwischen ein ausschlaggebender Faktor.

Soll das heißen, dass coole, innovative Produktionen im linearen Programm keinen Platz haben?

Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass 30- bis 50-Jährige lineares Fernsehen deutlich weniger nutzen als ältere Altersgruppen. Die Welt ändert sich.

Thomas Schreiber,

Geschäftsführer der ARD-Tochter Degeto Film

Natürlich nicht. Aber wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass 30- bis 50-Jährige lineares Fernsehen deutlich weniger nutzen als ältere Altersgruppen.

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Das heißt, Sie haben als ARD gar nicht mehr den Anspruch, das lineare TV-Programm wesentlich zu verjüngen – weil diese Zuschauer eh verloren sind?

Wir müssen die Veränderungen im Nutzungsverhalten akzeptieren. Die Welt ändert sich. Wir haben daher einen zweistelligen Millionenbetrag umgewidmet, um unser Streamingangebot auszuweiten.

Das ist ein gewaltiger Schritt für die ARD – zu sagen: Wir haben im klassischen Fernsehen einen Teil des Publikums verloren. Was bedeutet das dann für Das Erste und die Dritten?

Ich glaube nicht, dass das lineare Fernsehen tot ist. Es gibt immer wieder den Lagerfeuereffekt, wo Alt und Jung zusammenkommen, um sich Shows oder große fiktionale Geschichten gemeinsam anzuschauen. Tatsache ist aber auch, dass jenseits der 60 die Menschen weiterhin sehr viel lineares Fernsehen gucken.

Aber wer jetzt nicht ARD guckt, wird es später erst recht nicht tun.

Doch. Aber eben in der Mediathek, also zeitsouverän. Natürlich werden die Streamingplattformen mittelfristig dominieren, darunter sicherlich auch die ARD-Mediathek. Ich zweifle aber, dass auf Dauer wirklich alle Menschen die Mittel und die Zeit haben werden, ihr Programm vollständig und ausschließlich selbst zu gestalten. Außerdem sieht der Staatsvertrag vor, dass wir Inhalte auch linear senden müssen. Aber unsere Prioritäten haben sich eben verändert.

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„Die erste Staffel hatte allein fünf Millionen Abrufe in der Mediathek“: Szene aus der zweiten Staffel der Serie „Beforeigners“.

„Die erste Staffel hatte allein fünf Millionen Abrufe in der Mediathek“: Szene aus der zweiten Staffel der Serie „Beforeigners“.

Warum lässt die ARD überhaupt so viel Programm selbst produzieren, statt Qualität auf dem internationalen Markt einzukaufen?

Weil wir großen Wert darauf legen, Geschichten aus Deutschland von und mit deutschen Kreativen zu erzählen. Und die gibt es auf dem Weltmarkt so nicht. Und längst nicht alles, was dort zu haben ist, ist begnadet und genial. Wir bieten als ARD Degeto beides an: internationale Lizenzinhalte und Koproduktionen sowie deutsche Produktionen. Schauen Sie auf die Startseite der ARD Mediathek von heute: Da gibt es Lizenzinhalte wie die skandinavische Thrillerserie „Thin Ice“ oder „Atlantic Crossing“, eine norwegisch-amerikanische Koproduktion, und die Degeto-Serien „Schneller als die Angst“, „Legal Affairs“ oder „Das Begräbnis“, Letzteres eine deutsche Improvisationsserie, über die viele Zuschauer aus Sachsen oder Brandenburg schrieben: Endlich wird der Osten mal richtig erzählt. Wir haben als Degeto die zweite Staffel „Beforeigners“ lizenziert, die im März in die Mediathek kommt – die erste Staffel hatte allein fünf Millionen Abrufe. Die Mischung macht‘s. Wir müssen und wollen in Zukunft ein bunteres Bild erzeugen und zeigen.

Wie gut verkaufen sich denn umgekehrt deutsche Produktionen aktuell weltweit?

Wir merken, dass das internationale Interesse an deutschen Serien deutlich gestiegen ist. „Schneller als die Angst“ ist gerade nach Spanien und in andere westeuropäische Territorien verkauft worden. Auch „Eldorado KaDeWe – Jetzt ist unsere Zeit“ wird sicher auf vielen Kontinenten gesehen werden. Es gibt aber in der ARD auch sehr gute Ideen für ganz neue Formen internationaler Koproduktionen.

Ein Beispiel?

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Ein Beispiel ist die neue Serie „Das Netz“: Geschichten um Korruption und Kriminalität in der Fußballwelt. Deutschland, Österreich und Italien drehen jeweils eine achtteilige Serie, die in allen anderen beteiligten Ländern dann auch zu sehen sein wird. Gespräche mit südamerikanischen Partnern laufen zurzeit. Der Plan ist, dass alle Serien untereinander ausgetauscht werden, die ein gemeinsames Bild ergeben. Das sind neue Modelle der internationalen Zusammenarbeit.

„Wir wollen und werden unser Angebot, was die Genres und Erzählperspektiven angeht, klar ausweiten“: Leonie (Paula Kober), Clara (Emily Cox) und Carsten (Jens Albinus) in der Serie „Vaterland“.

„Wir wollen und werden unser Angebot, was die Genres und Erzählperspektiven angeht, klar ausweiten“: Leonie (Paula Kober), Clara (Emily Cox) und Carsten (Jens Albinus) in der Serie „Vaterland“.

Was plant denn die Degeto in den kommenden Monaten?

Aktuell in Vorbereitung sind der Vierteiler „Der Herr des Geldes“ mit Oliver Masucci als Alfred Herrhausen, dem von der RAF ermordeten Vorstandssprecher der Deutschen Bank, und „Lamia“ von der jungen Regisseurin Süheyla Schwenk, die die Geschichte einer jungen Muslimin erzählt, deren Eltern aus Algerien stammen und eine DDR-Vergangenheit haben. Spannend wird „Der Trakt“ von und mit Kida Khodr Ramadan, die Geschichte eines Libanesen auf dem Weg zum Profifußballer, der im Gefängnis landet. Und wir bereiten gerade die neue internationale Serie mit dem Arbeitstitel „Die Saat“ gemeinsam mit dem norwegischen Sender NRK vor, die Hauptrolle spielt Heino Ferch. Etwas Besonderes wird die Degeto-Auftragsproduktion „How to Dad“ für die Mediathek, in der vier junge Väter – gespielt von Vladimir Burlakov, Patrick Güldenberg, Helgi Schmid und Ugur Kaya – sich im Vorraum einer Ballettschule anfreunden. Es geht um Genderklischees, Rollenbilder und Lebensmodelle; mit dabei ist auch die großartige Nikeata Thompson als engagierte Ballettlehrerin. Gerade in Postproduktion ist der Sechsteiler „Vaterland“ mit Emily Cox als Anwältin Clara, deren beste Freundin von einem sexuellen Übergriff durch einen Ex-Geliebten berichtet, bei dem es sich um Claras Vater handelt. Aus all dem ergibt sich: Wir wollen und werden unser Angebot, was die Genres und Erzählperspektiven angeht, klar ausweiten.

Gleichzeitig aber muss die ARD sparen und sich digital transformieren. Außerdem stehen die Öffentlich-Rechtlichen unter massivem Legitimationsdruck. Was bedeutet das alles für die Degeto?

Es kommt ja noch etwas obendrauf: nämlich Corona. Für die Degeto bedeutete die Pandemie Mehrkosten in zweistelliger Millionenhöhe für die Jahre 2020/21, durch Hygienemaßnahmen, Ausfälle, Mehraufwand. Das hat es nicht leichter gemacht.

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Wie gehen Sie denn in neuen TV-Produktionen mit dem Thema Corona um? Spielen die Schauspieler mit Masken? Ist die Seuche sichtbar?

Es gibt keine allgemeingültige Hauslinie dazu – es kommt ganz auf die Geschichte an. Aber will man als Zuschauerin oder Zuschauer den Menschen im Film nahekommen, ist das hinter Masken schwierig. Andererseits können wir nicht so tun, als lebten wir auf einem Planeten der Glückseligkeit, auf dem es keine Pandemie gibt. Es muss inhaltlich passen – bei „Für immer Sommer 90″ oder „Kranitz“ hat es gepasst.

Sky will die Zahl seiner deutschen Eigenproduktionen bis 2024 verdoppeln, Netflix und Prime investieren unverändert Milliarden. Wer ist denn eigentlich Ihr Hauptkonkurrent?

Es gibt mehrere. Natürlich sind wir Partner, aber auch Wettbewerber mit dem ZDF. Dann sind die amerikanischen Streamer unsere Konkurrenten. Aber da muss man klar nach Altersgruppen unterscheiden: Bei den Älteren findet der Wettbewerb im linearen Fernsehen statt, in dem Netflix und Co. keine dominante Rolle spielen – derzeit. Bei den Jüngeren ist es vor allem ein Wettbewerb um Zeitbudgets. Wir konkurrieren um ihre Aufmerksamkeit mit Youtube, Netflix, Tiktok, Prime Video, Disney+, Joyn und anderen.

Hat sich der Wettkampf um kreative Köpfe und gute Ideen verschärft?

Ja. Das hat er. Es läuft ein harter Wettbewerb um die besten Kreativen. Programmmachen wird deutlich teurer, nicht nur wegen der Pandemie, der Inflation und dem Bemühen um klimaneutrales „Green Shooting“, sondern weil der Markt einfach auf Volllast fährt. Für Produzentinnen und Produzenten ist es eine echte Herausforderung, ein gutes Team zum passenden Zeitpunkt zusammenzustellen.

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Die Konkurrenz auf dem Streamingmarkt wächst unaufhörlich. Was bedeutet das für den öffentlich-rechtlichen Kosmos?

Wir müssen endlich sichtbar werden für die vielen Menschen, für die die ARD bisher überhaupt nicht auf ihrer Medien-Speisekarte steht. Wie viele Menschen leben hier in Deutschland, sind hier geboren, haben einen deutschen Pass, zahlen den Rundfunkbeitrag und haben Eltern oder Großeltern, die aus Spanien, Russland, Italien, Portugal oder der Türkei gekommen sind – und tauchen bei uns im Programm kaum auf?

Thomas Schreiber,

Geschäftsführer der ARD-Tochter Degeto Film

Es ist im Prinzip ganz einfach: Die Produktionen werden teurer, aber gleichzeitig müssen wir Programm machen, das möglichst linear und in der Mediathek funktioniert. Daraus ergibt sich: Wir müssen endlich sichtbar werden für die vielen Menschen, für die die ARD bisher überhaupt nicht auf ihrer Medien-Speisekarte steht. Wie viele Menschen leben hier in Deutschland, sind hier geboren, haben einen deutschen Pass, zahlen den Rundfunkbeitrag und haben Eltern oder Großeltern, die aus Spanien, Russland, Italien, Portugal oder der Türkei gekommen sind – und tauchen bei uns im Programm kaum auf? Denen müssen wir endlich zeigen: Wir sind für euch da. Wir nehmen euch wahr.

„Wir brauchen einfach eine größere Farbpalette. Und das betrifft längst nicht nur die Hautfarbe oder Kultur“: Szene aus der Serie „Back to life“ mit Daisy Haggard.

„Wir brauchen einfach eine größere Farbpalette. Und das betrifft längst nicht nur die Hautfarbe oder Kultur“: Szene aus der Serie „Back to life“ mit Daisy Haggard.

Die ARD hat sich mehr Diversität verordnet, weil die Gesellschaft diverser ist.

So ist es. Wir brauchen viel mehr Kreative, die für einen anderen Hintergrund und eine andere Sozialisation stehen. Das kann nicht alles Elyas M‘Barek machen. Wir brauchen andere Perspektiven. Damit auch diejenigen, die vielleicht einen anderen Nachnamen tragen, unser Angebot überhaupt erst mal bemerken und sagen: Das ist ein starkes Programm, das gucke ich. Das bekommen wir nur mit Inhalten hin, die für sie relevant sind, mit Geschichten, die ihr Leben spiegeln.

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Wir brauchen viel mehr Kreative, die für einen anderen Hintergrund und eine andere Sozialisation stehen. Das kann nicht alles Elyas M‘Barek machen.

Thomas Schreiber,

Geschäftsführer der ARD-Tochter Degeto Film

Hat das innerhalb der ARD wirklich jeder verstanden? Auch beim Bayerischen Rundfunk?

Das ist gemein, der BR verändert sich rasant! Das Ziel teilen alle, nicht umsonst ist das auch ein wichtiges Thema der ARD-Vorsitzenden Patricia Schlesinger. Alle wissen es: Je konsequenter und schneller wir uns verändern, desto besser. Das ist auch eine gesellschaftliche Aufgabe.

Das werden wieder viele als „volkserzieherische Maßnahme“ und als „Diversitätswahn“ verunglimpfen.

Und das ist natürlich Unsinn. Wir brauchen einfach eine größere Farbpalette. Und das betrifft längst nicht nur die Hautfarbe oder Kultur. Diversität bedeutet auch: Die Hälfte der Bevölkerung lebt auf dem Land, und das werden bei der aktuellen Entwicklung der Haus- und Mietpreise sicher nicht weniger. Aber wie erzählen wir eigentlich vom Leben auf dem Land? Welche Klischees schwingen da mit? Wenn es in der Stadt brennt, rufst du die Feuerwehr. Wenn es auf dem Land brennt, bist du die Freiwillige Feuerwehr. Das kann man mit einer arroganten, urbanen Hochnäsigkeit betrachten und auf Applaus aus Berlin-Friedrichshain hoffen, man kann aber auch sagen: Dort gibt es eine funktionierende Gemeinschaft, das ist etwas Gutes.

Im Grunde müssen wir für die Kids aus dem Bahnhofsviertel in Frankfurt genauso etwas anbieten wie für eine 85-jährige Dame aus Eschersheim.

Thomas Schreiber,

Geschäftsführer der ARD-Tochter Degeto Film

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Das heißt: Ihr Ziel ist es, stärker Menschen zu erreichen, die bisher gar nicht wissen, dass es Sie gibt.

Ja. Denn wir müssen als Programmmacher doch wissen, was die Menschen interessiert, die uns bezahlen. Das ist unsere Aufgabe. Dabei geht‘s eben nicht bloß um Alt oder Jung. Sichtweisen und Erfahrungen hängen nur sehr eingeschränkt am Alter. Es ist nur ein Aspekt der Diversität. Horizont macht sich nicht allein an der Zahl der Lebensjahre fest. Im Grunde müssen wir für die Kids aus dem Bahnhofsviertel in Frankfurt genauso etwas anbieten wie für eine 85-jährige Dame aus Eschersheim.

Aber irgendjemand wird immer beleidigt sein.

„One size fits all“ funktioniert aber nun mal nicht immer. Bei „Babylon Berlin“ hat es funktioniert. Aber wir brauchen klar vielfältigere Angebote. Leuchttürme sind gut und schön, aber wenn man sich so ein Fahrwasser anguckt, gibt es nicht nur einen großen Leuchtturm an der Flussmündung, sondern auch kleine Leuchtfeuer am Strand. Ohne die kommst du auch nicht in den Heimathafen.

Blicke lügen nicht: Liv Lisa Fries und Caro Cult (l.) in einer Szene der neuen Staffel von "Babylon Berlin".

„Ein Superhit wie ,Babylon Berlin' war ein enorm wichtiger Türöffner“: Liv Lisa Fries und Caro Cult (l.) in einer Szene der dritten Staffel von „Babylon Berlin“.

Mehr Diversität würde anknüpfen an eine klassische Funktion des Fernsehens: die Horizonterweiterung. Früher hat Hardy Krüger geografisch ein Fenster zur Welt geöffnet, heute will das Fernsehen also zeitgemäße Lebenswirklichkeiten zeigen, die vielleicht nicht jeder kennt.

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Ich möchte Geschichten aus einer Welt sehen, die ich nicht kenne. Wer erzählt mir die? Sind das nicht diejenigen, die von ihrem Leben in Deutschland wirklich authentisch erzählen können?

Leuchttürme sind gut und schön, aber wenn man sich so ein Fahrwasser anguckt, gibt es nicht nur einen großen Leuchtturm an der Flussmündung, sondern auch kleine Leuchtfeuer am Strand. Ohne die kommst du auch nicht in den Heimathafen.

Thomas Schreiber,

Geschäftsführer der ARD-Tochter Degeto Film

Das ist ja nicht nur eine kulturelle Frage, sondern für ARD und ZDF auch ein Überlebensthema, oder?

Natürlich. Und wenn wir die Menschen nicht erreichen – warum sollen die dann für uns bezahlen? Das ist doch die Grundlage unserer Existenz. Wie gesagt: Wir werden nicht jede Nische abbilden können. Aber es muss uns klar sein, dass Deutschland heute ein anderes Land ist als vor 50 Jahren. Und die große Chance und Aufgabe der ARD ist es, dieses Land in seiner Vielfalt so abzubilden, wie es ist. Wenn wir das falsch machen, werden wir so etwas wie PBS in den USA: ein öffentlich-rechtlicher Schrumpfkanal außerhalb der breiten Wahrnehmung. Das kann nicht der Sinn der Sache sein. Und Unterhaltung spielt bei all dem eine enorm große Rolle.

Sie waren bislang ARD-Unterhaltungskoordinator. Wie verändert sich denn Fernsehunterhaltung? Was ist Vergangenheit?

Du brauchst im Entertainment eine generationsübergreifend einladende Tonalität, wie sie etwa Kai Pflaume hat – keine abweisende. Viele Menschen haben genug von dem Gift, das in asozialen Medien verbreitet wird. Und dann braucht es Leute wie zum Beispiel Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf, die Unterhaltung und Haltung verbinden, wie sie das zum Beispiel herausragend gemacht haben mit der Pflegereportage oder ihrem Bericht aus dem Flüchtlingslager Moria. Unterhaltung darf natürlich entspannen, und es ist auch total legitim nach der Arbeit ohne größere Anstrengung vor dem Fernseher entspannen zu wollen, das braucht jeder von uns ab und zu. Aber ein Unterhalter hat manchmal noch mal einen anderen Blick auf die Welt, in der wir leben. Kai Pflaume hat das gezeigt in „Zeig mir deine Welt“, wo er ganz ohne Voyeurismus Menschen mit Trisomie 21 begegnet ist oder schwer krebskranken Menschen. Wie blicken die auf die Welt? Was beschäftigt sie? Auch das kann Unterhaltung abbilden. Die wichtigsten Tugenden dabei sind Neugierde und Respekt.

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ZUR PERSON

Thomas Schreiber, geboren 1959 in Köln, war bis Ende April 2021 Programmleiter im Bereich Fiktion & Unterhaltung beim NDR Fernsehen sowie ARD-Unterhaltungskoordinator. Seit 1. Mai 2021 ist Thomas Schreiber Geschäftsführer der ARD-Tochter Degeto Film. Das Unternehmen in Frankfurt mit knapp 90 Mitarbeitern erwirbt, produziert und koproduziert für die ARD fiktionale TV-Produktionen darunter zuletzt Serien wie „Babylon Berlin“, „Eldorado KaDeWe Jetzt ist unsere Zeit“ oder „Beforeigners“.

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