„Young Crime“

Talk über Täter: neue True-Crime-Reihe bei Kika

Außer Alex (Fabio Stolp) ist keiner der Basketballer im Umkleideraum. Da greift er zu.

Außer Alex (Fabio Stolp) ist keiner der Basketballer im Umkleideraum. Da greift er zu.

Ein 14-Jähriger, der eine Rentnerin ausraubt. Zwei Jugendliche, die zwei andere Jugendliche am helllichten Tag und mitten in der Fußgängerzone demütigen und schlagen. Oder auch die gerade erst von der Polizei einer norddeutschen Stadt veröffentlichte Meldung über einen „signifikanten Anstieg“ schwerer Messerattacken – all das sind üble, dabei doch „übliche“ Nachrichten der vergangenen Tage.

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Es mag zwar diskutabel sein, ob Statistiken es tatsächlich hergeben, von einer Jugendkriminalität zu sprechen, die in unseren Zeiten geradezu „explodiert“. Unstrittig aber ist, dass Opfer und Täter beziehungsweise Täterin immer jünger werden und dass die Dimension jugendlicher Straftaten ein neues, beängstigendes Niveau erreicht hat. Nicht nur Eltern, Sozialarbeiter, Polizei und Justiz diskutieren dieses Phänomen kontrovers, sondern gerade auch viele Jugendliche selbst, und da ist es kein Wunder, dass ein Thema mit solchem Aufregerpotenzial auch fürs Fernsehen interessant ist.

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Dass der Kinder- und Jugendsender Kika, hinter dem ARD und ZDF stehen, mit dem Talk „Young Crime“ nun nicht nur über, sondern gerade mit denjenigen spricht, um die es zuallererst geht – die Jugendlichen –, ist eine gute Nachricht. So wird in jeder der acht Folgen dieser Sendereihe ein tatsächlich geschehener, wenn auch verfremdeter Fall von Jugendkriminalität von der Tat bis zum Urteil in kurzen Spielszenen vorgestellt. Das Spektrum reicht dabei von Diebstahl über Erpressung bis hin zu Nötigung und Körperverletzung. Über diesen Fall diskutiert im Studio Chinedu Melcher, ein junges Moderatorentalent, von dem man wohl noch hören wird, mit einer Runde von Gästen, deren Besetzung aus jeweils drei Jugendlichen zwischen 13 und 17 Jahren sowie einer Jugendrichterin besteht. So weit, so ehrenhaft.

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Wie die Jugendlichen hier argumentieren, zeigt durchaus Freude an der Rhetorik.

Allerdings weiß man, dass die meisten von derartigen Crime-Doku-Soaps oder Scripted-Reality-Formaten – à la „Die Travatos“ oder „Verdachtsfälle“ – zwar eine gewisse gesellschaftliche Relevanz für sich in Anspruch nehmen, tatsächlich aber nichts anderes sind als Krawallfernsehen und Trash-TV, das immer auch niedere Instinkte bedient.

„Young Crime“ vermeidet derartige Aufgeregtheiten zum Glück völlig. Die Spielszenen sind mit der gebotenen Ernsthaftigkeit, aber ohne zuspitzende Überdramatisierungen inszeniert, und dieser unaufgeregte Duktus zeichnet auch die Studiodiskussion aus. Und wer vielleicht schon daran gezweifelt haben mag, dass die Sprachkompetenz von Jugendlichen, die häufig in verknappten Codes via Messengerdienste kommunizieren, eine substanzielle Diskussion überhaupt ermöglicht, der muss deutlich umdenken.

Denn wie der 14-jährige Mattis, der ebenso alte Sadegh und die 17-jährige Amelie hier argumentieren, zeigt durchaus substanzielle Freude an der Rhetorik, lässt vor allem aber auch Meinungsstärke erkennen. Es macht Spaß, diesen dreien zuzuhören.

Vielleicht könnte man „Young Crime“ vorwerfen, dass Jugendliche gecastet wurden, die für ihr junges Alter ungewöhnlich reif scheinen, und dass die Diskussion durchaus schon mal an ein Fachgespräch von Sozialarbeitern und Psychologen erinnert. Letztlich aber wäre das Jammern auf recht hohem Niveau. Eher schon ist ein Versäumnis, dass die, die ganz direkt betroffen sind – Jugendliche, die selbst schon einmal Opfer oder auch Täter oder Täterin waren –, hier keine eigene Stimme bekommen. Das ist schade. Denn wer, wenn nicht das Opfer selbst, könnte eindringlich erzählen, was Mobbing oder Gewalt bei ihm angerichtet haben?

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Und wer, wenn nicht ein Täter oder eine Täterin, wüsste besser zu berichten, wie eine solche Straftat nicht nur das Leben des Opfers, sondern auch das eigene für immer verändert?

„Young Crime“, Kika, alle Folgen bereits in der Mediathek; lineare Ausstrahlung immer samstags, 20.35 Uhr

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