Familie und Karriere: Eins nach dem anderen

Dies unrealistische Bild von Vereinbarkeit zum einzig wahren Lebensmodell zu erheben, ist gefährlich.

Dies unrealistische Bild von Vereinbarkeit zum einzig wahren Lebensmodell zu erheben, ist gefährlich.

Berlin. Es gibt das Schlagwort von der “Rush Hour of Life“, das der Familiensoziologe Hans Bertram geprägt hat. Es meint dieses Zeitfenster, das sich bei den meisten Paaren im Alter zwischen 30 und 40 Jahren auftut, und in dem sich heute alle wichtigen Aufgaben drängeln: Familie gründen und sich engagiert um die eigenen Kinder kümmern, zwei Karrieren voranbringen, wenn nötig, sogar noch umziehen und pendeln, dabei gutaussehend und fit bleiben, kulturell und politisch auf dem Laufenden sein.

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Wie soll man das alles gleichzeitig schaffen? Das ist sehr schwierig. Und deshalb gibt es viele junge Familien, die unter Zeitnot, Zerrissenheit und dem ständigen Gefühl von Überforderung leiden. Man könnte auch sagen, dass wir in einem Gleichzeitigkeitswahn leben. Weil es wahnsinnig ist zu glauben, dass moderne Mütter und Väter all das leisten könnten, was sie leisten müssten, um in Familie und Beruf ihr “Soll“ zu erfüllen.

Dies unrealistische Bild von Vereinbarkeit zum einzig wahren Lebensmodell zu erheben, ist gefährlich. In meinem Freundeskreis konnte ich aus nächster Nähe beobachten, welche dramatischen Folgen das haben kann. Weil die Eltern im Burn-out landen, Ehen unter den ungeheuren Druckzuständen kollabieren. Und weil viele Mütter und Väter nach einem vollen Arbeitstag keine Kraft mehr haben, sich ihren Kindern wirklich zuzuwenden.

Wir haben genug Zeit, unser Leben stärker in Phasen denken

Deshalb brauchen wir dringend noch ein anderes, ein zusätzliches Lebensmodell. Ich habe es das Nacheinander-Prinzip genannt: Nach einer guten Ausbildung im Beruf durchstarten, nach einer gelassenen Familienphase die kraftvolle Rückkehr in die Arbeitswelt. Und zwar mit der Aussicht, noch 20 oder 30 Jahre für die berufliche Selbstverwirklichung vor sich zu haben.

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Zeit hätten wir eigentlich genug. Seit den Fünfzigerjahren haben wir 15 Jahre Lebenserwartung hinzugewonnen. Stellen wir uns einmal vor, was wir damit alles anfangen können! Wenn wir wollen, können wir länger arbeiten und unser Leben stärker in Phasen denken. Dann haben wir mehr Zeit, um Neues zu lernen, um Berufe zu ergreifen und zu wechseln, mehr Zeit, um unsere Kinder zu begleiten und uns an ihnen zu freuen.

Dass das möglich ist, zeigen die Lebensgeschichten in meinem Buch. Alle meine Protagonistinnen und Protagonisten sind für ein paar Jahre aus dem Job ausgestiegen, um sich in Ruhe der Familienarbeit zu widmen, und haben danach einen beruflichen Aufbruch gewagt. Manche haben angeknüpft an ihre frühere Berufstätigkeit, andere haben sich völlig neu erfunden – als Selbstständige, als Gründerin, als sogenannte Mompreneurs.

Befristete Vollzeitelternschaft gegen die Zwänge der totalen Ökonomisierung

Das Delegieren der Familienarbeit an externe Dienstleister wird von Eltern zugleich als Erleichterung und als Verlust empfunden. Weil sie eine tiefe Dimension der eigenen Lebenserfahrung damit einbüßen. Deshalb sehnen sich viele Frauen danach, einige Jahre mit ihren Kindern zu Hause zu bleiben.

Zugleich haben die Frauen Angst, dann als rückschrittlich zu gelten. Sind sie das? Ich finde, im Gegenteil: Während es dem Feminismus früher darum gehen musste, die Vollzeitberufstätigkeit der Mütter gegen die gesellschaftlichen Erwartungen zu verteidigen, so muss heute die befristete Vollzeitelternschaft gegen die Zwänge der totalen Ökonomisierung in Schutz genommen werden.

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Für viele junge Männer sind die zwei Monate Elternzeit die “Einstiegsdroge“ in die lebendige Vaterschaft. Wenn das Nacheinander-Prinzip sich etabliert, wird es auch für sie weniger riskant, den Rollentausch zu realisieren.

Konsequente Fortsetzung der Emanzipation

Frauen haben heute Zugang zu fast allen Berufen und Bildungswegen und suchen trotzdem nach einem befriedigenden Kompromiss zwischen Familie und Beruf. Beim Nacheinander-Prinzip geht es also nicht um ein Retro-Frauenbild, sondern um eine konsequente Fortsetzung der Emanzipation durch mehr familienfreundliche Wahlmöglichkeiten. Dafür müssen von Politik und Wirtschaft bessere Rahmenbedingungen geschaffen werden. Vor allem für den ambitionierten Wiedereinstieg in den Beruf.

Gelingt er, so profitieren alle – die Familien, der Staat und die Unternehmen. Denn die demografische Krise sorgt für eine zunehmende Knappheit auf dem Arbeitsmarkt, und es ist gut für die Arbeitgeber, diesen interessanten Talent-Pool anzapfen zu können.

Auf dem Weg in die familienfreundliche Gesellschaft der Zukunft

Im Gespräch mit Experten wurde mir klar, dass es viele aktuelle Entwicklungen gibt, die das Nacheinander-Prinzip fördern: Frauen sind inzwischen tendenziell besser ausgebildet als Männer und verfügen zum Zeitpunkt der Familiengründung schon über etliche Jahre Berufserfahrung und ein Netzwerk, auf das sie später wieder zurückgreifen können.

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Die Betreuungsinfrastruktur wurde ausgebaut, die Rollenflexibilität der Männer hat zugenommen. Die Digitalisierung erlaubt einer wachsenden Zahl von Eltern, im Homeoffice zu arbeiten, in der Nähe ihrer Kinder und im Einklang mit den Lebensrhythmen ihrer Familien.

Fortschrittliche Unternehmen bieten ihren Mitarbeitern heute schon die Möglichkeit, ihre Arbeitszeit und ihren Arbeitsort freier zu wählen und nach Familienphasen auf gleichwertige Stellen zurückzukehren. Gerade hat die Bundesregierung den Gesetzentwurf zur Brückenteilzeit beschlossen. Dies ist ein großer Schritt, aber wir müssen noch viel weiter gehen auf unserem Weg in die familienfreundliche Gesellschaft der Zukunft.

Eva Corino

Eva Corino

Zur Person: Eva Corino, geboren 1972, ist Journalistin und Autorin. Die vierfache Mutter lebt in Erfurt. Im Suhrkamp Verlag ist vor Kurzem ihr Buch “Das Nacheinander-Prinzip“ (287 Seiten, 16,95 Euro) erschienen.

Von Eva Corino

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