Gewerkschaften protestieren

Tödliche Unfälle: Das tausendfache Sterben der italienischen Arbeiter

Arbeiter demonstrieren in Rom gegen die hohe Zahl an Arbeitsunfällen. (Archivfoto)

Arbeiter demonstrieren in Rom gegen die hohe Zahl an Arbeitsunfällen. (Archivfoto)

Rom. Fabio P. ist am vergangenen Donnerstag tot am Boden eines Liftschachts im italienischen Außenministerium in Rom aufgefunden worden. Der 39-jährige Monteur und Vater von zwei kleinen Kindern hatte am Tag zuvor an einem Personalaufzug Reparaturarbeiten ausgeführt und ist aus noch nicht geklärten Gründen abgestürzt. Ein Beamter des Ministeriums hatte noch einen Schrei und Hilferufe gehört; es gab eine Suchaktion, die nach einiger Zeit erfolglos abgebrochen wurde. Die Leiche von Fabio P. wurde erst am Morgen danach entdeckt. Außenminister Luigi Di Maio drückte den Angehörigen sein Beileid aus.

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Der tödliche Arbeitsunfall kurz vor dem 1. Mai hat in Italien für einiges Aufsehen gesorgt – nicht nur wegen der Tragik des Vorfalls an sich, sondern auch wegen des Unfallorts: Ein Toter in der „Farnesina“, wie das Außenministerium genannt wird, ist ungewöhnlich. Auf skandalöse Weise alltäglich sind dagegen die Arbeitsunfälle: In den vier Jahren von 2018 bis 2021 sind in Italien laut offiziellen Angaben 4713 Menschen bei der Arbeit ums Leben gekommen – durchschnittlich mehr als drei pro Tag. Weil bei Weitem nicht jeder tödliche Unfall gemeldet wird und die Unfälle auf dem Arbeitsweg in der Regel nicht mitgezählt werden, dürfte die Zahl in Wahrheit noch deutlich höher liegen. In keinem anderen Land Europas sterben so viele Menschen bei der Arbeit.

In keinem Land Europas sterben so viele Menschen bei der Arbeit

Am gleichen Tag, als Fabio P. im Liftschacht des Außenministeriums starb, verunglückte in Rom auch der 62-jährige Bernardino G. bei der Arbeit tödlich: Er stürzte an der Prachtstraße Via Veneto von einem wahrscheinlich ungenügend gesicherten Gerüst. „Diese tödlichen Unfälle sind absurd, denn die Sicherheit ist ein Recht, eine Notwendigkeit“, betonte Staatspräsident Sergio Mattarella am Wochenende. Die Sicherheit am Arbeitsplatz sei wie die soziale Sicherheit „ein fundamentaler Wert unserer heutigen Gesellschaft“. Mattarella hatte am Vortag des 1. Mai im Friaul eine Familie besucht, die im letzten Januar ihren 18-jährigen Sohn verloren hatte – ebenfalls bei einem Arbeitsunfall, bei einer Schnupperlehre auf dem Bau im Rahmen eines Schulprojekts. Der Schüler war am letzten Tag seines Praktikums von einem Stahlträger erschlagen worden.

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Die „caduti del lavoro“, die „Gefallenen der Arbeit“, sind ein immer wiederkehrendes Thema bei den 1.-Mai-Feiern in Italien. Die Gewerkschaften sprechen von einem „täglichen Massaker“ und appellieren seit Jahren an die Arbeitgeber und an den Staat, der Sicherheit am Arbeitsplatz höchste Priorität einzuräumen und die Kontrollen zu verschärfen. Bisher ohne Erfolg: In den ersten vier Monaten dieses Jahres ist die Zahl der tödlichen Arbeitsunfälle erneut um 2,2 Prozent gestiegen. Der frühere Arbeitsminister und heutige Aufsichtsrat der staatlichen Versicherung gegen Arbeitsunfälle Inail, Cesare Damiano, spricht von einer „beunruhigenden Entwicklung“ und erinnert daran, dass sich die Kosten der Arbeitsunfälle jährlich auf 45 Milliarden Euro summierten. Die Inail will in den nächsten Jahren 2,7 Milliarden für Sensibilisierung, Prävention und Beratung der Betriebe und Arbeitnehmer investieren.

Mangelnde Sicherheitsvorschriften, um Zeit und Geld zu sparen

Die Gründe für die Arbeitsunfälle sind bekannt: Schwarzarbeit, mangelnde Kontrollen, Ausbeutung, prekäre Arbeitsverhältnisse. Die meisten Unfälle ereignen sich denn auch auf dem Bau und in der Landwirtschaft, wo der Anteil der Schwarzarbeit am höchsten und wo das Bewusstsein für Prävention und Arbeitssicherheit generell wenig ausgeprägt ist. Aber auch in der Industrie verletzen die Betriebe nur allzu oft die bestehenden Sicherheitsvorschriften, um Zeit und Geld zu sparen. Auch im Zusammenhang mit dem tödlichen Sturz in der Farnesina ermittelt nun die Staatsanwaltschaft wegen der möglichen Verletzung von Arbeitsschutzbestimmungen und wegen fahrlässiger Tötung. Fabio P. wurde offenbar alleine in den Liftschacht geschickt, was aus Sicherheitsgründen verboten ist.

Die Toten bei der Arbeit sind das Spiegelbild einer Arbeitswelt in Italien, die in den letzten Jahren immer ausbeuterischer und prekärer geworden ist. Bei knapp drei Millionen der italienischen Arbeitskräfte handelt es sich um „working poor“, also um Menschen, deren Arbeitseinkommen nicht zum Leben reicht. Ihr Heer ist in der Pandemie noch um 400.000 Personen angewachsen.

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Besonders dramatisch ist die Situation im Süden des Landes. Im Mezzogiorno sind die Löhne und die Renten derart tief, dass viele junge Süditaliener nach Feierabend noch einem zweiten Job nachgehen. Und Rentner sehen sich gezwungen, ihre magere Rente mit Hilfsarbeiten aufzubessern: Vor ein paar Wochen ist in Kalabrien ein 92-Jähriger von einem ungesicherten Baugerüst gestürzt und umgekommen.

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