Reisen mit dem 9‑Euro-Ticket

Im Party­zug mit Punkern: Bereit machen zum Sturm auf Sylt

Ein Punker im Zug auf dem Weg nach Sylt – Farbe ist auf den Boden getropft. Der Mann hat sich die Haare in der Bahn gefärbt.

Ein Punker im Zug auf dem Weg nach Sylt – Farbe ist auf den Boden getropft. Der Mann hat sich die Haare in der Bahn gefärbt.

Westerland. Zwischen Friedrichstadt und Husum, im RE 6 nach Westerland, wird es Zeit für ein Umstyling. Aus ausgeblichenem Grün wird kräftiges Rot. Seelen­ruhig verteilt der junge Mann mit Nieten­jacke und abgewetzten Leder­stiefeln, der selbst von sich sagt, er sei schon als Kind zum Punker erzogen worden, die Farbe aus einer Tube in seinen Haaren.

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Etwas tropft auf den klebrigen Boden zwischen Bier­dosen und Rucksäcken, später wird ein Teil der Farbe für Mitreisende zur Kriegs­bemalung im Gesicht. Alles rüstet sich für den Sturm auf Sylt.

Sylt und das 9-Euro-Ticket: Partytouristen friedlicher als gedacht

Bei gutem Wetter und mit dem 9-Euro-Ticket stürmen Partytouristen die beliebte Urlaubsinsel Sylt. Am Strand ist die Polizei als Party-Crasher unterwegs.

Seit die Bundes­­regierung sich darauf geeinigt hat, mit dem 9‑Euro-Ticket Bahn­­fahrerinnen und Bahn­fahrer entlasten zu wollen, laufen die Planungen für die Insel­revolution. „Ich habe in einem Reddit-Forum gesehen, dass ein paar Leute etwas auf Sylt organisieren wollen. Ich habe sofort gedacht, dass man das auch wirklich umsetzen muss“, sagt ein Reisender mit weit aufgeknöpftem Hawaii­hemd.

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Er reist aus Berlin an, eine Freundin aus Baden-Baden hat sich ebenfalls mit Regional­zügen durch die Republik gekämpft. „Der zweite Zug ist ausgefallen, der dritte war verspätet und dann bin ich gestern irgendwie in Koblenz gestrandet“, erzählt sie. Dort hat sie den Punker getroffen, unterwegs sind immer wieder Leute zu der Reise­gruppe gestoßen und verloren gegangen.

Party­touristen im Zug auf dem Weg nach Sylt – die Stimmung ist ausgelassen.

Party­touristen im Zug auf dem Weg nach Sylt – die Stimmung ist ausgelassen.

Reise nach Sylt wurde zum Internet­phänomen

Der Sturm der Insel und anstehende „Chaostage“ sind zum Meme geworden. In Foren teilen Nutzerinnen und Nutzer fiktive Rock­festival­plakate, in Anspielung auf eine Kinderbuch­protagonistin ein Buchcover mit dem Titel „Conni besetzt Westerland“ und falsche Nachrichten­meldungen zur angeblichen Sperrung Sylts für Touristinnen und Touristen. Das Internet­phänomen ist zum Hype geworden, auch Ballermann-Sänger Ikke Hüftgold singt jetzt in einem neuen Song „wir machen Malle jetzt auf Sylt“.

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Dass sie keinen genauen Plan für das Wochen­ende haben, darin sind sich alle in der Reise­gruppe einig. Die Vorstellung vom Sturm auf Sylt malen sie aber unter­schiedlich aus: Der junge Mann im Hawaii­hemd elaboriert auch nach dem ein oder anderen Bier noch seine Gesellschafts­kritik, dass „die reichen Leute auf Sylt sich raus­nehmen wollen aus der Gesellschaft und wir die normale Gesellschaft da wieder hin­bringen müssen“. Der Punker will keine explizit politische Aktion starten, hat aber auch nichts dagegen, „wenn die Reichen auf die Fresse bekommen“. Und ein anderer teilt zwar grund­sätzlich die Syltkritik, sieht sich aber haupt­sächlich als „Party­tourist“.

Kurz hinterm Hamburger Haupt­bahnhof feiern die Reisenden einen Teil­erfolg ihrer 9‑Euro-Revolution. Die klassen­lose Gesellschaft rückt in erreichbare Nähe, als eine Zugführerin die 1. Klasse auch für Passagiere mit einem Ticket für die 2. Klasse frei­gibt, „wegen der jetzt schon bestehenden Überfüllung“. Der Strecken­abschnitt bis Elmshorn wird zur Nerven­probe für Reisende und Zugpersonal. Immer wieder steht jemand in den Türen, auch entnervte Ansagen helfen nicht. Eine Zugbegleiterin und ein Zugbegleiter versuchen es im Minuten­takt mit geduldigem Erklären, Flehen, Drohungen und Flüchen. Dann werden laut Durch­­sage die ersten Passagiere aus dem Zug geworfen. Eine Verspätung von sechs Minuten wird bekannt gegeben „aufgrund von“, ein Zögern der Zugbegleiterin, „Schwierigkeiten“.

Nach dem Umstieg in Elmshorn wird es dann leerer, fast jeder kann Platz nehmen – wenn es ihn trotz Alkohol und Party in den Sitzen hält. Aus mitgebrachten Boxen schallt aus dem einen Ende des Waggons Abbas „Gimme! Gimme! Gimme!“, aus dem anderen Ende Punk­rock. Zwischen­drin Tages­touristen und Urlauber, die angeekelt wegschauen oder fasziniert die Feiernden beobachten.

Reisende: Auch früher gab es Party­touristen auf Sylt

Viele nehmen die Party aber einfach gelassen hin. Eine Frau aus Kiel erzählt, dass es auf der Strecke immer voll sei und es auch schon früher Party­touristen auf Sylt gegeben habe. Auch wenn sie die Musik und den Bier­geruch langsam anstrengend finde, sieht sie etwas positives in dem 9‑Euro-Ticket: „Ich arbeite im sozialen Bereich und für viele meiner Klienten ist das eine Chance, weil sie sich jetzt Reisen und auch kürzere Fahrten endlich leisten können.“

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Susanne Lokowandt ist weniger entspannt. „Das war gruselig, und möchte ich kein zweites Mal“, erklärt die 48-Jährige später empört bei einem Aperol in Westerland. „Auf der Toilette war alles unter Wasser gesetzt und mit roter Farbe verschmiert.“ Sie beklagt, auf der ganzen Fahrt habe kein einziger Zugbegleiter die Reisenden kontrolliert und für Ordnung gesorgt. Ein Sprecher der Deutschen Bahn will das auf Anfrage des Redaktions­Netzwerks Deutschland (RND) nicht kommentieren. Er weist lediglich auf die mehr als 700 zusätzlichen Service- und Sicherheits­kräfte hin, die im Einsatz seien.

Susanne Lokowandt (48) übt Kritik am Party­tourismus auf Sylt: „Das war gruselig, und möchte ich kein zweites Mal“

Susanne Lokowandt (48) übt Kritik am Party­tourismus auf Sylt: „Das war gruselig, und möchte ich kein zweites Mal“

An den Bahn­steigen in Hamburg, Elmshorn und Westerland ist tatsächlich Service­personal und Polizei zu sehen, eingreifen hätten sie aber nicht müssen. Zwar zünden auf der Fahrt vereinzelt Reisende Zigaretten an und der Großteil ist in den Zügen ohne Corona-Maske unterwegs, aber von gewaltsamem Umsturz keine Spur. Man arrangiert sich miteinander. Eine kranke Frau wird von Feiernden in der Toiletten­schlange nach vorne gelassen, ein Punker bekommt von einem anderen Reisenden ein Deo ausgeliehen.

Als der Zug in Niebüll kurz vor der Insel länger hält, nutzt der Reisende im Hawaii­hemd die Chance und räumt auf. Seine und andere leere Bier­dosen stellt er aus dem Zug auf den Bahnsteig. Und auch die rote Farbe auf dem Boden und in der Toilette wischt er weg. Beim Sturm auf Sylt muss Ordnung sein.

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