Rückhalt stärkt die Demonstrierenden

Prominente unterstützen Proteste im Iran und trotzen Festnahmen und Verhören

Festnahmen, Passentzug und andere Schikanen – für ihre Unterstützung der Proteste im Iran müssen Prominente büßen. Viele lassen sich dadurch aber nicht einschüchtern.

Festnahmen, Passentzug und andere Schikanen – für ihre Unterstützung der Proteste im Iran müssen Prominente büßen. Viele lassen sich dadurch aber nicht einschüchtern.

Bagdad. Musikstars, Schauspielerinnen und Schauspieler, bekannte Sportlerinnen und Sportler: Prominente im Iran machen ihren Rückhalt für die Anti-Regierungs-Proteste öffentlich - und die Regierung schlägt zurück. Es gibt Haftbefehle, Pässe werden eingezogen, und sie werden Ziel einer Reihe weiterer Schikanen.

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Zu den Stars, die den Unmut der Behörden erregten, gehört der Sänger Shervin Hajipour. Der 25-Jährige, dessen Song „Baray-e“ (in etwa: „Für“) zu einer Hymne der Protestbewegung wurde, war festgenommen und tagelang in Haft gehalten worden, bevor er Anfang Oktober auf Kaution freikam. Die Proteste hatten sich Mitte September am Tod der 22-jährigen Mahsa Amini entzündet. Die junge Frau war von der Sittenpolizei festgenommen worden, weil sie ihr Kopftuch nicht den Vorschriften entsprechen getragen hatte.

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Mindestens sieben Prominente seit Beginn der Proteste festgenommen

Hajipours Song beginnt mit einer sanften Melodie, dann setzt der Sänger ein: „für das Tanzen auf der Straße“, „für die Angst, die wir fühlen, wenn wir uns küssen“ und Vieles mehr listet er auf. Es ist eine Aufzählung von Gründen, die junge Iranerinnen und Iraner auf Twitter gepostet haben, warum sie gegen die herrschende Theokratie auf die Straße gehen. Das Lied endet mit dem Slogan „für Frauen, Leben, Freiheit“.

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Mindestens sieben Prominente sind seit Beginn der Proteste laut iranischen Medienberichten festgenommen worden. Die meisten wurden demnach auf Kaution freigelassen, ihnen droht eine Anklage. Weitere wurden zumindest einbestellt und verhört.

Weil sie aber so stark in der Öffentlichkeit stehen, schreckt das von einem allzu harten Vorgehen ab. Anders ist das bei den vielen unbekannten Demonstrierenden: Sie werden in großer Zahl verhaftet, mehrere Dutzend Menschen verloren bereits ihr Leben, viele wurden verletzt.

Rückhalt der Prominenten stärkt die Demonstrierenden

Die Versuche, die Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens zumindest einzuschüchtern, seien hingegen nicht überraschend und nur logisch, sagt Holly Dagres, Analystin mit iranischen und amerikanischen Wurzeln bei der Denkfabrik Atlantic Council in Washington. „Berühmte Persönlichkeiten - seien es Sportler, Schauspieler, Sänger oder Künstler - haben im Iran eine große Anhängerschaft, vor allem in den sozialen Medien, und ihre Unterstützung verleiht den Protesten Leben“, erklärt Dagres.

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Der Rückhalt der Prominenten stärkt die Demonstrierenden, die von weit verbreiteten Internetausfällen immer wieder daran gehindert werden, sich im Netz Gehör zu verschaffen und ihre Forderungen zu verbreiten. Mit ihrer großen Reichweite können die Stars aus Musik, Sport oder Schauspiel das teilweise auffangen. So ließ einer der der beliebtesten iranischen Sänger klassischer persischer Musik, Homayoun Shajarian, kürzlich auf einer Tournee in Australien ein großes Bild von Mahsa Amini hinter sich auf die Bühne projizieren, als er ein traditionelles Lied über Unterdrückung und Hoffnung sang.

Bei seiner Rückkehr in den Iran wurde sein Pass beschlagnahmt, ebenso wie der der Schauspielerin Sahar Dolatshahi, die mit ihm reiste. Später gab Shajarian auf Instagram bekannt, dass sie mit einem Reiseverbot belegt worden seien. Auch der iranischen Fußballlegende Ali Daei wurde bei der Rückreise aus dem Ausland am Flughafen der Pass abgenommen – er hatte die Regierung in den sozialen Medien aufgefordert, die Probleme des iranischen Volkes zu lösen, anstatt auf Repression, Gewalt und Verhaftungen zurückzugreifen. In der Presse erklärte Daei einige Tage später, er habe seinen Pass zurückbekommen.

„Millionen Mädchen sind jetzt Mahsa Amini“

Zwei bekannte ehemalige Fußballspieler, Hossein Mahini und Hamidreza Aliasgari, wurden zeitweise festgenommen und gegen Kaution freigelassen. Die Liedermacherin Mona Borzoui und Mahmoud Shahriari, einst mit einer Show im staatlichen Fernsehen bekannt geworden, wurden ebenfalls verhaftet und müssen mit einer Anklage rechnen.

Prominente hätten eine „steuernde Rolle“ bei den Unruhen gespielt, sagte der stellvertretende Innenminister Madschid Mirahmadi. Er bestritt, dass Sportler verhaftet worden seien, räumte aber ein, dass einige von ihnen „Wegweisungen“ erhalten hätten. Mahini beispielsweise sei freigelassen worden und habe die Chance, seine Fehler wiedergutzumachen, zitierte ihn die Nachrichtenagentur Mehr.

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Viele lassen sich davon nicht abschrecken, wie etwa der Volleyballer Amirhossein Esfandiar. Er verbreitete ein Video von gewaltsamen Zusammenstößen von Sicherheitskräften und Protestierenden weiter und schrieb dazu: „Ihr habt keinen Sinn für Menschlichkeit, warum schlagt und tötet ihr unschuldige Menschen?“

Der ehemalige Fußball-Nationalspieler Ghasem Hadadifar veröffentlichte Fotos von protestierenden Mädchen und schrieb auf Instagram, er sei stolz auf sie. Einige Spieler des FC Persepolis bekundeten Medienberichten zufolge bei einem Spiel in dieser Woche mit schwarzen Armbinden ihre Solidarität mit der Protestbewegung – und seien dafür später von den Sicherheitskräften vorgeladen worden, hieß es.

Die Sicherheitskräfte hätten sie wegen ihrer Posts verwarnt, sagt auch die Schauspielerin Hediye Tehrani. Trotzdem teilt sie weiterhin Bilder zur Unterstützung der Demonstrantinnen und Demonstranten. „Millionen Mädchen sind jetzt Mahsa Amini“, betonte sie kürzlich in einem Beitrag.

Aus dem iranischen Establishment, unter Druck gesetzt von der großen Reichweite solcher Postings, werden inzwischen Forderungen nach einer Organisation laut, die das Verhalten von Musikern, Schauspielern oder Sportlern kontrolliert. Doch die Worte und Ermutigungen dürften kaum noch einzufangen sein.

Shervin Hajipour wurde zwar gezwungen, sein Lied auf Instagram zu löschen, aber dennoch wird es weiter gesungen – von Schülerinnen auf den Straßen der iranischen Städte ebenso wie bei Solidaritätsaktionen in Europa oder Übersee. Eine Kampagne versucht nun sogar, dem Song eine Grammy-Nominierung zu sichern.

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„Auch wenn die Verwendung von #MahsaAmini wie Aktivismus auf der Tastatur erschein mag, sehen die Menschen im Iran, dass die Welt ihnen Aufmerksamkeit schenkt“, sagt die Nahost-Expertin Holly Dagres. „Die Solidarität bestärkt die Demonstranten darin, weiterhin Schlagstöcken und Kugeln zu trotzen, um eine Veränderung in ihrem Land zu erreichen. Sie gibt ihnen Hoffnung.“

RND/AP

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